LONDON (IT BOLTWISE) – Die Unternehmensberatung Roland Berger erwartet für die nächsten fünf Jahre eine weitere Verschärfung der Autokrise in Deutschland. Laut der Analyse könnte die Zahl der Beschäftigten von 692.000 Ende 2025 auf nur noch 490.000 sinken. Der Personalabbau läge damit deutlich über den bereits laufenden Anpassungen. Gleichzeitig steigen die Risiken für geschlossene Werke, Entwicklungsstandorte und Wertschöpfungsketten.

Die deutsche Autoindustrie steht aus Sicht der Unternehmensberatung Roland Berger vor einer neuen Runde der Kosten- und Standortdebatte – und damit auch vor zusätzlichen Belastungen für Beschäftigte. Für einen Zeitraum von fünf Jahren erwartet Roland Berger eine weitere Verschärfung der Autokrise in Deutschland. Konkret nennt die Analyse eine Größenordnung, die in der bisherigen Diskussion um Werksschließungen und Stellenabbau oft als Einzelmaßnahme betrachtet wurde, nun aber als Belastung über mehrere Unternehmensbereiche hinweg beschrieben wird.
Im Zentrum der Rechnung steht die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen. Ende 2025 hätten in der Branche noch 692.000 Menschen gearbeitet. Für die folgenden Jahre prognostiziert Roland Berger einen deutlichen Rückgang um gut 200.000 Beschäftigte, sodass am Ende nur noch 490.000 Menschen in der Branche tätig wären. Damit würden die zusätzlichen Entlassungen laut Berechnung klar über die bereits laufenden Anpassungen hinausgehen, die viele Hersteller und Zulieferer derzeit in ihren eigenen Transformationsprogrammen adressieren.
Auf der Ebene einzelner Konzerne benennt die Analyse konkrete Entlastungs- beziehungsweise Abbaupfade, die sich für Regionen besonders spürbar anfühlen dürften. Der Volkswagen-Aufsichtsrat habe entschieden, dass das Unternehmen bis 2030 zusätzlich rund 60.000 Stellen streichen soll. Auch bei Mercedes sowie bei den großen Zulieferern ZF Friedrichshafen und Bosch werden Reduzierungen von jeweils mehr als 10.000 Jobs in Deutschland als erwartbar dargestellt. Entscheidend ist dabei weniger die Summe der Einzelschritte als das Timing: Wenn mehrere Akteure gleichzeitig ihre Personalkapazitäten abbauen, verschiebt sich der Druck von einzelnen Werken auf den gesamten Arbeitsmarkt rund um die Automotive-Wertschöpfung.
Roland Berger verortet den Kern der Krise weniger in einem kurzfristigen Nachfrageschock, sondern in einem strukturellen Kostenproblem. Als Vergleichsmaß nennt die Analyse, dass der Bau eines Autos in anderen Ländern im Schnitt etwa 2.000 Euro weniger kostet als in Deutschland. Felix Mogge beschreibt die Transformation damit als Entwicklung, die inzwischen zum Kostenproblem geworden sei. Auch wenn Unternehmen über Effizienz, Produktmix und Automatisierung gegenzusteuern versuchen, bleibt laut Einschätzung der Beratung die Lücke gegenüber günstigeren Standorten bestehen – zumindest so lange, bis sich die Produktions- und Lieferkettenlogik hierzulande spürbar günstiger darstellen lässt.
Neben dem Stellenabbau rückt die Prognose auch die Frage nach geschlossenen Produktionsflächen und damit nach dem Risiko für Infrastruktur im weiteren Sinne in den Vordergrund. Roland Berger geht davon aus, dass in Deutschland bis spätestens 2035 mehr als fünf Autowerke geschlossen werden müssen. Besonders relevant ist dabei, dass solche Entscheidungen selten nur die Fertigung betreffen: Wenn Werksschließungen und Personalabbau zusammenfallen, geraten häufig auch Entwicklungsstandorte, Dienstleister und lokale Wertschöpfungsketten unter zusätzlichen Anpassungsdruck. Für Betriebsräte und kommunale Akteure bedeutet das, dass die Standortfrage stärker in die laufende Diskussion um Industriepolitik und Arbeitsmarktintegration hineinwirkt als in der reinen Debatte um einzelne Produkte oder Modellzyklen.
Politik und Unternehmensleitungen stehen damit vor einem schwierigen Abgleich: Welche Investitionen können den Abbau abfedern, ohne die Transformation zu verlangsamen? Die Analyse stellt Investitionen in Elektromobilität, Software und effizientere Produktion als zentrale Stellhebel in den Mittelpunkt. Gleichzeitig deutet das Ausmaß der Zahlen eher auf einen tiefgreifenden Umbau bis weit in die nächste Dekade hin als auf eine vorübergehende Delle. Für Unternehmen aus Zulieferung, IT und industriellen Dienstleistungen heißt das praktisch: Die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich zunehmend daran, wie schnell sich Prozesse, Qualifikationsprofile und Produktionskonzepte neu ausrichten lassen – und wie robust die Kostenbasis dabei im internationalen Vergleich bleibt.
Aus technischer und operativer Perspektive liegt darin auch eine konkrete Managementaufgabe. Übergänge von klassischen Verbrenner-Prozessen zu Elektrifizierung und softwarebasierten Funktionen erfordern nicht nur neue Fahrzeugarchitekturen, sondern auch andere Engineering-Kapazitäten, andere Test- und Integrationszyklen sowie eine zunehmend datengetriebene Qualitätskontrolle. Wer diese Umstellung zu spät oder zu teuer anstößt, vergrößert den Abstand zu Standorten, die bereits effizienter produzieren können. Unterm Strich wird die Branche damit weniger durch die Einzelentscheidung eines Herstellers geprägt, sondern stärker durch das gleichzeitige Zusammenspiel aus Kosten, Kapazitäten und strategischer Geschwindigkeit – genau dort setzt die Warnung von Roland Berger an.
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