LONDON (IT BOLTWISE) – Rocket Lab wehrt sich gegen Nasäs Vergabe eines 700-Millionen-US-Dollar-Auftrags für einen Mars-Kommunikationsorbiter. Das Unternehmen hat laut Meldung einen formalen Protest beim Government Accountability Office eingereicht. Im Kern geht es um die Frage, ob die Vergabeentscheidung mit den vom Kongress vorgegebenen Eignungskriterien zusammenpasst. Außerdem kritisiert Rocket Lab die technische Bewertung, die Nasä im Auswahlprozess für Rocket Lab angesetzt haben soll.

Rocket Lab legt Protest gegen NASA-Vergabe eines 700-Millionen-Mars-Orbiters ein
Rocket Lab legt Protest gegen NASA-Vergabe eines 700-Millionen-Mars-Orbiters ein (Foto: IT BOLTWISE)
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Nicht nur um den Bau eines weiteren Raumflugkörpers geht es in der aktuellen Auseinandersetzung zwischen Rocket Lab und der US-Raumfahrtagentur: Der Konflikt dreht sich um die Spielregeln der Vergabe selbst. Nasa hatte vor wenigen Tagen Blue Origin mit 700 Millionen US-Dollar beauftragt, einen Orbiter für das Mars Telecommunications Network (MTN) zu entwickeln, zu starten und zu betreiben. Die Mission soll als Kommunikationsbrücke dienen, damit Kontrollteams auf der Erde Kontakt zu weiteren Nasa-Raumfahrzeugen halten können, die den Roten Planeten untersuchen. Genau hier setzt Rocket Lab an und beschreibt die Vergabeentscheidung als potenziell nicht konsistent zu den Vorgaben, die der Kongress für die Auswahl der Anbieter gemacht hat.

Rocket Lab hat dazu am 11. September einen formalen Protest beim Government Accountability Office (GAO) eingereicht. Das GAO ist in den USA eine zentrale Instanz, wenn es um Beschwerden im öffentlichen Vergaberecht geht: Unternehmen prüfen damit, ob eine Bundesbeschaffung im Verfahren korrekt ablief, etwa bei Eignungsprüfungen, Bewertungslogik oder der Berücksichtigung von Kriterien. Laut Rocket Lab soll Nasa dabei unter anderem die vom Kongress verlangten Eignungsmaßstäbe nicht sauber eingehalten haben. Zusätzlich kritisiert das Unternehmen, dass Nasa in der „punitive review“ der technischen Volumenangaben von Rocket Lab falsche Aussagen und Schlussfolgerungen getroffen habe. Für Außenstehende ist dabei besonders relevant, dass es nicht um ein einzelnes Bauteil geht, sondern um die Frage, ob die technische und verfahrensrechtliche Bewertung die Chancengleichheit im Wettbewerb ausreichend respektiert hat.

Technisch betrachtet ist das MTN-Projekt zwar als „Network“ benannt, aber im Kern liefert es laut Beschreibung einen einzelnen Orbiter, der die Kommunikationsrolle übernimmt. Solche Relais-Orbiter sind für Missionen zum Mars deshalb so wertvoll, weil ohne eine verlässliche Funkkette die Datenraten und die Planbarkeit komplexer werden. Der Fahrplan wirkt dabei straff: Der Auftrag sieht vor, dass der MTN-Orbiter bis spätestens 31. Dezember 2028 an Nasa übergeben wird. Erwartet wird ein betriebsbereiter Einsatz am Mars bereits im Jahr 2030. Heute sind nur zwei Nasa-Orbiter im Dienst, die diesen Relay-Job übernehmen: Mars Odyssey (Start 2001) und Mars Reconnaissance Orbiter (Start 2005). Dass beide Plattformen bereits deutlich älter sind, erklärt, warum Nasa seit Jahren auf einen Nachfolger zielt und warum die politische Dimension des Vergabeverfahrens gleichzeitig so hoch ist.

Im Marktkontext lohnt der Blick auf die Vorgeschichte: Blue Origin stand bereits einmal in einer ähnlichen Rolle, als Nasa im Rahmen des Artemis-Programms für den ersten bemannten Mondlandeauftrag SpaceX auswählte. Blue Origin reichte 2021 ebenfalls einen Protest beim GAO ein; das GAO lehnte diesen Protest im selben Jahr ab. Danach folgte eine Klage gegen Nasa, die vor Gericht im November 2021 ohne Erfolg blieb. Erst später kam es für Blue Origin dennoch zu einer „Happy Ending“-Situation: Nasa entschied, auch eine zweite Artemis-Landung zu beauftragen, und Blue Origin gewann dabei 2023 den entsprechenden Vertrag. Für Rocket Lab ist das ein wichtiges Signal, aber kein Automatismus: Jede Vergabe hat ihre eigenen Bewertungsunterlagen, ihre eigene Dokumentation und damit auch ein anderes Angriffsrisiko im Protestverfahren.

Auch die zeitliche Einordnung macht die Situation für Rocket Lab und Blue Origin strategisch heikel. Nasa erhielt im Juli 2025 die Kongressfinanzierung für das Mars-Telekommunikationsprojekt in Höhe von 700 Millionen US-Dollar und startete danach mit einem Request for Proposals, der im Mai veröffentlicht wurde. Aus den Schilderungen ergibt sich, dass sich neben Blue Origin und Rocket Lab weitere Marktteilnehmer bewarben und die beiden als Favoriten galten. Das erhöht die Sensibilität der späteren Bewertung: Wenn mehrere Anbieter gut begründet konkurrieren, müssen Entscheidung und Bewertungslogik besonders nachvollziehbar dokumentiert sein. Genau an dieser Stelle greift Rocket Lab mit dem GAO-Protest ein und versucht, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Nasa entweder nachschärft oder zumindest den Prozessstand neu bewertet.

Für Unternehmen in der Raumfahrtbranche ist das Verfahren zudem ein praktischer Lehrfall darüber, wie sich Beschaffungs- und Technikrisiken überlagern. Ein Protest kann den Zeitplan nicht zwangsläufig sofort stoppen, aber er kann zusätzliche Prüfungen, Nachbesserungen an Unterlagen und damit Verzögerungen oder organisatorische Reibung auslösen. Gleichzeitig zeigt der Fall, dass neben Triebwerkstechnologie, Kommunikationsdesign und Integrationsplanung auch die Form der Angebotsbewertung zählt: Wie technische Volumenangaben gewichtet werden, welche Schlüsse aus ihnen gezogen werden, und wie eng sich die Entscheidung an die politisch gesetzten Auswahlkriterien hält. Rocket Lab positioniert sich damit nicht nur als Bau- und Launch-Anbieter, sondern auch als aktiver Verteidiger von Prozessqualität und Compliance im Vergabeverfahren – ein Thema, das gerade bei „kritischer Infrastruktur“ für langfristige Mars-Planungen politisch und wirtschaftlich schnell an Bedeutung gewinnt.

Wie es weitergeht, hängt am Ende davon ab, welche konkreten Punkte das GAO im Protestverfahren aufgreift und wie detailliert die ursprüngliche Vergabedokumentation die Kritikpunkte adressiert. Nasa hat bisher einen klaren Zuschlag für Blue Origin gegeben, und die vertraglich anvisierten Meilensteine (Übergabe bis Ende 2028, operative Aufnahme rund um 2030) sind eng getaktet. Für Rocket Lab bedeutet das: Das Unternehmen muss seine Argumentation so zuspitzen, dass sie nicht nur die eigene Bewertung angreift, sondern vor allem die Passung von Kriterien, Bewertung und Entscheidung. Für die Branche ist der Ausgang trotzdem wichtig, weil sich daran zeigt, wie robust der Vergabeprozess bei großen, politisch finanzierten Raumfahrtprogrammen gegen formale Beanstandungen bleibt.


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