LONDON (IT BOLTWISE) – Der Kursrutsch der SAP-Aktie sorgt erneut für Diskussionen darüber, ob hinter dem Rückgang nur eine Korrektur steckt oder ob strukturelle Probleme sichtbar werden. Stephan Kemper, Chief Investment Strategist im Private Banking bei BNP Paribas Wealth Management, ordnet die Entwicklung vor allem dem Markt- und Branchenumfeld zu. Er nennt den KI-Hype als Unsicherheitsfaktor, während auch die Verlangsamung des Cloud-Wachstums und eine insgesamt hohe Bewertung eine Rolle spielen. Gleichzeitig deutet der Anstieg des Current Cloud Backlog darauf hin, dass SAP beim Übergang in den Cloud-Vertrieb wieder Takt gewinnt.

SAP-Kursrutsch: Kemper sieht vor allem KI- und Bewertungsdruck, nicht nur SAP-Probleme
SAP-Kursrutsch: Kemper sieht vor allem KI- und Bewertungsdruck, nicht nur SAP-Probleme (Foto: IT BOLTWISE)
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Die SAP-Aktie ist innerhalb von rund eineinhalb Jahren um etwa die Hälfte ihres Börsenwerts gefallen. Damit rückt nicht nur die Frage nach dem „Warum“ in den Fokus, sondern auch die nach dem „Wie lange“: Handelt es sich um eine überfällige Korrektur nach Jahren hoher Erwartungen oder um den Beginn eines längeren Abschwungs. In der Debatte tauchen zwei Linien auf, die sich gegenseitig verstärken können. Zum einen steht die Angst vor einer besseren KI-gestützten Konkurrenz, zum anderen die Skepsis vieler Investoren gegenüber Softwarewerten in einem Zinsumfeld, in dem Bewertungsaufschläge schwerer zu halten sind.

Aus Sicht von Stephan Kemper ist der Rückgang jedoch nicht primär „hausgemacht“. Er betont drei Auslöser, die sich wie Puzzleteile überlagern: die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz, die zeitweise enttäuschende Dynamik im Cloud-Wachstum und die hohe Ausgangsbewertung der Aktie. Besonders die KI-Komponente trifft den Nerv vieler Entscheider, weil sie nicht nur neue Funktionen verspricht, sondern die Architekturfrage berührt: Können Unternehmen Software künftig selbst mithilfe generativer oder agentischer KI entwickeln, statt sie wie bisher als fertiges Produkt einzukaufen? Diese Überlegung verunsichert Investoren, selbst wenn sich daraus nicht automatisch eine unmittelbare Verdrängung von etablierten ERP-Lieferanten ableiten lässt.

Danach folgt, auch finanziell messbar, der Cloud-Teil. Wenn das Wachstum des Cloudgeschäfts zuletzt langsamer ausfällt als vom Markt erwartet, reagiert die Börse in der Regel schnell, weil sich Profitabilität und Wachstumserwartungen gegenseitig beeinflussen. Kemper ordnet diese Phase als Ergebnis aus zwei Mechanismen ein: Die Ergebnisse blieben teils hinter den Erwartungen zurück und belasten damit unmittelbar den Aktienkurs. Parallel sieht er die Rolle der Zinsen und der damit verbundenen Investorenrotation: In einem Umfeld hoher Zinsen werden besonders „teure“ Wachstumswerte häufig weniger aggressiv nach oben bewertet, auch wenn die Gewinnerwartungen operativ grundsätzlich positiv bleiben. Für SAP bedeutet das: Nicht die Richtung wird zwingend abgestraft, sondern der Bewertungsaufschlag, der mit dieser Richtung verknüpft war.

Historisch ist der nächste Kontext entscheidend, weil er erklärt, warum SAP überhaupt Zielkonflikte zwischen Umstellungskosten und langfristigem Potenzial hat. Christian Klein hat das Unternehmen mit „Cloud first“ in Richtung eines stärker cloud-nativen Geschäftsmodells umgebaut. Kemper bewertet diese Entscheidung als wahrscheinlich richtig. Das klassische Lizenzgeschäft stand ohnehin unter Druck, und ohne die Umstellung hätte SAP perspektivisch stärker in die Rolle eines schrumpfenden Legacy-Anbieters rutschen können. Gleichzeitig zeigt sich an der Marge, was bei solchen Transformationen fast immer passiert: Im laufenden Umbaujahr entstehen Investitionen und Übergangseffekte, während die Monetarisierung der neuen Ausrichtung häufig zeitverzögert einsetzt. Der Markt zweifelt laut Kemper also weniger am Zielbild als vielmehr an der Geschwindigkeit der Umsetzung.

Technisch, aber auch geschäftlich, wird die Vertrauensfrage dann auf den Punkt gebracht, sobald Investitionen in KI und Cloud nicht nur als Kostenstelle, sondern als Umsatzhebel bewertet werden sollen. Kemper formuliert die Kernprüfung so: Führen die Investitionen zu zusätzlichem Wachstum, oder handelt es sich um notwendige Ausgaben, die zunächst die Profitabilität belasten? Dahinter steckt für Analysten und CFOs eine harte betriebswirtschaftliche Übersetzung. KI-Funktionen entfalten nur dann Premium-Potenzial, wenn Kunden bereit sind, dafür zusätzlich zu bezahlen, oder wenn KI zumindest die Gesamtnutzenrechnung so verbessert, dass bestehende Verträge sich verlängern und Ausgaben im Portfolio steigen. Wird KI dagegen „als Standard“ erwartet, müssen Anbieter die Wertschöpfung stärker über Effizienz, Automatisierung und Prozessqualität nachweisen.

Für die kommenden Quartale nennt Kemper deshalb eine Logik, die Anleger praktisch ableiten können: Entscheidend sei, ob SAP seine enorme Kundenbasis in einen echten Wettbewerbsvorteil verwandelt. Das Unternehmen sitzt tief in den Geschäftsprozessen vieler Firmen und verfügt dadurch über Daten, die normalerweise nicht ohne Weiteres verfügbar sind. Der entscheidende Punkt ist nicht allein die Datenmenge, sondern die Umsetzung in bessere Produkte und mehr Kundennutzen. Gelingt das, können viele Zweifel ausgeräumt werden, dass SAP künftig einfach ersetzbar wäre. In diesem Zusammenhang nennt Kemper zwei konkrete Zielgrößen, die zusammenarbeiten müssen: Das Cloudgeschäft soll wieder stärker wachsen, während gleichzeitig die Profitabilität steigen muss. Genau diese Kombination bestimmt, ob der Markt bereit ist, SAP wieder höher zu bewerten.

Auch die Wettbewerbsseite behandelt Kemper ohne Alarmismus. Er verweist auf den „Burggraben“, also die Verankerung in zentralen Prozessen vieler Kunden. Gleichzeitig räumt er ein, dass SAP wegen seiner Größe komplexer agiert als einige reine Cloud-Anbieter. Die strategische Frage lautet daher weniger, ob Konkurrenz existiert, sondern ob SAP seine Daten und Prozesse schneller in wirtschaftlichen Mehrwert überführt als die Alternative. Besonders auf dem Kapitalmarkt wirkt diese Frage oft indirekt: Wenn Investoren das gesamte Softwaresegment niedriger bewerten, trifft das auch Branchenführer. Kemper sieht genau darin das größere Risiko gegenüber der These, Konkurrenz-KI könne sofort Marktanteile abnehmen. Denn während sich Plattformwechsel in Großunternehmen typischerweise nicht kurzfristig durchziehen lassen, kann eine Neubewertung der gesamten Kategorie längerfristig Kapital kosten.

Dass die SAP-Aktie zuletzt wieder deutlich angezogen hat, ordnet Kemper als Signal, dass die Abwärtsdynamik nicht zwangsläufig in eine nachhaltige Trendwende übergeht, aber auch nicht rein eskaliert. Besonders wichtig waren laut den Angaben im Gespräch die Auftragseingänge im Cloudgeschäft. Der „Current Cloud Backlog“, also vertraglich gesicherte künftige Cloud-Umsätze, wuchs um 26 Prozent. Das ist für Investoren aus zwei Gründen relevant: Erstens deutet ein steigender Backlog darauf hin, dass SAP wieder mehr Neukunden gewinnt und bestehende Kunden mehr Cloud-Dienste buchen. Zweitens verbessert der Zeithorizont dieser Verträge die Sicht auf die folgenden Jahre, weil diese Aufträge nicht sofort vollständig als Umsatz erscheinen. Daneben nennt Kemper noch einen zweiten Effekt, der in der Praxis häufig unterschätzt wird: Anleger schichteten nach Druck bei anderen Technologiewerten teilweise in andere IT-Werte um, und wer auf fallende Kurse gesetzt hatte, musste Positionen schließen. Genau solche Effekte können eine technische Erholung zusätzlich beschleunigen.

Unterm Strich lässt sich aus Kemper-Argumenten eine Art Checkliste ableiten, wie sich die nächsten Schritte der SAP-Transformation am Markt „übersetzen“ lassen. Künstliche Intelligenz bleibt zwar ein Faktor für Verunsicherung, weil sie die Erwartungen an Produktentwicklung und Standardfunktionen neu ordnet. Doch im Gegensatz zu reinen Zukunftsversprechen muss sich die Umsetzung in KPI-Logik zeigen: Cloud-Wachstum plus steigende Profitabilität, ergänzt um die Fähigkeit, aus Unternehmensdaten messbaren Kundennutzen zu machen. Wer darauf achtet, bekommt einen besseren Rahmen dafür, ob Kursbewegungen eher von Bewertungsschwankungen getrieben sind oder ob die KI- und Cloud-Investitionen tatsächlich die nächste Wachstumsphase stützen.


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