FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Startups verlegen ihre Dachgesellschaften wieder zurück nach Europa, nachdem US-Strukturen lange als schnellster Weg zu Kapital und Bewertung galten. Hintergrund sind nicht nur Bürokratiekosten für Gründung und laufendes Management, sondern auch strengere Erwartungen öffentlicher und kritischer Kunden an Datenhaltung und Herkunft. Im Kern geht es um „Reverse Flips“ wie die Schaffung europäischer Gesellschaften (SE) als Obergesellschaft. Besonders sichtbar wird das am Beispiel Codesphere, das seine US-Governance-Struktur beendet hat.

Die einstige Erfolgslogik klingt in deutschen Gründerkreisen längst nicht mehr so überzeugend wie früher: Wer eine US-Dachgesellschaft hat, soll schneller Geld einsammeln und bei internationalen Investoren besser aufgestellt sein. Genau dieses Muster stützte zuletzt auch der Deutsche Startup Monitor: Von mehr als 1.800 befragten Unternehmern hielten fast 70% die Vereinigten Staaten für das bessere Ökosystem, vor einem Jahr waren es noch 60%. In der Praxis wird das meist mit weniger bürokratischem Aufwand und dem Zugang zu investitionsfreudigeren Kapitalgebern begründet. Doch die Meldung, dass „das Bild der US-Mutter als Erfolgsgarant Risse bekommt“, trifft inzwischen einen realen Nerv: Einige Startups drehen ihre Unternehmensstruktur wieder zurück und schaffen dabei den Weg von einer klassischen US-Tochter-Kaskade hin zu einer europäisch positionierten Holding.
Technisch und juristisch ist der Unterschied nicht nur eine Frage des Firmensitzes, sondern der gesamten Governance- und Reporting-Kette. In der Vergangenheit entschieden sich viele deutsche Startups für einen „Flip“: Sie gründeten eine US-Dachgesellschaft – häufig als Delaware Corporation – und unterordneten die ursprüngliche deutsche GmbH als Tochter. Die Folge: Künftige Eigenkapitalrunden liefen nach US-Recht, und bestimmte Investoren verknüpften ihr Engagement offenbar damit. Dass dies nicht kostenlos ist, beschreibt Martin Schaper, Partner bei der Rechts- und Steuerberaterkanzlei YPOG, konkret: Er verweist auf den administrativen Aufwand einer solchen US-Struktur, bei der man sowohl in den USA als auch in Deutschland jeweils spezialisierte Berater benötigt. Für einzelne Managemententscheidungen komme hinzu, dass Gründer regelmäßig in die USA reisen müssten, was Zeit und Geld kostet – besonders dann, wenn das Unternehmen operativ gar nicht in den USA tätig ist.
Damit allein lässt sich die Gegenbewegung aber nicht erklären. Die zweite Achse ist die Veränderung der Anforderungen durch den Markt, insbesondere dort, wo Startups für öffentliche Auftragnehmer oder in sicherheitsnahen Bereichen arbeiten. Die Herkunft bzw. Positionierung des Auftragnehmers gewinnt in vielen Bereichen an Bedeutung: von Rüstung und Raumfahrt über kritische Infrastruktur bis hin zu Software- und Cloud-Lösungen. Denny Schweitzer, der das Karlsruher Cloud-Startup Codesphere führt, formuliert das als eine Frage der Kundenakquise statt nur der Bewertung: Entscheidend sei nicht nur, wo die höchste Bewertung erreichbar ist, sondern wo sich Kunden gewinnen lassen. Für Codesphere spielt dabei die digitale Souveränität als Kriterium bei der Kaufentscheidung eine wichtige Rolle – und genau an dieser Stelle wird die US-gesetzliche Landschaft zum potenziellen Bremsklotz.
Schweitzer nennt in diesem Kontext den US-Cloud-Act als möglichen Risikofaktor, weil er US-Behörden den Zugriff auf Daten von US-Unternehmen ermöglichen kann, auch wenn die Server außerhalb der USA betrieben werden. Für Unternehmen, die mit sensiblen Daten arbeiten oder in Ausschreibungen gegen strikte Sicherheits- und Kontrollanforderungen antreten müssen, kann eine solche Konstellation schon im Angebotsprozess zu Diskussionen führen, selbst wenn die technische Datenhaltung faktisch in Europa erfolgt. Codesphere hat daher in diesem Jahr einen Schritt umgesetzt, den die Rechtsberaterbranche als „Reverse Flip“ bezeichnet: Das Startup verabschiedete sich von seiner US-Governance-Struktur und etablierte eine Europäische Gesellschaft (SE) als Obergesellschaft. Der Rechtssitz liegt damit wieder in Europa; laut Schweitzer war das ein konkreter Türöffner für Aufträge und Ausschreibungen.
Die Beispiele bleiben nicht bei Codesphere. Auch Langdock, eine Berliner KI-Plattform, die 2023 gegründet wurde und mehrfach von Y Combinator finanziert wurde, schuf sich im September ebenfalls eine SE als Obergesellschaft. Daneben nennt der Bericht das Darmstädter Fusionsenergie-Startup Focused Energy: Es war 2021 als US-Gesellschaft in Delaware mit deutscher Niederlassung gestartet und hat zuletzt eine deutsche Dachgesellschaft mit US-Tochter aufgebaut. In der Beraterbranche werden dafür vor allem bessere Fördermöglichkeiten in Deutschland als Antriebsfaktor genannt. Gleichzeitig ist offen, ob aus den genannten Fällen ein breiter Trend wird: Einige sehen es als Einzelfälle, andere erwarten weitere Rückkehrer nach Europa. YPOG-Partner Schaper beschreibt jedenfalls, dass die Zahl der Anfragen gestiegen sei – Startups, die eine US-Struktur gewählt haben, aber als deutsche bzw. europäische Gesellschaft wahrgenommen werden möchten, würden deshalb über eine Sitzverlegung nach Europa nachdenken.
Für den Tech- und Startup-Alltag bedeutet das: Die Wahl der Unternehmensstruktur wirkt nicht mehr nur im Term Sheet, sondern im Tagesgeschäft von Vertrieb, Compliance-Kommunikation und Sicherheitsargumentation. Gerade bei KI- und Cloud-nahem Systemen zählt, wie Kunden Datenflüsse bewerten und welche rechtliche „Rahmenbedingung“ sie in Ausschreibungsunterlagen akzeptieren. Ein Reverse Flip ist dabei kein Selbstzweck, sondern eine Strategie, die Investorenlogik (Bewertung und Kapitalzugang) stärker mit Marktzugang verknüpft. Wenn digitale Souveränität und Ausschreibungsrealitäten künftig noch stärker in die Kaufentscheidung hineinspielen, könnten europäische Holdingtüren für viele Teams attraktiver werden – allerdings mit einem klaren Preis: Die Umstellung erfordert sorgfältige Planung, juristische Begleitung und eine saubere Abstimmung zwischen Finanzierungsrunden, Managementprozessen und Datenhaltung. Entscheidend wird damit, ob die neuen Strukturen nicht nur „europäisch aussehen“, sondern auch im Betrieb und in der Dokumentation konsistent überzeugen.
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