HAMBURG – Der Schiffbau in Norddeutschland zeigt eine kräftige Beschleunigung: Die Zahl der Beschäftigten in den befragten Werften ist im vergangenen Jahr um mehr als 2.000 auf fast 17.200 gestiegen. Die durchschnittliche Auslastung liegt bereits bei 90 Prozent und soll laut Befragung bis 2028 die Marke von 100 Prozent erreichen. Gleichzeitig erwarten 56 Prozent der Betriebe weiter steigende Beschäftigungszahlen, vor allem im Marineschiffbau. Bei der Personalgewinnung entspannt sich die Lage spürbar, doch politische Unsicherheiten bleiben ein Risiko.

Der Schiffbau in Norddeutschland kommt aktuell aus dem Takt der „Normaljahre“ heraus. Laut einer Befragung der IG Metall Küste werden seit 1991 Betriebsräte der Werften jährlich nach Lage und Perspektiven gefragt, und Bezirksleiter Daniel Friedrich beschreibt die Rückmeldungen als ungewöhnlich gut. Sein knappes Fazit „höher, weiter, schneller“ passt zu einem Bild, das sich auch in den Kennzahlen der Umfrage verdichtet: mehr Personal, höhere Auslastung und eine Auftragslage, die nach Meinung der Beteiligten derzeit nicht kippt.
Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Beschäftigten in den befragten Betrieben um mehr als 2.000 auf fast 17.200. Damit erreicht der Wert den höchsten Stand seit sechs Jahren. Erhoben wurden die Angaben im April und Mai in ganz Norddeutschland bei Betriebsräten von 41 Unternehmen, die sowohl militärischen als auch zivilen Schiffbau abdecken. Regional konzentriert sich die Beschäftigung auf Schleswig-Holstein mit mehr als 6.500 Mitarbeitenden, gefolgt von Niedersachsen mit knapp 4.700, Bremen mit fast 2.400 und Hamburg mit annähernd 2.000. Mecklenburg-Vorpommern liegt der Erhebung zufolge mit knapp 1.600 Schiffbau-Beschäftigten auf dem niedrigsten Niveau der fünf Länder.
Die größten Arbeitgeber im Norden tragen den Wachstumsschub. Unter den Unternehmensgruppen entfallen laut der Betriebsräte-Befragung mehr als 5.400 Stellen auf TKMS Kiel, mehr als 4.100 auf die Papenburger Meyer-Gruppe und über 1.900 auf die Bremer Lürssen-Gruppe. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall wird dabei als Neueinsteiger sichtbar, nachdem er die Marinesparte NVL und damit auch die Hamburger Traditionswerft Blohm+Voss vom Zulieferer zum Werftbetreiber gemacht hat; für Rheinmetall nennt die Auswertung rund 1.700 Beschäftigte. Für die Marktanalyse ist diese Verschiebung wichtig, weil sie zeigt, dass Kapazitäten nicht nur durch Nachfrage wachsen, sondern auch durch Strukturänderungen entlang der Werftketten.
Auch die operative Auslastung unterstreicht den Boom. Die durchschnittliche Auslastung der beteiligten Werften liegt demnach in diesem Jahr bei 90 Prozent, und schon 2028 soll voraussichtlich die 100-Prozent-Marke erreicht werden. Entsprechend rechnen die Befragten in den kommenden zwölf Monaten nur in zwei Betrieben mit einem Abbau von ungefähr 20 Stellen. Zur Auftragslage kommt ein ähnlicher Tenor: 51 Prozent der Betriebe erwarten weiter steigende Aufträge, insbesondere in den drei wichtigsten Märkten Marine, Kreuzfahrt und Offshore-Energie. Rückgänge erwartet demgegenüber laut Erhebung kein Unternehmen, was die derzeitige Planungssicherheit erklärt und zugleich verdeutlicht, warum Personalfragen wieder stärker in den Fokus rücken.
Bei der Personalseite hat sich der Druck im Vergleich zum Vorjahr etwas gelöst. Während im Vorjahr noch 73 Prozent der Betriebe Probleme meldeten, ihre Stellen zu besetzen, sind es nun 53 Prozent. Rund ein Drittel der Unternehmen habe in diesem Bereich inzwischen gar keine Sorgen mehr. Das klingt nach einer kurzfristigen Entspannung durch besseren Arbeitsmarkt-Zugang oder durch nachlaufende Effekte früherer Einstellungen, allerdings bleibt das Thema „Fachkräfte“ strukturell: In einem Umfeld, in dem die Auslastung Richtung Vollbetrieb steigt, werden Engpässe häufig von neuen Wellen aus Projekten überrollt, nicht weil sofort alle Rollen besetzt sind, sondern weil sich Qualifikationsprofile und Zeitachsen verschieben.
Politische Risiken und die langfristige Planung hängen deshalb stärker zusammen, als man bei Werften zunächst denkt. Mit Blick auf die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September und die dort hohen Umfragewerte für die AfD warnte Gewerkschaftsboss Daniel Friedrich, dass sich die Lage schnell ändern könne. Der Kern seiner Argumentation: Radikalität in der gesellschaftlichen Stimmung könne Menschen und insbesondere Familien davon abhalten, in die Region zu ziehen, und damit die Fachkräfteströme bremsen. Zusätzlich bezeichnet er einen AfD-Plan für einen EU-Austritt als „Katastrophe“ für den Schiffbau und sagt, er könne nur warnen, bei der AfD sein Kreuzchen zu machen; er nennt dies als erheblichen Rückschritt für die wirtschaftliche Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern. Gleichzeitig betont die Umfrage, dass die Lage noch gut ist, etwa bei Ausbildung: Die Zahl der Bewerber liegt mit rund 3.000 fast achtmal so hoch wie die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze.
Aus technischer und operativer Perspektive ist genau dieses Zusammenspiel entscheidend: Ausbildung, Übernahmequoten und die Fähigkeit, aus Aufträgen tatsächlich belastbare Projektteams zu machen. Insgesamt gibt es in den befragten Betrieben rund 900 Auszubildende, und die Übernahmequote liegt laut Schmid bei 94 Prozent. Rund ein Drittel der Unternehmen wolle zudem die derzeit durchschnittliche Ausbildungsquote von knapp sechs Prozent anheben. Kritisch bleibt jedoch der Hinweis auf die relativ hohe Quote befristeter Übernahmen: Bei 20 Prozent der Übernahmen laufen die Arbeitsverhältnisse befristet, was in der Praxis häufig zu zusätzlichem Recruiting-Takt führt, sobald neue Projektzyklen anstehen. Für Unternehmen heißt das: Wer den Ausbau von Kapazitäten plant, braucht neben Auftragszugang und Produktionssteuerung auch eine robuste Personalstrategie, die Planungssicherheit über mehrere Jahre liefert.
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