LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem japanischen Testschiff JS Asuka ist der trainierbare Decoy-Launcher von Safran mit dem Namen NGDS installiert. Die JMSDF will damit die taktische und technische Reichweite solcher Systeme gegenüber dem bisher genutzten Mk-36 genauer bewerten. NGDS kann Decoys flexibel in Richtung einer anfliegenden Bedrohung ausbringen und mehrere Zielfälschungsarten gleichzeitig bedienen. Entscheidend ist zudem die potenzielle Kopplung mit Hard-Kill-Abwehrmitteln wie Mistral 3 für ein koordiniertes Schutzkonzept.

Die japanische Marine treibt die nächste Evolutionsstufe ihrer Täuschungs- und Abwehrkette voran: Das Testschiff JS Asuka der Japan Maritime Self-Defense Force (JMSDF) wurde mit dem trainierbaren Decoy-Launcher Safran NGDS (New Generation Dagaie System) gesichtet. Im Kern geht es weniger um eine sofortige Flottenentscheidung, sondern um erprobungsgetriebenes Lernen. Bisher setzte die JMSDF auf das System Mk 36 (Super Rapid Bloom Offboard Countermeasures), das zwar seit Jahren in der Praxis bewährt ist, jedoch bei immer anspruchsvolleren Anti-Schiff-Raketen zunehmend unter Beobachtung steht.
Technisch setzt NGDS genau dort an, wo Mk 36 strukturelle Grenzen hat: Mk 36 nutzt feste Startvorrichtungen, die Decoys nur in vorgegebenen Richtungen ausbringen können. NGDS dagegen sitzt auf einer drehbaren Plattform. Dadurch kann der Launcher Decoys so positionieren, dass sie Richtung des tatsächlich angenäherten Bedrohungsvektors emittiert werden. Für die Abwehr bedeutet das in der Praxis vor allem eine flexiblere Reaktion auf die Geometrie eines eingehenden Ziels – also ein System, das nicht nur „startet“, sondern die Gegenmaßnahmen enger an den Bedrohungsansatz koppelt.
Ein zweiter Unterschied betrifft die Bandbreite der Gegenmaßnahmen. NGDS ist darauf ausgelegt, mehrere Decoy-Typen parallel zu bedienen. Dazu gehören funkwellenbasierte (RF) Täuschkörper, die Funk- oder Radarsuchköpfe irritieren bzw. stören sollen, sowie infrarotbasierte (IR) Decoys, die auf die Bekämpfung IR-gesteuerter Bedrohungen abzielen. Ergänzt wird das Konzept durch Anti-Torpedo-Decoys, die speziell auf die Abwehr gegen anfliegende Torpedodrohungen ausgerichtet sind. Für Einsatzplaner ist das vor allem deshalb relevant, weil ein einzelnes Launchersystem damit mehr „Behandlungswege“ abdecken kann, statt je Bedrohungstyp separate Architekturentscheidungen zu erzwingen.
Daneben geht die Meldung über reine Soft-Kill-Täuschung hinaus: NGDS kann laut Beschreibung auch in ein Hard-Kill-Kettenbild integriert werden, etwa über die Kopplung mit MBDA’s Mistral 3 (kurzreichweitige Surface-to-Air-Rakete). Damit lässt sich das Abwehrbild so gestalten, dass Decoys nicht nur Zeit und Raum „kaufen“, sondern gleichzeitig die Chance erhöhen, dass ein nachgelagerter Abfangmechanismus ein physisches Zerstörungsziel tatsächlich trifft. Für die JMSDF ist das besonders interessant, weil die Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen bei modernen Angriffen häufig nicht mehr nur von einem einzelnen Baustein abhängt, sondern von der zeitlichen Abstimmung zwischen Sensorik, Täuschung und Interzeption.
Bislang war die JMSDF-Realität vor allem von Mk-36-basierten Lösungen geprägt. Vor diesem Hintergrund hat die JMSDF den Angaben zufolge im Jahr 2025 Versuche mit NGDS gestartet – die aktuelle Installation auf JS Asuka dient dabei ausdrücklich der Erprobung und Bewertung, nicht der formalen Entscheidung zur offiziellen Einführung. Gleichzeitig deutet die Ausrichtung der Tests darauf hin, dass man vor allem operative und technische Erkenntnisse zu trainierbaren Launchern gewinnen will. Sehr wahrscheinlich wird aber parallel auch geprüft, welche Decoy-Kombinationen sich in realistischen Einsatzszenarien sinnvoll zusammenführen lassen.
In den letzten Jahren beschäftigte sich die JMSDF zudem intensiv mit möglichen Varianten von RF-Decoys, unter anderem mit der Idee „floating“ aktiver und passiver RF-Täuschkörper. Solche Konzepte zielen darauf ab, länger anhaltende Störeffekte zu erzeugen als klassische RF-Decoys (Chaff) oder IR-Decoys (Flares). Parallel liefen Gespräche mit inländischen Verteidigungsherstellern über ebendiese Technologien. Konkrete Signale liefert auch die Konfiguration am Schiff: Das NGDS an JS Asuka wird als „Configuration D“-Variante eingeordnet. Diese Konfiguration war zuvor für ein britisches Electronic-Warfare-Countermeasures-Programm (Teil des Maritime Electronic Warfare Programme) von Safran mitgeboten worden, blieb dort jedoch ohne Erfolg – während nun zugleich neue Möglichkeiten für Systeme mit NATO-130-mm-Decoy-Runden, auch in Japan, diskutiert werden.
Bemerkenswert ist außerdem, dass nicht nur NGDS als Kandidat in Betracht gezogen wird. Die britische Technologiegesellschaft SEA hat laut Bericht ebenfalls ein eigenständig entwickeltes trainierbares Decoy-Launchersystem namens Ancilia bei der JMSDF vorgeschlagen. Falls die JMSDF die NGDS-Erprobung nutzt, um trainierbare Launcher perspektivisch in die Flotte zu integrieren, könnten damit zwei Lieferoptionen in den Fokus rücken: NGDS mit seinen genannten Decoy-Fähigkeiten und der möglichen Mistral-3-Kopplung sowie Ancilia als alternatives technisches Ansatzmodell. Für die Beschaffung bedeutet das vor allem, dass der Wettbewerb künftig weniger über „welcher Launcher startet“ läuft, sondern stärker über die Systemfähigkeit zur koordinierten Gegenmaßnahmekette entscheidet.
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