LONG ISLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf Long Island berichten viele Menschen von einer besonders schlechten Zeckensaison. Wissenschaftlich lässt sich das jedoch nicht einfach über „mehr Zecken“ belegen, weil die Überwachung vor allem Arten und Erreger betrachtet. Gleichzeitig zeigen Risikowerte für infizierte Schildzecken und neue Schwerpunkte bei der Lone-Star-Zecke, warum sich die wahrgenommene Lage schnell zuspitzt. Entsprechend wichtig werden Prävention und das genaue Verständnis der Messmethoden.

Wer auf Long Island über Zecken spricht, bekommt oft eine emotionale Antwort: „schlimm wie noch nie“. Laut den Aussagen von lokalen Entomologen in den Berichten vor Ort ist das aber nicht automatisch gleichbedeutend mit „noch mehr Zecken als im Vorjahr“. Scott Campbell, Leiter des Arthropod-Borne Disease Laboratory der Suffolk Health-Abteilung, beschreibt die Lage als stark schwankend: Zeckenpopulationen verändern sich von Jahr zu Jahr und hängen von Faktoren wie Wetter, Wirts-Tieren und dem Bruterfolg ab. Genau an dieser Stelle wird die Diskussion für Unternehmen und Gesundheitsverantwortliche interessant, denn die öffentliche Debatte wirkt häufig wie eine direkte Zählung, während die Praxis meist auf indirekten Messgrößen basiert.
Technisch betrachtet verfolgt die regionale Überwachung zwei unterschiedliche Ziele: Sie klärt, welche Zeckenarten in Suffolk und Nassau vorkommen und ob diese Arten Bakterien oder Viren tragen, die für Menschen relevant sind. Dazu sammeln Teams Zecken an mehreren Stellen über standardisierte Methoden ein, etwa indem sie mit einem Flanellstoff über die Vegetation ziehen und die daran haftenden Zecken anschließend im Labor auswerten. Entscheidend ist aber die Abgrenzung: Diese Aktivität ist nicht dafür gemacht, die absolute Gesamtzahl der Zecken auf Long Island pro Jahr zu bestimmen. Zusätzlich veröffentlicht die staatliche Gesundheitsbehörde Dichtewerte für „infected blacklegged ticks“, also für Schildzeckenarten, die das Lyme-Erregerbakterium übertragen können. Auf dieser Basis vergibt die Behörde jährlich „tick risk scores“ von 0 bis 5 – und Long Island liegt dabei aktuell bei 3,31, damit im Vergleich der Regionen am höchsten in New York.
Gerade dieser Kennwert muss jedoch richtig eingeordnet werden, weil die Aussagekraft räumlich begrenzt ist. Die Behörde weist selbst darauf hin, dass sich die Dichte infizierter Schildzecken auch auf sehr engem Raum deutlich verändern kann und innerhalb eines Landkreises oder einer Region stark schwankt. Damit lässt sich aus dem Score zwar eine Tendenz ableiten, nicht aber zuverlässig eine feinere Prognose für ein kleineres Quartier oder eine einzelne Gemeinde. Marissa Crary, Sprecherin der Gesundheitsbehörde, betont außerdem den zentralen Punkt für die Risikokommunikation: „Understanding change“ in der Begegnungswahrscheinlichkeit sei für Bewohner verschiedener Regionen relevant, am Ende reiche jedoch bereits ein einziger Stich einer infizierten Zecke aus, um eine Erkrankung auszulösen. Für die Praxis folgt daraus: Ein „hohes“ oder „niedriges“ Risiko ist kein Freifahrtschein, sondern eher eine Priorisierung, wo Präventionsbotschaften und Aufklärungsangebote besonders stark greifen sollten.
Warum fühlen sich die Zeckensaison und die Gefahr für viele trotzdem so intensiv an? Ein wesentlicher Treiber scheint die veränderte Artenzusammensetzung zu sein, insbesondere die wachsende Dominanz der Lone-Star-Zecke. Der Kontext ist nicht nur lokal, sondern biologisch plausibel: Wenn der Winter starke Schneedecken erzeugt, kann das Zecken vor dem Einfrieren schützen; parallel wächst die Hirschpopulation auf Long Island weiter, was mehr Wirte bedeuten kann. Russell Burke, Professor für Biologie an der Hofstra University, hebt zugleich hervor, dass die Zahl der beobachteten Zecken nicht nur von echten Bestandsänderungen abhängt, sondern auch von Aufmerksamkeit: Sobald Menschen mehr auf Zecken reagieren, melden sie häufiger Stiche, neue Erkrankungen und neue Zecken – und diese „Sichtbarkeit“ lässt sich wie eine Verstärkung der Lage lesen, obwohl sich zugleich das Meldeverhalten ändert.
Für die Tier- und Gesundheitsversorgung vor Ort wird die „gefühlte“ Verschlechterung besonders greifbar. Janine Bendicksen, Leiterin der Wildtierrehabilitation am Sweetbriar Nature Center in Smithtown, beschreibt für das Zentrum den Verlauf als besonders schlimm bis dato: In den letzten Jahren fanden sie wiederholt „teeny tiny ticks“ an Jungtieren – teils mit Folgen, die bis zum Tod reichten. Dieses Jahr nennt sie sehr drastisch: „it’s gone, like, bananas“, und führt das unter anderem auf eine „explosion“ in der Hirschpopulation zurück, verbunden mit mehr Zecken an weiteren Wirten wie beispielsweise Opossums. Historisch wiederum macht Burke deutlich, dass bestimmte Zeckenarten früher weniger Aufmerksamkeit bekamen. Als Lyme-Befunde in den frühen 1980er-Jahren auf dem East End stärker sichtbar wurden, rückten insbesondere blacklegged ticks in den Fokus. Heute verschiebt sich die Schwerpunktsetzung zusätzlich, weil die Lone-Star-Zecke ein aktiverer Jäger ist und anders als passiv am Waldrand lauernde Arten stärker Menschen im Suchverhalten begegnen kann.
Auch die Diagnostik- und Meldelandschaft verändert sich. Laut Berichten von Programmen, die Zeckenbilder per E-Mail identifizieren, hat sich das Verhältnis von Lone-Star- zu blacklegged ticks in den letzten Jahren spürbar gedreht: 2014 kam auf jeden eingereichten blacklegged tick ungefähr eine Lone-Star-Zecke, bis 2024 wurden bei ähnlicher Datengrundlage etwa sechs Lone-Star-Zecken pro black-legged tick beschrieben. Ergänzend wird ein weiterer Indikator herangezogen: Notaufnahmebesuche wegen Zeckenstichen. Als Orientierung dienen CDC-Angaben zu wöchentlichen Raten und späteren Monatswerten; im Text werden für den August höhere bundesweite Monatsraten als in den Jahren seit 2017 genannt. Für das Verständnis der Mechanik dahinter liefert die Biologie eine Erklärungsschiene: Lone-Star-Zecken können in Zusammenhang mit der Entwicklung von alpha-gal stehen, einer Fleischallergie, die durch Bestandteile im Speichel ausgelöst werden kann. Der medizinische Blick aus der Infektiologie arbeitet damit auf zwei Ebenen zugleich: mehr Kontakt zwischen Menschen und aktiverer Zeckenart sowie unterschiedliche Übertragungs- und Immunreaktionsprofile.
Für Management-Entscheidungen in Gemeinden, Kliniken und auch für Arbeitgeber mit hoher Außenarbeitsquote ergibt sich daraus eine praktische Leitlinie: Messwerte und reale Begegnungen sollten zusammen gedacht werden. „Tick risk scores“ sind ein nützliches, standardisiertes Instrument – aber sie geben nur einen groben Rahmen, weil die Verteilung infizierter Zecken kleinräumig stark variieren kann und die Überwachung nicht auf die Gesamtzahl der Zecken abzielt. Gleichzeitig liefern Notfallzahlen, Meldungen aus der Bevölkerung und die in Wildtierstationen sichtbaren Effekte Hinweise darauf, dass die Saison nicht nur „schlecht wahrgenommen“, sondern auch in der Realität vielerorts belastender ist. In diesem Spannungsfeld ist Prävention weiterhin der kleinste gemeinsame Nenner: Zeckenstiche vermeiden, Expositionszeiten im Freien anpassen, Haut-Checks und das schnelle Entfernen von Zecken nach Aufenthalt im Graswald oder in hohem Bewuchs. Und weil laut den medizinischen Stimmen die weitere Forschung noch nicht abgeschlossen ist, gilt umso mehr: Aufklärung, Dateninterpretation und Maßnahmen müssen jährlich neu justiert werden – statt sich auf den einen Schlagwortsatz „schlimmstes Jahr“ zu verlassen.
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