GÖTTINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Royal Society nimmt drei Direktor*innen der Max-Planck-Institute in Göttingen als neue Fellows auf. Ramin Golestanian wird für Arbeiten zu nicht im Gleichgewicht befindlicher statistischer Physik und lebender Materie geehrt, Melina Schuh für Mechanismen fehleranfälliger Chromosomentrennung in der Meiose, und Sami Solanki für die Erforschung des Sonnenmagnetfelds als Motor solarer Phänomene. Die Entscheidung unterstreicht, wie stark theoretische Modelle, Präzisionsmessungen und internationale Kooperationen moderne Forschung voranbringen.

Die Royal Society erweitert in diesem Jahr ihre Reihen um drei Forschende aus Göttingen – und damit um drei sehr unterschiedliche, aber komplementäre Zugänge zur Erklärung komplexer Systeme. Als neue Fellows wurden Ramin Golestanian (Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation), Melina Schuh (Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften) und Sami K. Solanki (Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung) gewählt. Solche Berufungen sind mehr als symbolische Anerkennung: Sie signalisieren, welche Forschungsrichtungen in Großbritannien und darüber hinaus als besonders tragfähig für die nächsten Jahre gelten. Gerade in einer Zeit, in der sich Wissenschaft zunehmend über Daten, Modelle und experimentelle Plattformen organisiert, steht die Auszeichnung stellvertretend für die Fähigkeit, von Grundlagenfragen zu belastbaren Erkenntnissen zu gelangen.
Golestanians Schwerpunkt liegt an der Schnittstelle von statistischer Physik und Biophysik – konkret bei Prozessen außerhalb des thermischen Gleichgewichts. In seiner Abteilung „Physik lebender Materie“ untersucht er, wie sich Materie selbst organisiert und in Muster überführt, die Funktionen ermöglichen und schließlich zu lebenden Strukturen beitragen können. Technisch relevant ist dabei, dass seine Teams universelle theoretische Modelle entwickeln, die sich nicht auf ein einzelnes biologisches System beschränken, sondern als „Werkzeuge“ für verschiedene Realitäten funktionieren. Diese Modellierungsarbeit ähnelt in ihrer Logik methodisch dem Ansatz großer KI-Modelle: Wiederverwendbare Bausteine statt reiner Einzelfallstudien. Aus Unternehmenssicht ist das wichtig, weil solche Generalisierungen später oft auch in Simulationen und Labor-Workflows skalieren.
Melina Schuh wird für ihre Forschung zur frühen Entwicklung der Eizelle ausgezeichnet. Im Zentrum steht die Meiose: Dabei wird der Chromosomensatz halbiert, damit es nach der Verschmelzung mit einer Samenzelle wieder zu einer korrekten Chromosomenzahl kommt. Die Herausforderung ist, dass dieser Schritt fehleranfällig ist. Wenn Chromosomenpaare nicht korrekt getrennt werden, kann die reife Eizelle zu viele oder zu wenige Chromosomen erhalten – mit möglichen Folgen für Schwangerschaftsverlauf und Gesundheit des Kindes, bis hin zu Fehlgeburten oder Unfruchtbarkeit. Ihre Arbeitsgruppen konnten zeigen, dass Chromosomen häufig nicht zuverlässig an die zelluläre „Trennmaschinerie“ gebunden werden und dass Chromosomen in Eizellen mit zunehmendem Alter instabil werden. Das hat perspektivisch direkten Einfluss auf Beratung und Erfolgschancen in der Reproduktionsmedizin, etwa im Kontext der In-vitro-Fertilisation.
Auch Sami K. Solanki trägt stark daten- und modellgetriebene Forschung in die Royal Society, allerdings mit Blick auf den Stern, der unsere Zeitrechnung praktisch bestimmt. Seine Frage lautet, warum die Sonne in ihren Aktivitäten zwischen eruptiv und ruhig oszilliert. Das Ergebnis seiner Arbeit: Das komplexe und veränderliche Magnetfeld wird als Motor für verschiedenste Sonnenphänomene identifiziert. Charakteristisch ist dabei die Strategie eines möglichst vielfältigen Blicks – also Beobachtungen mit hoher Auflösung über lange Zeiträume, möglichst durchgehende Messreihen und in neuen Blickwinkeln. Unter seiner Leitung ist das Institut an innovativen Sonnenteleskopen und zahlreichen Missionen beteiligt, darunter Solar Orbiter, Vigil, STEREO, MUSE, Solar C und Aditya. Solanki hat zudem die Mission Sunrise in Gang gebracht: Aus der Stratosphäre liefert ein ballongetragenes Observatorium wiederholt Messdaten. Diese Kombination aus Erdbeobachtung und Weltraummessung ist technisch anspruchsvoll, weil Instrumente, Kalibrierung und Datenhomogenisierung kontinuierlich mitgedacht werden müssen.
Aus Sicht der Wissenschaftspolitik und des Wettbewerbsmarkts zeigt die Wahl gleich mehrere Signale. Erstens honoriert die Royal Society nicht nur „Einzelleistungen“, sondern vor allem die Fähigkeit, kooperative Forschungsökosysteme zu betreiben: theoretische Modelle müssen mit Experimenten zusammenpassen, und Sonnenmessungen brauchen langfristige Missionen, deren Wert erst über Jahre entsteht. Zweitens wirkt die Breite der Themen wie eine strategische Auswahl zugunsten interdisziplinärer Anschlussfähigkeit – Biophysik, theoretische Physik und Astronomie sind zwar getrennte Felder, werden aber in der Praxis zunehmend durch ähnliche Infrastrukturfragen verbunden, etwa durch Datenmanagement, Messstandardisierung und Rechenkapazitäten. Im Vergleich zu anderen internationalen Wissenschaftsorganisationen, die verstärkt auf sichtbare „große Projekte“ setzen, betont die Royal Society traditionell auch die stille, methodische Tiefe. Experten deuten das häufig als Signal, welche Rollen in der nächsten Förder- und Kollaborationsphase besonders gefragt sein werden.
Historisch betrachtet stehen die drei Auszeichnungen für Entwicklungen, die über Jahrzehnte gereift sind. In der Physik hat sich die Erforschung selbstorganisierender Systeme von rein analytischen Modellen hin zu zunehmend datengestützten Modellierungszyklen bewegt, bei denen Vorhersagen und Validierungen eng verzahnt werden. In der Zellbiologie wiederum hat die Meiose-Forschung besonders von hochauflösenden Bildgebungsverfahren profitiert, die molekulare Prozesse sichtbar machen und Fehlerquellen genauer lokalisieren. Und in der Sonnenphysik hat die Kombination aus Teleskopen, Satelliten und mehrjährigen Beobachtungsreihen dazu geführt, dass Aktivitätsmuster nicht mehr nur qualitativ beschrieben, sondern probabilistisch modelliert werden können. Genau diese Reifung erklärt, warum die Royal Society in diesem Jahr drei Direktor*innen mit klaren, aber unterschiedlichen methodischen „Leitplanken“ wählt.
Für Industrie- und Enterprise-Umfelder liegt die Relevanz weniger in der unmittelbaren Anwendung, sondern in der übertragbaren Engineering-Logik. Universelle theoretische Modelle können später als Grundlage dienen, um Simulationen zu beschleunigen oder Laborversuche sinnvoller zu planen. In der Biologie wird die Optimierung von Prozessen und die Reduktion von Fehlerwahrscheinlichkeiten zu einem zentralen Thema, sobald Daten aus Forschungslabors mit Qualitäts- und Compliance-Anforderungen in der Praxis zusammenkommen. Und bei Sonnenmissionen bedeutet jede neue Messkampagne, dass Datenflüsse, Metadaten und reproduzierbare Auswertungsroutinen an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig ist die Regulierung von Forschung und der Datenschutz dort wichtig, wo biologische oder medizinisch relevante Daten eine Rolle spielen. Auch wenn die hier besprochenen Arbeiten primär Grundlagenforschung sind, steigt der Druck auf saubere Datenprovenienz, Rollen- und Zugriffskonzepte sowie nachvollziehbare Audit-Trails in kollaborativen Umgebungen.
Der Ausblick ist deshalb zweigeteilt: wissenschaftlich werden sich die Fellows voraussichtlich noch stärker als Knotenpunkte zwischen Communities positionieren, während strukturell neue Daten- und Modellstandards entstehen. Für Golestanian könnte das heißen, dass universelle Modellrahmen noch enger mit Experimenten „lebender Materie“ gekoppelt werden, etwa über iterative Validierungszyklen. Für Schuh liegt die wahrscheinlichste Dynamik in der verbesserten Risikoabschätzung und in der Präzisierung von Mechanismen, die Chromosomeninstabilitäten erklären, was wiederum Translation in klinische Beratung befördern kann. Für Solanki spricht vieles dafür, dass die Messstrategie über Missionen wie Solar Orbiter und Sunrise hinaus weiter verdichtet wird, um langfristige Aktivitätsphasen besser zu verstehen. Langfristig profitieren auch Entwicklerszenarien: Wer heute in KI-gestützte Datenanalyse, Instrumenten-Calibration oder Modellvalidierung investiert, kann in den nächsten Jahren direkt von den methodischen Ergebnissen solcher Auszeichnungen profitieren. Weitere Informationen finden sich bei MPI für Dynamik und Selbstorganisation sowie in der Ankündigung der Royal Society.
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