GOTLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Archäologen auf Gotland haben bei Aushubarbeiten vor einer Erweiterung eines Militärstützpunkts 45 römische Silbermünzen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus gefunden. Zusätzlich kamen ein Goldring sowie Spuren einer Siedlung aus der Völkerwanderungszeit zutage. Zwei der Münzen gelten dabei als mögliche Fälschungen, die nach Einschätzung der Forscher aus dem heutigen Gebiet der Ukraine stammen könnten. Die Funde werden auch mit Bestattungen und der Hypothese einer möglichen rituellen Niederlegung in Verbindung gebracht.

Auf Gotland, einer Ostseeinsel mit dichten Spuren früher Handels- und Migrationsnetzen, sind Archäologen bei Grabungen vor einer geplanten Erweiterung einer militärischen Liegenschaft auf einen auffälligen Komplex gestoßen. Im Mittelpunkt stehen 45 römische Silbermünzen, die in einer Ausgrabungsfläche entdeckt wurden, die zuvor auf den Fundamentbereich eines landwirtschaftlichen Anwesens aus der Völkerwanderungszeit zielte. Die schwedischen Streitkräfte hatten die Entdeckung in diesem Herbst angekündigt; der Fund fiel dabei in eine Phase, in der das Grabungsteam bereits „one final sweep with the metal detector“ machte, also einen letzten Durchgang mit dem Metalldetektor durchführte.
Die Fundstelle liefert dabei mehr als nur Münzen. Laut Angaben wurden die Artefakte nahe einem Fundamentstein ausgegraben, nachdem ein anhaltendes Signal im Boden auf weitere Objekte hingewiesen hatte. Als die Archäologen eine der Silbermünzen freilegten, erkannten sie eine gestempelte Porträtabbildung von Kaiser Antoninus Pius, der von 138 bis 161 n. Chr. regierte. Noch bevor die Tagesarbeit beendet war, hatten die Forschenden die Anzahl der Münzen gezählt und zusätzlich einen Goldring aufgenommen. Diese Kombination aus Silberhort und Schmuckstück wirkt in archäologischen Deutungen oft besonders aussagekräftig, weil sie Hinweise auf Besitz, Wertvorstellungen und mögliche Nutzungs- oder Niederlegungszusammenhänge zusammenführt.
Technisch-typologisch betrachtet sind die Münzen für eine Einordnung entscheidend: Die Stücke stammen nach Angaben aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und wurden für fünf römische Kaiser sowie vier römische Kaiserinnen geprägt. Namentlich genannt werden Trajan, Hadrian, Antoninus Pius, Marcus Aurelius und Commodus sowie Vibia Sabina, Faustina I, Faustina II und Lucilla. Die Münzen lassen sich damit nicht auf eine einzelne Herrschaftsphase begrenzen, sondern zeigen eher ein durch Handel und Umlauf geprägtes Sammelbild. Die Einschätzung lautet, dass die Münzen Gotland im 4. Jahrhundert erreicht haben könnten und dann über Generationen hinweg im Tauschverkehr genutzt wurden, bevor der gesamte Bestand um etwa 450 n. Chr. zusammen mit dem Goldring vergraben wurde.
Gleichzeitig enthält der Fund eine kontrollbedürftige Besonderheit: Zwei der Münzen werden als mögliche Fälschungen beschrieben. Archäologen führen diese Einschätzung auf Abweichungen zurück, die auf eine Entstehung in dem Gebiet hinweisen könnten, das heute zur Ukraine gehört. Solche „counterfeit“-Indizien sind in Hortfunden nicht nur eine Kuriosität, sondern berühren auch die Frage, wie weit lokale und regionale Zirkulationswege reichten und wie robust Münzsysteme im Alltag gegenüber Plagiaten waren. Dass zugleich eine Siedlungskomponente aus der Völkerwanderungszeit sichtbar wird, passt in das Gesamtbild: Das Ausgrabungsteam berichtet von einem Hausfundament aus dem Zeitraum zwischen dem 5. und 6. Jahrhundert n. Chr., also einer Zeit, in der sich Siedlungsstrukturen in Nord- und Ostseeraum vielfach veränderten.
Einordnung bekommt das Ensemble außerdem durch weitere Befunde auf dem Gelände. Neben dem Münzschatz fanden die Archäologen neun Gräber, die rund 2.000 Jahre alt sein sollen. In einem dieser Gräber wurden fast 10 Pfund verbrannte menschliche Knochen geborgen. Außerdem stießen die Forschenden auf bronzene Beschläge, die offenbar mit einer Schwertaufhängung und einer Schildhalterung verbunden waren. Damit wird die Fundstelle zu einem Mehrkomponenten-Komplex: Hier treffen Alltagsgegenstände, mögliche Waffen-/Ausrüstungsbezüge und Bestattungsspuren aufeinander. Für die Deutung des Münzhorts gibt es auch eine konkrete Hypothese aus der Fachwelt: Per Widerström vom Gotland Museum sagte sinngemäß, dass die Münzen möglicherweise als Teil eines Opfers niedergelegt worden sein könnten.
Zeitlich wird das Ganze durch neue Datierungsergebnisse gestützt. Laut Widerström deuten neu eingegangene Radiokarbon-Daten auf Aktivität im Siedlungsbereich zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert hin, was die Erwartungen der Archäologen bestätigt. Zugleich liefert Widerström eine plausible Erklärung für das spätere Ende der Nutzung: „Perhaps it was abandoned around 540 when there was a low in human history in this part of the world because of natural disasters from 536 A.D. and on for 10 years“, so Widerström. Und weiter: „Maybe that is the reason behind them leaving the farm.“ Diese Aussagen sind keine bloßen Spekulationen ins Blaue, sondern knüpfen an bekannte Muster wiederkehrender Krisenphasen an, in denen Siedlungen aufgegeben oder transformiert werden.
Für die Forschung ist besonders bemerkenswert, dass die Grabung nicht nur ein einzelnes Objekt freigelegt hat. Widerström hebt hervor, dass die Anzahl der Gebäude am Standort überraschend war: insgesamt sechs Bauten, anscheinend zu zwei benachbarten Höfen gehörig. Damit liefert die Entdeckung gleich mehrere Arbeitspakete, von der Rekonstruktion des landwirtschaftlichen Alltags über die Frage nach Siedlungsabfolge und Ausmaß der Nachnutzung bis hin zur Analyse der Münzqualität. Gerade die Mischung aus typischen römischen Prägungen und möglichen Fälschungen eröffnet einen Blick darauf, wie sich Handel, Umlauf und kulturelle Anreicherung in einer Region wie Gotland gegenseitig beeinflussten.
Für Entscheidungsträger an der Schnittstelle von Infrastrukturprojekten und Wissenschaft bleibt damit eine praktische Botschaft: Grabungen auf aktiven Arealen vor Bau- und Erweiterungsmaßnahmen können erheblichen Erkenntnisgewinn bringen, ohne dass archäologische Ergebnisse erst nachgelagert entstehen müssen. Der Münzschatz von Gotland zeigt außerdem, wie stark Materialanalysen und naturwissenschaftliche Datierungen zusammenarbeiten: Die Stempelmerkmale ordnen die Münzen historisch zu, während Radiokarbondaten den Aktivitätszeitraum der Siedlung kalibrieren. Und weil der Fundkomplex zugleich Bestattungen und mögliche Niederlegungspraktiken umfasst, dürfte er die Debatten über „warum“ und „wie“ an dieser Stelle noch länger anregen.
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