MÜNSTER / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Gruppe aus Wissenschaftlern, Ärzten und Verbraucherschützern warnt vor Qualitäts- und Sicherheitslücken bei Nahrungsergänzungsmitteln mit Botanicals. Die Autoren kritisieren, dass Hersteller ihre Produkte vor dem Markteintritt nur in ein Register beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit eintragen lassen müssen. Dadurch gebe es keine behördliche Prüfung, obwohl toxikologische Risiken möglich seien. Gefordert wird außerdem eine laufende Kontrolle von Rohstoffen und fertigen Produkten sowie eine bessere Prüfung irreführender Gesundheitsversprechen.

In MÜNSTER schlagen Wissenschaftler, Ärzte und Verbraucherschützer Alarm: Bei Nahrungsergänzungsmitteln mit sogenannten Botanicals sehen sie erhebliche Lücken bei Qualität und Sicherheit. Der Kern der Kritik richtet sich dabei nicht auf einzelne Inhaltsstoffe, sondern auf die Rahmenbedingungen, unter denen pflanzliche sowie algen-, pilz- oder flechtenbasierte Produkte in den Markt gelangen. In einem Brief an die Bundesministerien für Landwirtschaft, Ernährung sowie Wirtschaft fordern die Autoren, die derzeit „ungeregelte Situation“ im Sinne des Verbraucherschutzes zu beenden und damit Risiken konsequenter zu adressieren.
Besonders deutlich wird die Argumentation beim Thema Markteintritt: Demnach müssen Hersteller ihre Erzeugnisse vor dem Verkauf nur beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in ein Register eintragen. Eine behördliche Vorabprüfung der angemeldeten Produkte sei dabei nicht vorgesehen. Gerade dieses „Register statt Prüfung“-Prinzip wirkt aus Sicht der Unterzeichner wie ein Umweg, bei dem die Verantwortung faktisch zu spät einsetzt: Sobald Produkte im Handel verfügbar sind, können potenziell schädliche Eigenschaften erst nachgelagert relevant werden. Die Experten verweisen dabei explizit auf toxikologische Risiken, die bei entsprechenden Inhaltsstoffen nicht einfach wegdiskutiert werden können.
Um die Dringlichkeit zu untermauern, ziehen die Autoren einen Vergleich zu anderen Ländern. In der Schweiz sowie in EU-Staaten wie Frankreich oder Belgien gebe es für diese Art von Nahrungsergänzungsmitteln deutlich schärfere Dokumentationspflichten. Der Unterschied ist aus Verbrauchersicht entscheidend: Je umfangreicher die Mitteilungen und Nachweise vor dem Vertrieb, desto eher lassen sich Qualitäts- und Sicherheitsfragen systematisch klären, bevor Produkte flächendeckend gekauft werden. Genau hier setzen die Forderungen an, denn für den Gesetzgeber soll die Hürde nicht nur administrativ, sondern inhaltlich stärker werden.
Die vorgeschlagenen Änderungen zielen daher auf eine bessere Informationsqualität bei der Anmeldung. Hersteller und Vertriebsfirmen sollen den Angaben zufolge bereits beim Registrierungsprozess korrekte und verständliche Informationen bereitstellen. Zusätzlich fordern die Experten eine kontinuierliche Prüfung von Rohstoffen und fertigen Produkten mit anerkannten Analysemethoden. Gerade das macht den Unterschied zwischen einmaliger Registrierung und einer realen Qualitätsstrategie aus: Rohstoffchargen können variieren, Extrakte können in ihren Eigenschaften schwanken, und auch fertige Endprodukte müssen daraufhin überprüft werden, ob sie reproduzierbar den zugesagten Spezifikationen entsprechen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Umgang mit Gesundheitsversprechen. Irreführende Aussagen sollen laut den Autoren besser geprüft werden, weil sie die Risikowahrnehmung von Verbrauchern verzerren können. In der Praxis führt das zu einem Problem, das auch eine Zahl aus dem Marktumfeld unterstreicht: Andreas Hensel, Präsident der Gesellschaft für Phytotherapie und Leiter des Instituts für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie an der Uni Münster, nennt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass im vergangenen Jahr über 30.000 Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland angemeldet worden seien. Wenn dabei die gesetzlichen Vorgaben beim Schritt der Anmeldung so ungenügend ausfallen, folgt anschließend häufig ein Streit zwischen Landesuntersuchungsämtern und den Anwälten der Firmen, die auf eigene andere Analyseverfahren verweisen. „Damit kannst du dich immer herausreden“, sagt Hensel.
Für die Branche bedeutet das: Selbst wenn Unternehmen analysieren, entsteht eine zusätzliche Rechts- und Qualitätsaufwands-Schicht, sobald Methodenstandards, Bewertungslogiken oder Auslegungsspielräume auseinanderlaufen. Genau an dieser Stelle verschiebt sich der Fokus von reinem „Compliance durch Eintragung“ hin zu robusten Nachweisprozessen, die im Zweifel auch unterschiedliche Prüfinstanzen überbrücken. Technisch betrachtet geht es dabei um die Frage, wie Vergleichbarkeit erzeugt wird: Welche Analysen gelten als anerkannt, wie werden Chargenabweichungen bewertet, und wie wird sichergestellt, dass Ergebnisse nicht nur methodisch, sondern auch interpretativ zusammenpassen. Für Verbraucher wäre das vor allem ein Gewinn an Transparenz, weil die entscheidenden Fragen zur Sicherheit früher adressiert würden.
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