LONDON (IT BOLTWISE) – Die SAP-Aktie verliert am Freitag zeitweise 1,37 Prozent und notiert um 175,38 Euro, obwohl Oracle kurz zuvor ein Rekordquartal gemeldet hat. Der US-Konzern wächst dabei vor allem mit Cloud-Infrastruktur für KI: KI-Rechenzentren bringen Oracle 7,4 Milliarden US-Dollar und damit ein Plus von 121 Prozent. Für SAP wird das zum Prüfstein, weil Analysten den Walldorfern bei der Vermarktung von KI noch Nachholbedarf bescheinigen. Zusätzlich belastet ein vorsichtiger Umsatzausblick von Adobe die Stimmung im Software-Sektor.

Der Widerspruch wirkt auf den ersten Blick irritierend: Während Oracle an der Wall Street mit einem Rekordquartal für Aufsehen sorgt, gibt die SAP-Aktie im XETRA-Handel zeitweise um 1,37 Prozent auf 175,38 Euro nach. Genau darin steckt aber die eigentliche Botschaft. Oracle profitiert in besonderem Maße von einem Teil der KI-Wertschöpfung, den SAP so nicht adressiert: Cloud-Infrastruktur für das Training und den Betrieb von KI-Modellen. Der Kursimpuls bleibt damit zwar für den Gesamtsektor relevant, trifft bei SAP aber nicht die gleiche Stellschraube.
Technisch und geschäftslogisch lässt sich Oracles Schwung recht klar nachzeichnen. Der US-Konzern steigerte den Umsatz im ersten Geschäftsquartal per Ende August um 30 Prozent auf 19,3 Milliarden US-Dollar; das gesamte Cloud-Geschäft wuchs um 62 Prozent auf 11,6 Milliarden US-Dollar. Entscheidend ist die Detailtiefe bei den KI-Rechenzentren: Hier legte Oracle den Erlös um 121 Prozent auf 7,4 Milliarden US-Dollar zu. Gleichzeitig kletterte der Auftragsbestand für künftige Cloud-Leistungen binnen eines Jahres um 209 auf 664 Milliarden US-Dollar. Für Anleger zählt in solchen Momenten nicht nur die aktuelle Gewinnrechnung, sondern der Foreshadow-Effekt über die nächsten Quartale hinweg.
Aus Sicht von SAP ist allerdings die konkrete Produkt- und Rollenverteilung zwischen den Konzernen der Kern des Problems. Oracles sehr starkes Wachstum entsteht nach den vorliegenden Angaben vor allem durch das Vermieten von Rechenkapazität für KI-Trainings und -Betrieb – also durch ein Infrastrukturgeschäft. Die Walldorfer betreiben diese Schicht typischerweise nicht in der gleichen direkten Form. Zugleich zeigt der Vergleich mit Oracles eigener Anwendungssoftware, wo die Wachstumsdynamik abflacht: Das Segment mit Cloud-Anwendungen wuchs lediglich um 10 Prozent auf 4,2 Milliarden US-Dollar. Genau in dieser Größenordnung bewegen sich auch SAPs Unternehmensprogramme rund um S/4HANA, wodurch sich der scheinbare Momentum-Vorteil von Oracle für SAP faktisch nicht eins zu eins übertragen lässt.
Bei SAP dreht sich die Debatte deshalb weniger um allgemeine KI-Hoffnungen als um das Tempo der eigenen KI-Vermarktung. Im Kontext der Börsenstimmung wird die Aktie als Nachzügler eingeordnet, und die Bewertungen der Analysten bleiben zugleich gemischt. Eine große Rolle spielt dabei die Einstufung einer Schweizer Großbank: Anfang September wurde die SAP-Aktie mit „Neutral“ und einem Kursziel von 201 Euro bewertet, wobei auf „kleine Fortschritte“ bei der Integration von KI-Assistenten verwiesen und weiterer Nachholbedarf betont wurde. Bereits Ende August senkte dieselbe Bank das Rating; seitdem zählt SAP zu den schwächeren Werten im DAX. Trotzdem gilt die Aktie nach den Angaben im Schnitt nicht als klar abgeschrieben: Fünf Kaufempfehlungen stehen zwei neutralen Voten gegenüber, das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 204 Euro und damit über dem aktuellen Niveau.
Zusätzlich kommt ein externer Stimmungstreiber hinzu: Der Branchenkollege Adobe belastet die Papiere ebenfalls durch einen unerwartet vorsichtigen Umsatzausblick auf das laufende Quartal. Solche Signale treffen Softwarewerte häufig besonders, weil der Markt dann weniger nach „Potenzial“ fragt, sondern nach der kurzfristigen Umsetzungsfähigkeit. Im Fall von SAP steht seit Monaten die Frage im Raum, wie schnell Produkte rund um KI die Marktreife erreichen. Denn aus Anlegersicht droht der Verlust von Marktanteilen, wenn Kunden verstärkt auf günstigere KI-Lösungen von Wettbewerbern ausweichen. Ähnliche Sorgen spiegeln sich auch in der Lage von Adobe wider: Durch generative KI ist es für Nutzer leichter geworden, visuelle Medien ohne die teuren Produkte des Unternehmens zu erstellen, während viele neue KI-Tools aus dem Wettbewerb kommen.
Für SAP folgt daraus ein präziser Messpunkt: Ob der Rückstand bei KI-Funktionen aufgeholt werden kann, soll sich weniger an der allgemeinen Branchenstory entscheiden, sondern an den eigenen Kennzahlen. Die nächsten Quartalsergebnisse aus Walldorf werden daher besonders im Fokus stehen, weil dort sichtbar wird, wie schnell das Cloud-Geschäft tatsächlich wächst und in welchem Umfang neue KI-Funktionen Umsatz- und Nutzungsimpulse erzeugen. Für die Anlegerlogik ist das entscheidend, weil Oracle zwar den „KI-Cloud“-Boom liefert, SAP aber im selben Jahr zeigen muss, dass KI nicht nur als Add-on verkauft wird, sondern als Teil einer skalierenden Produktstrategie in den eigenen Umsatzmix übergeht.
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