SEATTLE / LONDON (IT BOLTWISE) – In Seattle sprechen Gerichtsdokumente von mindestens drei Tatverdächtigen bei der Schießerei während des Food-Festivals nahe der Space Needle. Laut Polizei soll der 15-Jährige, der festgenommen wurde, gemeinsam mit mindestens einem weiteren Unbekannten gehandelt haben. Mindestens einer der Beteiligten sei zudem an der Tatstelle gestorben, weitere Ermittlungen laufen. Für Betroffene bleiben die Abläufe im Gedränge und die Suche nach dem fehlenden Verdächtigen der zentrale Punkt.

In Seattle hat die Polizei ihre Darstellung zu der Schießerei auf dem Gelände des „Bite of Seattle“ am Wochenende deutlich präzisiert: In einem in einem Jugendgericht eingereichten Dokument heißt es, dass die Tat nicht von nur zwei Beteiligten getragen worden sei, sondern von mindestens drei. Damit verschiebt sich die Ermittlungsrichtung von einer zunächst möglichen Zweierspur hin zu einer Konstellation mit mehreren Schützen bzw. Verdächtigen, deren Rollen noch nicht vollständig geklärt sind.
Der Kern der aktuellen Angaben liegt bei dem 15-jährigen Jugendlichen, der nach der Tat festgenommen wurde und am Montag zu einer ersten Anhörung vor dem Jugendgericht erschien. Die Polizei erklärte in dem Dokument, sie gehe davon aus, dass mindestens drei Schützen beteiligt waren: der 15-Jährige selbst, ein ihm bekannter bzw. als „acquaintance“ bezeichneter Mitverdächtiger, der am Tatort starb, sowie „mindestens ein weiterer unbekannter Verdächtiger“. Auf Basis der Beweislage am Tatort nehme man ferner an, dass der Jugendliche und einer der Verstorbenen einen Schusswechsel mit mindestens einer weiteren unbekannten Person führten. Konkret bedeutet das: Es handelt sich aus Ermittlersicht nicht nur um eine isolierte Schussabgabe, sondern um ein Geschehen, bei dem unterschiedliche Personen gleichzeitig bzw. in sich überlagernden Phasen involviert waren.
Gleichzeitig bleibt die Frage nach der Identität und dem Schicksal des dritten Verdächtigen offen. In der Verhandlungslinie des frühen Montags sagten die Behörden, man suche weiterhin nach dem zusätzlichen Verdächtigen, ohne ausschließen zu können, dass diese Person möglicherweise ebenfalls zu den Toten gehört. Seattle Police Chief Shon Barnes erklärte dazu, man versuche, herauszufinden, wer diese Person ist. Der 15-Jährige befindet sich derweil in Jugendhaft zur Prüfung von Vorwürfen im Zusammenhang mit Verstößen gegen das Waffenrecht und mit einer Anklage wegen versuchter bzw. näher bezeichneter schwerer Gewalttat, bevor die öffentliche Anhörung am Nachmittag weiterlief.
Die Opferlage unterstreicht währenddessen die hohe Zahl unmittelbar betroffener Zivilisten. Nach den Angaben starben zwei Menschen am Tatort und ein weiterer im Krankenhaus; beschrieben wurden zwei Männer mit 19 und 44 Jahren sowie eine Frau im Alter von 56. Unter den vier Verletzten ist auch ein zweijähriger Junge, der am Montag als in zufriedenstellendem Zustand beschrieben wurde. Die übrigen Verwundeten – zwei Männer (23 und 27) sowie eine Frau (39) – konnten noch am Montag aus dem Krankenhaus entlassen werden, wie ein Krankenhaus-Sprecher mitteilte. Dass sich die Verletzten in verschiedenen Altersgruppen finden, macht deutlich, wie schnell sich die Situation auf einem offenen Eventgelände eskaliert haben muss, auf dem Familien und Besucher sich zwischen Ständen, Bühnen und Wegen bewegen.
Auch die Berichte von Anwesenden zeichnen ein Bild von Chaos, das zeitlich rasch einsetzte. Laut Polizei ereigneten sich die Schüsse gegen 18:00 Uhr am Sonntag, in den auslaufenden Stunden des dreitägigen Festivals. Das „Bite of Seattle“ ist traditionell ein Publikumsmagnet: Nach Angaben aus dem Umfeld des Events kommen Hunderten lokale Händlerinnen und Händler sowie Performer zusammen; die Veranstaltungswebsite nennt 350.000 Besucher. Dutzende Einsatzkräfte hätten für die Sicherheit gesorgt, und einige hätten gesehen, wie einer der Verdächtigen auf dem Gelände feuerte. Viele Besucher suchten sofort Schutz, rannten in Gebäude oder verließen den Park in Richtung der Wege, als Notfallteams evakuierten und anschließend nach weiteren Hinweisen suchten – unter anderem durchsuchte man zunächst auch ein IMAX-Gebäude auf dem Gelände, weil man zeitweise davon ausging, ein weiterer Schütze könnte geflohen sein.
Für viele war der Moment nicht nur beängstigend, sondern auch schwer einzuordnen. Adam Lombardo, der am Festival mit einem burmesischen Food-Stand gemeinsam mit seiner Ehepartnerin vor Ort war, beschrieb, wie sich Menschen wie in einer „stampede“ drängten. Er schilderte außerdem, dass Polizei sie in das gesicherte Areal geleitete, um Öfen und Stovestellungen auszuschalten, damit Ausrüstung nicht weiter Schaden nimmt. „Es ist wirklich traurig“, sagte Lombardo sinngemäß, denn in der Wahrnehmung vieler habe niemand eine solche Gewalt auf einem Food-Event erwartet. Auch Festivalbesucherin Faith Adia Hunter berichtete, dass sie und ihre Freunde gerade Essen von einem Crepe-Stand geholt hatten, als in der Nähe Schüsse fielen. In der Folge rannten sie in Richtung des Seattle Children’s Museum, nachdem jemand etwas „gerufen“ hatte und Menschen zu rennen begannen. Roberto Ramirez, ebenfalls Händler, erklärte, er habe zunächst Geräusche gehört, die wie Feuerwerkskörper klangen, bevor Menschen „shooter“ riefen und panisch wegliefen. Später sei das Gelände „plötzlich leer“ gewesen.
Neben den unmittelbar Betroffenen prägt das Geschehen auch die Art, wie der Ort in den nächsten Stunden wieder in den Fokus rückt. Nach der anfänglichen Evakuierungsphase konnten Verkaufsstände und Anbieter am Montagmorgen zurückkehren, um aufzuräumen und ihre Ausrüstung sowie Merchandising-Material einzusammeln. Auf dem Campus blieben laut den Schilderungen sichtbare Spuren von Alltag zurück: Gegenstände wie auf Grillflächen zubereiteter Tintenfisch oder im Ofen geröstete Enten sowie Teller mit Speisen. Nahe der Schussstelle war am Morgen noch ein dunkler Fleck sichtbar, der nach den Berichten wie Blut wirkte. Eine Gedenkveranstaltung in Form einer „candlelight vigil“ war für den Montagabend am International Fountain Center vorgesehen. Damit trifft ein Ermittlungsfall unmittelbar auf eine soziale Situation: Während Polizei Dokumente auswertet und nach möglichen weiteren Beteiligten sucht, versuchen Veranstalter und Besucher, den Schock in gemeinschaftliche Trauer und ein vorsichtiges Wiederaufnehmen des Normalbetriebs zu überführen.
Für die weitere Aufklärung werden vor allem zwei Stränge entscheidend bleiben: Erstens die Frage, welche Interaktion zwischen dem festgenommenen Jugendlichen, dem verstorbenen Bekannten und dem dritten Unbekannten tatsächlich vorlag – also ob sich die Schusswechsel räumlich, zeitlich und zwischen mehreren Beteiligten klar rekonstruieren lassen. Zweitens, ob der gesuchte Verdächtige am Ende identifiziert werden kann, entweder über Spuren vor Ort oder über Erkenntnisse, die in den Akten des Jugendverfahrens zusammenlaufen. In der lokalen Sicherheitslogik bedeutet das: Nicht nur die Beteiligten, sondern auch die unmittelbare Event-Umgebung – Crowd-Flow, Fluchtwege, Sichtachsen und die schnelle Kommunikation an Gäste – muss im Nachgang bewertet werden, damit zukünftige Großveranstaltungen besser auf Eskalationen vorbereitet sind. Unabhängig davon, wie sich die Täterkonstellation am Ende in den Gerichtsdokumenten genauer darstellt, bleibt für die Öffentlichkeit vor allem das Kontrastbild zwischen „Food Festival“ und tödlicher Gewalt der zentrale emotionale Bruch.
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