LONDON (IT BOLTWISE) – Im Interview stellt Dr. Robert Sasse von Renk die These auf, dass der behauptete Burggraben bereits stark eingepreist ist. Renk nennt sich als Markt- und Technologieführer mit rund 70 Prozent Weltmarktanteil bei Kampfpanzergetrieben. Trotzdem bleibt für ihn die Geschwindigkeit der Cash-Conversion der kritische Engpass – insbesondere nach einer unbesicherten Finanzierung über 1,05 Milliarden Euro. Der David-Brown-Deal kann laut Sasse strategisch passen, aber die Umsetzung entscheidet, ob die Prämie im Kurs verdient ist.

Renk nutzt das Bild vom „Burggraben“, um die Haltbarkeit der eigenen Marge zu begründen. Der Ansatz klingt plausibel: Wer Getriebe für sicherheitskritische Plattformen wie Leopard 2, Puma oder Boxer qualifiziert, sitzt nicht auf einem austauschbaren Zuliefer-Commodity, sondern in einer Lieferkette mit langen Nutzungszyklen, Zulassungsprozessen und einer Ersatzteillogik, die Wechsel teuer macht. In der Nische für Kampfpanzergetriebe verweist Renk dabei auf einen Weltmarktanteil von rund 70 Prozent. Genau an diesem Punkt setzt Dr. Robert Sasse an: Er erkennt den Vorteil an, zweifelt aber daran, dass der Markt schon vollständig für „eingebaute“ Eintrittsbarrieren bezahlt – statt für die tatsächliche finanzielle Umsetzung.
Damit verschiebt sich der Fokus vom Marktanteil auf den Mechanismus, wie aus Aufträgen Geld wird. Der Kern seiner Skepsis lautet nicht „Renk bekommt keine Aufträge“, sondern: Wie schnell werden aus Verteidigungsbudgets belastbare Bestellungen, aus Bestellungen Umsatz und aus Umsatz freier Cashflow? Sasse beschreibt diese Kette bewusst als zeitkritisch – und vergleicht den Blick der Börse mit dem eines Beschaffungsbeamten, der gedanklich unterschreibt, bevor die Lieferkette überhaupt „den Stempel gesehen hat“. Wenn eine Aktie stark bewertet ist, reicht in so einem Modell nicht die Nachfragekulisse allein. Entscheidend wird, ob Budget-zu-Auftrag-zu-Umsatz nicht nur rechnerisch, sondern operativ sauber klappt, und ob Working Capital sowie Auslieferungsrhythmen die Cash-Conversion stabilisieren.
Ein weiterer Spannungsbogen entsteht durch die Finanzierungsentscheidung kurz vor dem Halbjahresbericht: Renk hat eine unbesicherte Finanzierung über 1,05 Milliarden Euro finalisiert und löst damit eine alte Börsenkreditstruktur ab. Der naheliegende Reflex vieler Anleger wäre, darin ein Warnsignal für zusätzlichen Finanzierungsdruck im Umfeld des David-Brown-Deals und der Expansion zu sehen. Sasse dreht dieses Signal jedoch um und liest es als Bonitätsvotum der Banken: Eine überzeichnete unbesicherte Struktur sei bei der Größenordnung kein Hilferuf, sondern ein Zeichen dafür, dass Kreditgeber die Plattform als tragfähig einstufen. Wichtig ist für ihn zugleich die Einschränkung: Kaufpreisdetails wurden nicht offengelegt, daher sollte niemand so tun, als sei die Kapitalallokation bereits bewiesen. Die neue Struktur kann strategischen Spielraum eröffnen, ersetzt aber keine Disziplin bei Fälligkeiten, Mittelverwendung und Integrationsfortschritt.
Genau dort landet der David-Brown-Zukauf als strategischer Prüfstein. Sasse sieht vor allem den Marine-Fokus als substanziell: Der Deal soll das Marinegeschäft in Richtung Überwasser- und U-Boot-Antriebe erweitern. Damit erweitert Renk nicht nur Produktbreite, sondern potenziell den Zugang zu Beschaffungsprogrammen innerhalb von Five-Eyes-Strukturen. Für ihn ist das U-Boot-Segment besonders wertvoll, sofern Zulassungen und Kundenbeziehungen tatsächlich in Renk-Strukturen überführt werden. Er stellt dabei klar, dass M&A-Folklore nicht reicht: Wenn Integrationsaufwand höher ausfällt als gedacht oder Aftermarket-Hebel nicht sofort greifen, bleibt der Wettbewerbsvorteil zwar intakt, aber die Börse honoriert vor allem den sichtbaren Weg in Richtung Marge und freier Cashflow.
Auch die Bewertungspunkte werden deshalb nicht nur als „Substanz vs. Kurs“ diskutiert, sondern als Timing-Problem. Das SOTP-Modell nennt einen impliziten Eigenkapitalwert von rund 3,48 Milliarden Euro, während die Marktkapitalisierung etwa 4,78 Milliarden Euro beträgt. Sasse hält den Abstand zwar für konservativ im Modellansatz, gleichzeitig aber für potenziell nicht unbrauchbar, wenn Werttreiber wie Plattformqualifikationen und Aftermarket-Bindung tatsächlich schwerer einzufangen sind als mit normalen Industrie-Multiples. Gerade Ersatzteilgeschäfte über jahrzehntelange Lebenszyklen lassen sich aus seiner Sicht nicht sauber in Tabellenlogik pressen. Entscheidend ist jedoch, dass Sichtbarkeit aus dem Auftragsbestand (genannt: 6,68 bis 6,9 Milliarden Euro) noch kein Bargeld ist – und dass bei Renk die Umsetzungsgeschwindigkeit eine Schlüsselrolle spielt.
Die Umsetzung hat Sasse mit einer konkreten Kennzahl verankert: Die Cash-Conversion 2025 lag bei 47,2 Prozent, deutlich unter dem Ziel von mehr als 80 Prozent. In seiner Argumentation ist das kein Nebensatz, sondern der Punkt, an dem aus einem hervorragenden Nischenunternehmen ein anstrengender Börsenfall werden kann. Deshalb gewichtet er den Burggraben als Prämientreiber, erwartet aber eine sichtbare Bestätigung in Ergebnisqualität, Working Capital und freiem Cashflow. Das lässt sich als klares Anlegernarrativ formulieren: Aufträge in der Vitrine sind schön, aber relevant ist die Kasse dahinter. Wenn die Prämie im Kurs bereits auf eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit setzt, wird die Aktie empfindlicher gegenüber Verzögerungen bei Programmfortschritten, Exportfreigaben oder verschobenen Kundenprioritäten.
Aus dieser Logik folgt auch sein „Verteidige mein Niveau“-Votum gegenüber einem deutlich optimistischeren Konsens. Sasse verteidigt sein eigenes faires 12-Monats-Niveau von rund 50,15 Euro – nicht, um Renk kleinzureden, sondern weil der Markt den Burggraben bereits großzügig behandelt. Für den Konsens müsste er stärker darauf vertrauen, dass die David-Brown-Integration reibungslos läuft, dass die Five-Eyes-Option zügig Wert liefert und dass die Cash-Conversion spürbar in Richtung Managementziel zurückgeführt wird. Sein Urteil bleibt deshalb bewusst kantig: Das Geschäft sei besser als viele Industriewerte, aber die Bewertung verzeihe weniger als viele Investoren wahrhaben wollen. Dahinter steht die zentrale Schlussfolgerung, dass ein Panzergetriebe schwer zu ersetzen ist – die Erwartung im Kurs hingegen sehr wohl.
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