SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Gründerinnen-getriebene US-Startups haben im zweiten Quartal 73,2 Milliarden US-Dollar eingesammelt – allerdings entfallen fast 89 Cent von jedem Dollar auf nur ein Unternehmen: Anthropic. Ohne diese eine Megarunde wären es nur noch rund 8,2 Milliarden US-Dollar gewesen. Gleichzeitig zeigt die Auswertung von PitchBook, dass die Zahl der Deals steigt, während Großrunden weiterhin dominieren. Das wirft die Frage auf, ob die zusätzliche Kapitalisierung auch Gründerinnen tatsächlich breiter erreicht.

Im zweiten Quartal haben US-Startups mit mindestens einer Gründerin 73,2 Milliarden US-Dollar eingesammelt – und damit ihr zweibestes Quartal aller Zeiten erreicht. Der Haken: Die Konzentration auf wenige Gewinner ist extrem. Wie eine PitchBook-Auswertung für 622 Deals mit Gründerinnen zeigt, flossen knapp 89% jedes Dollarbetrags in eine einzige Aktie am Venture-Himmel. Anthropic sammelte im Mai 6,5 Milliarden US-Dollar bei einer Post-Money-Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar. Entfernt man diese Finanzierung, bleiben für die restlichen 621 Unternehmen nur noch zusammen rund 8,2 Milliarden US-Dollar übrig.
Technisch betrachtet erklärt sich die besondere Hebelwirkung solcher Megarunden weniger durch „Marketing“, sondern durch die reale Kostenstruktur großer KI-Workloads. Anthropic nutzt die Finanzierung laut Aussagen zur weiteren Skalierung, um die Computing-Kapazität zu erhöhen und die KI-Forschung auf einer hohen Geschwindigkeit zu halten. Der entscheidende Punkt für Enterprise-Teams ist dabei die Planbarkeit: Wenn Training und Inferenz in einer wachsenden Modelllinie zunehmend von teurer Rechenleistung abhängen, wird Kapital zur Lebensader. Das spiegelt sich auch in den Kennzahlen wider: Anthropic nennt eine Run-Rate-Umsatzmarke von über 47 Milliarden US-Dollar im Mai. Damit wird die Finanzierung nicht nur Wachstumstreiber, sondern auch Verteidigungsstrategie gegen Wettbewerber mit ähnlichen Modellpfaden.
Am Markt verschärft sich parallel die Wettbewerbsdynamik rund um „Developer-first“-Werkzeuge. Branchenkenner führen den Anstieg der Deal-Anzahl unter anderem auf Software-Entwicklungsassistenten zurück, die weniger formales Programmierwissen erfordern. Beispiele aus dem Umfeld sind Anthropic-Tools wie „Claude Code“ sowie OpenAI-nahe Entwicklungen wie „Codex“. Das senkt Einstiegshürden und macht frühe Produktiterationen günstiger – sowohl für Teams mit ersten Prototypen als auch für Startups, die eine MVP-Website, API-Schnittstellen oder erste Agent-Workflows innerhalb weniger Wochen testen wollen. Gleichzeitig dringen große Investoren zunehmend tiefer in Seed- und Frühphasen ein, wodurch mehr Unternehmen überhaupt erst „sichtbar“ für Venture-Runden werden.
Unterm Strich entsteht dennoch ein zweigeteiltes Bild: Dealzahlen steigen, Dealvolumen bleibt jedoch stark auf große Runden fokussiert. PitchBook-Daten zeigen, dass Runden mit mindestens 100 Millionen US-Dollar im ersten Halbjahr 2026 rund 87,5% des Wertes aller US-Venture-Deals ausmachten; Deals darunter kamen zusammen auf 12,5% – deutlich weniger als 43,8% im Jahr 2024. Auch im zweiten Quartal gab es sieben Unternehmen mit mindestens 1 Milliarde US-Dollar Finanzierung, darunter neben Anthropic unter anderem Anduril Industries, Baseten, Cognition, Kalshi, MiRus und Prometheus Industries. Diese wenigen Megadeals summierten sich auf 87,2 Milliarden US-Dollar. Für Gründerinnen bedeutet das: selbst ein verbessertes Gesamtumfeld kann sich zu einem „Winner-take-most“-Markt verdichten, sobald Kapital sehr selektiv verteilt wird.
Die zentrale Risiko- und Chancenfrage lautet deshalb nicht nur, ob insgesamt mehr Kapital fließt, sondern ob Gründerinnen gleichmäßig profitieren. PitchBook fasst Gründerinnen-Kategorien breiter: Dazu zählen sowohl Teams, die vollständig von Frauen gegründet wurden, als auch gemischtgeschlechtliche Teams wie im Fall Anthropic. Laut PitchBook bekamen rein weibliche Teams 2025 nur 1,1% der US-Venture-Dollar. Noch deutlicher zeigt sich der Rückgang bei Erstinvestitionen: Der Anteil von Frauen unter Gründerinnen, die ihren ersten Venture-Check erhalten, fiel von 27,7% (2021) auf 21,2% im vergangenen Jahr. Auf einer früheren Stufe zeigt sich die Kluft ebenfalls: Bei Carta machten Frauen-only-Teams 2024 zwar 7,2% neuer Gründungsteams aus, erhielten aber nur 4,1% des Pre-Seed-Kapitals – nach 6,1% im Vorjahr. In Software-Startups lagen Seed-Runden von Frauen-Teams außerdem im Median 20% unter denen von Männern.
Ein wichtiger historischer Kontext ist, dass sich Venture-Märkte mit den Jahren in Wellen organisieren: erst in frühen Forschungs- und Infrastrukturphasen, später in produktionsnahen Skalierungsrunden. Die aktuelle KI-Welle wirkt wie ein Verstärker, weil Modelle, Datenpipelines und Inferenzkosten schneller „monetarisiert“ werden können als bei vielen früheren Tech-Generationen. Allerdings bedeutet das nicht automatisch, dass strukturelle Ungleichheiten automatisch abnehmen. Wenn Investitionsentscheidungen stark mit technischem Abstand und Risikomodellen verknüpft sind, profitieren häufig jene, die bereits über Referenzen, Netzwerkzugänge oder frühere Liquiditätsereignisse verfügen. Daniela Amodei steht dabei sinnbildlich an der Spitze – aber die Mehrheit der Frauen-Startups bleibt laut den genannten Daten deutlich weiter unten im Wettbewerb um den Marktzugang.
Für die nächsten Quartale dürfte sich daraus eine doppelte Entwicklungsrichtung ergeben. Erstens: Die Branche wird sehr wahrscheinlich weiter in Tools investieren, die KI-Implementierung in Produkte beschleunigen, wodurch mehr First-time-Gründer überhaupt in den Funding-Funnel gelangen. Zweitens: Ohne konkrete Mechanismen zur Verteilung von Großrunden bleibt die Kapitalkonzentration bestehen – dann profitieren insbesondere jene wenige Teams überproportional, die bereits früh als „Category Leader“ wahrgenommen werden. Auch regulatorisch und sicherheitstechnisch wächst der Druck: KI-Startups, die Rechenleistung und Daten intensiv nutzen, müssen später beim Eintritt in Enterprise-Umgebungen nachvollziehbare Sicherheits- und Datenschutzmaßnahmen liefern. Dazu zählen unter anderem belastbare Zugriffskontrollen, Auditierbarkeit von Trainings- und Inferenzpipelines sowie ein klarer Umgang mit personenbezogenen Daten im Sinne geltender Datenschutzanforderungen. Für viele Unternehmen wird „KI-Scaling“ damit zwangsläufig zu „KI-Governance“ – und damit zu einem Wettbewerbsvorteil für Teams, die Technik und Compliance früh zusammendenken.
Der Markt erzählt also zwei Geschichten parallel: eine Erfolgsgeschichte einzelner Gründerinnen, die durch erstklassige KI-Technologie und Kapitalzugang außergewöhnliche Wachstumsraten erreichen, und eine zweite Geschichte über strukturelle Lücken in frühen Funding-Phasen. Wer als Investor oder Betreiber von Plattformen agiert, sollte die Kennzahlen nicht isoliert betrachten: Erst die Kombination aus Dealanzahl, Median-Volumen, Anteil weiblicher Gründerinnen in Erst-Checks und Pre-Seed-Anteilen zeigt, ob der Aufwärtstrend nachhaltig ist oder nur durch Megarunden einzelner Akteure entsteht. Für Entwickler und Produktteams folgt daraus eine klare Implikation: Der beste Hebel liegt nicht nur in der Modellleistung, sondern auch in der Fähigkeit, schneller zu liefern, Ressourcen effizient zu planen und Sicherheitsanforderungen von Anfang an zu erfüllen – gerade wenn Kapitalrunden weiterhin stark von sehr großen Tickets geprägt werden.
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