BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die geplante Erstbeschaffung von Deep-Strike-Drohnen für die Bundeswehr steht offenbar auf wackligen Beinen. Zwischen Beschaffungsamt und Verteidigungsministerium soll es Unstimmigkeiten gegeben haben, sodass statt eines schnellen Auftrags ein offener Wettbewerb geplant sein könnte. Damit droht sich laut Branchenbeobachtern eine Fähigkeitslücke über längere Zeit zu ziehen. Selbst wenn bestimmte Plattformen technisch weit sind, entscheidet am Ende der Zeitplan über Einsatzreife und Fähigkeitsaufbau bis in die 2030er-Jahre.

Rheinmetall-Warnung: Deep-Strike-Drohnen könnten sich bis 2035 verzögern
Rheinmetall-Warnung: Deep-Strike-Drohnen könnten sich bis 2035 verzögern (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Zeitplan für Deutschlands nächste Fähigkeit im Deep-Strike-Bereich gerät unter Druck: Eigentlich sollte schon ein kleiner Erstauftrag mit etwa zwölf „Jagdbomberdrohnen“ die Luftwaffe vor dem Ende des Jahrzehnts auf eine neue Stufe heben. Nach Angaben aus dem Umfeld der Beschaffung könnte der Plan jedoch scheitern, weil zwischen dem Beschaffungsamt und dem Verteidigungsministerium unterschiedliche Auffassungen zur Ausgestaltung des Vorhabens aufeinanderprallen. Für Rheinmetall wäre das eine besonders ungünstige Wendung, hatte sich das Unternehmen doch früh um den Einstieg mit einer marktverfügbaren Plattform bemüht.

Technisch dreht sich die Debatte um weitreichende Einsätze aus großer Distanz – im Kern geht es um Reichweiten bis zu 1800 Kilometern, die Deutschland mit entsprechenden Systemen in der Luftwaffe-Planung abbilden will. Die vorgeschlagene Boeing-Lösung über den australischen Ableger zielt auf genau dieses Profil. Die MQ-28 „Ghost Bat“ entsteht in einem Programm, in das Australien nach Angaben im Artikel rund drei Milliarden Euro investiert hat; die Drohne wurde im Juni erstmals im Rahmen der Übung „Vailant Shield“ des US-Militärs über dem Philippinischen Meer eingesetzt. Damit haben die beteiligten Entwickler bereits Demonstrationen vorzuweisen, die in Beschaffungslogiken häufig als Startsignal für den Übergang von Erprobung zu Integration dienen.

Im Beschaffungskonzept zeichnet sich aber ein strukturelles Problem ab: Wenn aus einer Erstbeschaffung ein offener Wettbewerb wird, beginnt das sogenannte „Optionen-Fenster“ neu – und damit verschiebt sich auch, wann Taktik, Ausbildung und Integrationsarbeit für die konkrete Plattform beginnen können. Konkret heißt es aus der Branche, Airbus und Helsing hätten zwar eigene Deep-Strike-Drohnen in Entwicklung, allerdings seien die Systeme derzeit nicht flugerprobt; beim deutschen Startup Helsing liegt laut Darstellung bislang nur ein Testmodell vor. Rheinmetall setzt dagegen auf eine Partnerschaft mit Boeing Australia, und die Unterstützung durch ein bereits laufendes Drohnenprogramm ist ein klarer Vorteil – doch dieser Vorteil kann durch einen geänderten Vergabeweg zeitlich entwertet werden.

Der Wettbewerb könnte zudem neue Vergleichsanker erhalten: Nach den Informationen im Text kommt mit General Atomics ein weiterer Anbieter in den Kreis möglicher Systeme. Dessen Plattform, die FQ-42A, hatte im Jahr 2025 ihren Erstflug; im Juni erhielt das Unternehmen laut Darstellung den Auftrag zur Serienfertigung durch die US-Luftwaffe. Auch hier geht es nicht nur um „Flugfähigkeit“, sondern um Serienfähigkeit, also um das Zusammenspiel aus Produktionsreife, Lieferkette und Nutzlastintegration. Für General Atomics ist außerdem relevant, dass nach einer Lockerung von Geheimhaltungsvorschriften eine offenere Kommunikation möglich werde; die Endmontage und Nutzlastintegration könnte demnach bei General Atomics Aero Tec Systems (ATS) in Bayern erfolgen.

Wenn sich die Erstbeschaffung tatsächlich verzögert, rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie sich eine mögliche Fähigkeitslücke überbrücken lässt. Tomahawk-Marschflugkörper werden in diesem Zusammenhang als zentrales Mittel genannt, um zeitkritische Wirkung zu sichern, falls Deep-Strike-Drohnen erst deutlich später einsatzbereit werden. Der Text verweist darauf, dass die Planungen zur Stationierung dieser Raketen in Deutschland nach Angaben im Artikel gekippt wurden und Deutschland deshalb die Marschflugkörper erwerben will. Damit wird sichtbar: Selbst wenn die technische Plattformstrategie langfristig richtig ist, muss die operative Lücke kurzfristig durch bereits vorhandene oder zeitnah verfügbare Mittel geschlossen werden.

Auch die Anpassbarkeit der Systeme an deutsche Anforderungen spielt in der Diskussion eine Rolle. Während im Text betont wird, dass Airbus und Helsing die Boeing-Lösung eher nicht als passgenau für die Bundeswehr betrachten, weil es sich um eine Luft-Luft-Drohne handle, fordert die Nutzerseite eine Luft-Boden-Fähigkeit. Rheinmetall-Manager Tim Paul stellt dem die Sichtweise entgegen, dass die ersten Drohnen zunächst zwar noch keine Luft-Boden-Fähigkeit besitzen, die Luftwaffe aber bereits Erfahrungen mit solchen Luftfahrzeugen sammeln könne – insbesondere für den Einsatz im Verbund mit bemannten Kampfflugzeugen. Ergänzend verweist Glen Ferguson, der das MQ-28-Programm bei Boeing Australia leitet, darauf: „Wenn das Ziel ist, eine solche Fähigkeit bis 2029 zu erreichen, muss diese Arbeit heute mit der Entwicklung von Taktiken, Ausbildung, Definition der Streitkräftestruktur und der Integration souveräner Technologien beginnen“, heißt es im Wortlaut. Der Punkt dahinter ist praktisch: Fähigkeitsaufbau ist mehr als nur das Fluggerät; er umfasst Prozesskette und Software- sowie Integrationsarbeit.

Im selben Kontext argumentiert Rheinmetall auch gegen Befürchtungen, Deutschland könne nicht die volle Kontrolle über die Jagdbomberdrohne behalten. Laut Tim Paul garantieren die australische Regierung und Boeing Australia absolute Souveränität im Bereich der Systemarchitektur, der Software und der Plattform; die Missionsplanung liege zudem in der Hand der Bundeswehr. Für die strategische Planung bedeutet das: Der Streit verlagert sich weniger auf die Frage „Kann das System fliegen?“, sondern stärker auf „Welche Integrations- und Steuerungshoheit ist für den Einsatzbetrieb vorgesehen, und wie schnell lässt sich daraus eine einsatzreife Fähigkeit machen?“. Rheinmetall hofft damit offenbar, dass das Verteidigungsministerium am ursprünglichen Plan festhält und Deutschland als Ankermarkt in Europa für das Konsortium Rheinmetall-Boeing bleibt; fällt dieser Anker aus, will Rheinmetall die Drohne eigenen Angaben zufolge auch anderen europäischen Ländern anbieten.


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