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BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Sechs Bundesländer einigen sich auf einen Rahmenvertrag für eine digital souveräne Open-Source-Bildungsplattform. Die technische Basis bildet die Software von Nextcloud, gehostet über den Berliner Anbieter IONOS. Durch die gemeinsame Beschaffung über Govdigital eG soll der öffentliche Sektor schneller auf eine Lösung umstellen können, die ohne US-Software von Microsoft oder Google auskommt. Im Fokus stehen Datenschutzkonformität nach DSGVO und weniger Angriffsflächen im Kontext von Zugriffsrechten wie dem US Cloud Act.

Sechs Bundesländer starten Open-Source-Bildungsplattform mit Nextcloud
Sechs Bundesländer starten Open-Source-Bildungsplattform mit Nextcloud (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Bildungsalltag entscheidet sich digitale Souveränität selten an einer einzelnen App, sondern am Zusammenspiel von Plattform, Hosting und Beschaffungslogik. Genau hier setzen Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit einer neuen Open-Source-Bildungsplattform an. Laut den Angaben, die am Rande eines Digital-Gipfels der Bundesregierung in Berlin bekannt wurden, verständigen sich die Länder auf einen Rahmenvertrag, der bewusst ohne Software von großen US-Tech-Anbietern auskommt. Stattdessen soll eine europäisch ausgerichtete Architektur die Grundlage bilden, um Abhängigkeiten zu verringern und den Umgang mit digitalen Werkzeugen im Schulalltag planbarer zu machen.

Technisch beginnt die Initiative mit einer klaren Trennung zwischen Fachfunktion und Infrastruktur: Als Software-Basis dient Nextcloud, ein in der Praxis weit verbreitetes Open-Source-Projekt, das sich vor allem als Kollaborations- und Kommunikationsplattform etabliert hat. Für die Länder bedeutet das konkret, dass sie nicht nur einen Dateidienst einkaufen, sondern eine integrierte Umgebung, die sich für unterschiedliche Kommunikationswege und Workflows eignet. Der Hosting-Baustein kommt von IONOS, der die Infrastruktur bereitstellt und damit die Betriebsverantwortung für die Plattformumgebung übernimmt. Diese Aufteilung ist für Unternehmen und öffentliche Träger relevant, weil sich damit auch die Betriebsparameter besser steuern lassen: Zugriffspfade, Betriebshandbücher, Wartungsfenster und die Art der Datenhaltung werden dadurch stärker in den eigenen Prozesskalender gezogen, statt an externe Plattformentscheidungen gekoppelt zu sein.

Ein weiterer Hebel liegt in der Beschaffung. Die Länder wickeln den Bezug über die Genossenschaft Govdigital eG ab, die als Kooperationsbündnis öffentlicher IT-Dienstleister in Deutschland beschrieben wird. Das Ziel dahinter ist nicht nur Kostentransparenz, sondern vor allem Tempo: Durch einen Rahmenvertrag und den Genossenschaftsweg sollen die Beteiligten eine Lösung beziehen können, ohne jedes Mal erneut Ausschreibungsverfahren durchlaufen zu müssen. Für die Organisationsseite kann das den entscheidenden Unterschied machen, wenn Schulen nur begrenzte Umstellungsfenster haben und digitale Angebote gleichzeitig stabil laufen müssen. Gerade im laufenden Schulbetrieb sind Migrationen selten „ein Projekt“, sondern eine Folge von Betriebsthemen: Nutzerkonten, Berechtigungen, Datenmigration, Schulung der Lehrkräfte und die Frage, wie Updates in einem mehrjährigen Rollout-Zeitraum kontrolliert werden.

Inhaltlich soll die Plattform den Schulen eine breite Funktionspalette abdecken. Genannt werden unter anderem Dateiaustausch, Chat, Videokonferenzen, E-Mail, Kalender sowie Office-Anwendungen. Diese Kombination ist strategisch, weil digitale Souveränität im Schulkontext nicht bei „einem“ Dienst endet. Wenn Chat, Videokonferenz und Dokumentenablage auseinanderlaufen oder in proprietären Ökosystemen hängen, entstehen schnell Schattenprozesse: Lehrkräfte und Klassen nutzen dann in der Praxis private Konten oder ergänzende Tools, um fehlende Funktionen zu überbrücken. Eine integrierte Plattform zielt daher auch auf organisatorische Kontrolle ab: einheitliche Identitäten, konsistente Zugriffsrechte und eine gemeinsame Betriebslogik für Kommunikation und Dokumente.

Datenschutz und rechtliche Rahmenbedingungen werden in der Initiative explizit adressiert. Als Beweggrund wird die Abhängigkeit von großen US-Konzernen benannt, etwa mit Blick auf den US Cloud Act, der in der Quelle als möglicher Mechanismus für behördliche Zugriffe erwähnt wird. Im gleichen Atemzug nennen die Länder die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung als Leitplanke und beschreiben die Plattform als datenschutzkonforme Alternative. Genau hier wird deutlich, warum der Fokus auf einer Open-Source-Basis mehr ist als ein politisches Symbol: Open-Source-Software ist nicht automatisch datenschutzkonform, aber sie erleichtert es Organisationen, ihre Sicherheitsarchitektur besser zu prüfen, Anpassungen vorzunehmen und technische Vertrauensfragen im eigenen Betriebsmodell zu verankern. Für IT-Verantwortliche in Kommunen und Schulträgern ist dabei weniger die Lizenz selbst entscheidend, sondern wie sich daraus Prüfbarkeit, Transparenz und Kontrolle im Betrieb ableiten lassen.

Als strategische Einordnung kommt von Frank Karlitschek, Gründer und Geschäftsführer von Nextcloud, ein klarer Blick auf die Rolle des öffentlichen Sektors. Er sieht die Vereinbarung als Weichenstellung und betont, dass der Staat eine entscheidende Funktion beim Aufbau europäischer Softwarelösungen habe. Seine Aussage lautet: „Wir brauchen europäische Champions, um digitale Souveränität zu erreichen und den europäischen Softwaresektor zu stärken“. Weiter führt er aus: „Wir benötigen auch keine Fördergelder, sondern einfach nur Leuchtturm-Kunden.“ Im Marktkontext ist das mehr als Rhetorik: Leuchtturmprojekte liefern Referenzen für weitere Anbieterwechsel, treiben Know-how in Betriebsteams und senken Hürden bei der Skalierung. Schleswig-Holstein gilt in der Quelle zudem als Vorreiter, weil das Land bereits seit rund zwei Jahren eigenständig auf Nextcloud-Lösungen setzt und deshalb nicht Teil des aktuellen Vergabepakets ist. Damit entsteht eine praktische Brücke zwischen Pilot und Rollout, denn Erfahrungen aus dem produktiven Betrieb fließen typischerweise schneller in neue Beschaffungsentscheidungen, wenn bereits ein „lebendes“ Beispiel vorhanden ist.

Langfristig soll die Plattform nicht nur Schulen adressieren. Die Quelle beschreibt das Angebot als Modell, das perspektivisch für den gesamten öffentlichen Dienst sowie die Privatwirtschaft dienen soll. Für die IT-Strategie bedeutet das: Wenn ein Kernsystem in mehreren Domänen eingesetzt wird, werden gemeinsame Schnittstellen, Identitäts- und Berechtigungskonzepte sowie die Betriebsprozesse zu einem wiederverwendbaren Produktivstandard. Gleichzeitig wird die nächste Stufe der Diskussion an anderen Stellen sichtbar: Wie werden Office-Funktionen integriert, ohne dass es zu Fragmentierung kommt? Wie werden Updates und Sicherheitsfixes in einem mehrjährigen Rollout-Plan synchronisiert? Und wie wird die Benutzererfahrung so gestaltet, dass Lehrkräfte nicht an der Bedienbarkeit scheitern, wenn sich das Tool-Ökosystem im Vergleich zu bisherigen Gewohnheiten verändert. Für alle Beteiligten dürfte deshalb der eigentliche Erfolgsfaktor weniger im Vertrag selbst liegen als in der Umsetzungsfähigkeit: von der Migration über den laufenden Betrieb bis zur kontinuierlichen Verbesserung, sobald die ersten Jahrgänge systematisch damit arbeiten.

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