LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Studie von aws und Strand Partners erwägen 32% der bis zu zwei Jahre alten Schweizer Startups einen Wegzug. Als wichtigste Hebel nennen die Gründer bessere Verfügbarkeit von Finanzmitteln, niedrigere Betriebskosten und schnellere internationale Skalierung. Für Startups, die im Land bleiben wollen, spielen dagegen vor allem starke lokale Ökosysteme und der Zugang zu europäischer Kundschaft die zentrale Rolle. Die Ergebnisse spiegeln damit auch, warum die Schweiz im europäischen Vergleich noch vergleichsweise attraktiv wirkt.

Die Lage für die Schweiz als Startup-Standort wirkt auf den ersten Blick stabil, gleichzeitig steckt jedoch spürbarer Druck in den Zahlen. In der von aws und Strand Partners aufgesetzten Befragung ging es um Schweizer Startups, die maximal zwei Jahre alt sind, und um die Frage, ob sie bei ihren Umzugsplänen eher bleiben oder gehen wollen. 32% der befragten Unternehmen erwägen einen Wegzug; damit liegt die Schweiz zwar besser als der europäische Durchschnitt, der in der Studie mit 38% angegeben wird, aber die Größenordnung bleibt für Innovations- und Standortverantwortliche ein Warnsignal.
Technisch betrachtet ist dieser Schritt weniger eine Einzelsache als eine Folge der „Build-vs.-Scale“-Realität bei frühen Unternehmen: Wer schnell Produkte iterieren und Märkte ansteuern will, braucht nicht nur talentierte Teams, sondern auch planbare Laufzeitbudgets und schnelle Entscheidungsschleifen in der Finanzierung. Genau hier setzen die Top-Argumente der Startups an: 60% nennen die bessere Verfügbarkeit von Finanzmitteln, 54% führen geringere Betriebskosten an und 51% sehen in einem anderen Standort den schnelleren Weg zur internationalen Skalierung. Dass „Skalierung“ in dieser frühen Phase so prominent ist, passt zum Muster vieler Tech-Startups, bei denen die Time-to-Market zwar von Engineering abhängt, die Expansion in der Praxis aber stark von Kapitalzugang, Rechts- und Steuerklarheit sowie operativer Kostenstruktur bestimmt wird.
Auch der regulatorische Aspekt taucht in mehreren Ebenen auf. 49% der Befragten nennen günstigere oder besser vorhersehbare Regulierung als Wegzugsgrund, und 47% betonen den besseren Zugang zu globalen Märkten. Interessant ist dabei die konkrete geografische Ausrichtung derer, die den Schritt aus Europa erwägen: Als häufigstes Ziel werden die Vereinigten Staaten genannt (58%), daneben Ostasien inklusive Japan und Südkorea (19%) sowie die Vereinigten Arabischen Emirate (14%). Diese Gewichtung deutet weniger auf eine „Region als Ganzes“-Logik hin, sondern eher auf konkrete Standortvorteile in Ökosystemen, Kapitalmärkten und Marktnähe, die in frühen Wachstumsphasen über Erfolg oder Verzögerung entscheiden.
Dass die Schweiz dennoch als vergleichsweise gut dastehend beschrieben wird, zeigt sich an den Antworten derjenigen, für die ein Wegzug kein Thema ist. Hier wurden als wichtigste Haltegründe starke Bindungen an lokale Ökosysteme genannt – inklusive Partnern, Universitäten und Accelerators – und zwar von 60% der Startups. 55% sehen außerdem den guten Zugang zu europäischer Kundschaft und europäischen Märkten als entscheidenden Vorteil. Für 45% spielt die Verfügbarkeit von Risiko- und Wachstumsfinanzierung eine Rolle; und auch politischer Kontext und Planungssicherheit sind nicht aus dem Blick: 39% nennen ein vorhersehbares und stabiles politisches Umfeld, weitere 36% günstige oder gut verständliche regulatorische Rahmenbedingungen.
Gerade dieser Mix macht deutlich, warum „Standort“ bei Startups nicht auf einen einzelnen Faktor reduziert werden kann. Ein Accelerator oder ein Universitätsnetzwerk wirkt kurzfristig bei Recruiting und Wissensaustausch, während Finanzierungszugang und Betriebskosten die konkreten Fortschrittsraten im Produktbetrieb beeinflussen. Damit entsteht ein Spannungsfeld: Wer die Finanzierung am schnellsten und mit der geringsten Reibung erhält, kann Experimente schneller skalieren; wer hingegen lokale Marktlogik, Kundennähe und Ökosystemeffekte stark nutzt, bleibt häufig – selbst wenn einzelne Rahmenbedingungen wie Kosten oder Regulierung als Verbesserungspotenzial gesehen werden. Die Studie mit insgesamt 181 Startups über alle Branchen hinweg liefert dafür ein belastbares Stimmungsbild, weil sie nicht nur Meinungen, sondern zugleich die Rangfolge der Gründe abbildet.
Am Rand der Meldung fällt außerdem auf, dass die Studie nicht bei Startup-Fragen stehen bleibt, sondern auch das KI-Potenzial in der Schweiz adressiert. Das ist relevant, weil KI-gestützte Produkte typischerweise überproportional von daten- und rechenbezogenen Entscheidungen abhängen, also davon, wie schnell Teams Prototypen trainieren, bewerten und in reale Workflows überführen können. Selbst ohne detaillierte KI-Zahlen in dem hier vorliegenden Abschnitt ergibt sich ein praktischer Schluss: Wenn Startups beim Skalieren Hindernisse sehen, wirkt sich das bei KI-Vorhaben oft unmittelbar auf den Produktfahrplan aus. In der Praxis heißt das: Standortentscheidungen berühren nicht nur „Wo sitzen wir?“, sondern „Wie schnell erreichen wir wiederholbar Nutzwert im Markt?“
Für Entscheider in der Schweiz – von Startup-Ökosystemen bis zu Förder- und Infrastrukturakteuren – leiten sich daraus konkrete Aufgaben ab. Die Studie legt nahe, dass Verbesserungen bei Finanzierungspfaden und Kostentransparenz besonders hohe Hebelwerte besitzen, weil sie in beiden Gruppen – Wegzugserwägung und Bleibeentschluss – indirekt die Grundlage bilden. Gleichzeitig sollten lokale Ökosystemstärke und der Zugang zu europäischer Kundschaft weiter als Wettbewerbsvorteil sichtbar gemacht werden, statt sie als „gegeben“ zu behandeln: 60% bzw. 55% nennen genau diese Faktoren als Haltegründe. Wenn die Schweiz diese Stärken mit spürbar weniger Reibung bei Finanzierung, Skalierung und regulatorischer Vorhersehbarkeit kombiniert, lässt sich die Abwanderungsneigung nicht nur senken, sondern auch in nachhaltige Wachstumszyklen umwandeln.
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