LONDON (IT BOLTWISE) – Der Secondhand-Kauf in den USA ist laut einer neuen eBay-Auswertung fester Bestandteil des Alltags. 76% der Befragten haben im vergangenen Jahr gebrauchte Waren gekauft, 47% greifen mindestens monatlich zu. Besonders stark wachsen C2C-Transaktionen, bei denen Privatpersonen Waren online verkaufen und wieder einkaufen. Gleichzeitig treiben Nachhaltigkeit und der Wunsch nach günstigen, möglichst „neuwertigen“ Produkten die Nachfrage.

Secondhand-Shopping entwickelt sich in den USA immer weniger zu einer Nischenpraxis. Eine aktuelle Auswertung des „Recommerce Report“ von eBay zeichnet ein klares Bild: 76% der Befragten gaben an, im vergangenen Jahr bereits Secondhand gekauft zu haben, und 47% kaufen gebrauchte Waren mindestens monatlich. Damit steigt die Frequenz im Vergleich zum Vorjahr deutlich, denn 2025 lag dieser Anteil noch bei 35%. Interessant ist auch die Basis der Erhebung: Befragt wurden 10.523 Secondhand-Käuferinnen und -Käufer sowie 1.707 eBay-Verkäufer. Für Marktplätze ist das mehr als nur „Goodwill“ – es ist ein Hinweis darauf, dass Recommerce inzwischen planbar nachgefragt wird und nicht nur in einzelnen Konjunkturphasen anzieht.
Als Top-Motiv nennen die Befragten vor allem finanzielle Gründe. 84% der Käuferinnen und Käufer rangieren „Geld sparen“ unter den ersten drei Kaufmotiven, und 46% setzen dieses Argument sogar an die Spitze. Damit ist der Preisvorteil nicht nur ein Nebenhebel, sondern der zentrale Treiber, der die Ausgabebereitschaft bei vielen Haushalten stabilisiert. Gleichzeitig werden gebrauchte Angebote nicht in einem einzigen Warensegment gesucht: Zu den drei häufigsten Kategorien zählen „Alltagsmode“, „Schuhe“ sowie „Home und Media“. Das ist für die Plattform-Strategie relevant, weil diese Kategorien häufig wiederkehrende Nachfrage erzeugen und das Angebot durch private Verkäufer in größeren Volumina verfügbar ist. Genau hier setzt die Aussage von Jamie Iannone, CEO von eBay, an: In der Logik der Befragung geht es darum, dass Käuferinnen und Käufer den „Wert“ stärker gewichten, den sie für ihr Geld erhalten.
Technisch und organisatorisch verlagert sich dadurch der Fokus vieler Marktplatzmodelle auf Transaktionsgeschwindigkeit, Vertrauen und Datenqualität. Wenn C2C – also Consumer-to-Consumer – über mehrere Quartale hinweg der größte Wachstumsfaktor ist, müssen Plattformen nicht nur Käufer und Verkäufer zusammenbringen, sondern auch die Grundlage für verlässliche Listings schaffen: korrekte Produktzustände, transparente Beschreibungen, konsistente Bilder und ein funktionierender Prozess für Rückfragen. Iannone bezeichnete genau dieses C2C-Geschäft als einen Hauptmotor der Entwicklung bei eBay. Dazu passt ein weiterer Kennwert: Der durchschnittliche US-Konsument hat demnach Waren im Wert von 3.000 bis 4.000 US-Dollar im Haushalt, die sich online verkaufen ließen. Fast 40% der Befragten gaben an, im Online-Kanal bereits Secondhand-Artikel verkauft zu haben. Für Unternehmen ist das ein Signal, dass „Reselling“ nicht als einmalige Aktion beginnt, sondern häufig mit einem wiederkehrenden Bestands- und Kaufverhalten gekoppelt ist.
Besonders auffällig ist die Nachfragekurve bei jüngeren Zielgruppen. Während insgesamt 28% der Befragten angaben, Secondhand wöchentlich oder alle zwei Wochen zu kaufen, lag dieser Anteil bei den 18- bis 29-Jährigen bei 46%. Umgekehrt ist auch die Erwartung für die Zukunft stärker: 53% dieser Altersgruppe gehen davon aus, im nächsten Jahr mehr gebrauchte Waren zu kaufen – gegenüber 36% im Gesamtbild. Dazu kommt eine breite Akzeptanz für die Umweltwirkung: 83% der Befragten sagen, ihnen gefallen die ökologischen Vorteile von zuvor genutzten Artikeln. Diese Kombination aus Preisargument und Nachhaltigkeits-Nutzen reduziert das Risiko, dass Secondhand dauerhaft nur als „Notlösung“ wahrgenommen wird. Genau diese Normalisierung nennt Iannone auch im Kontext seiner eigenen Familie: Seine Tochter habe ihn als Teenager oft zum Stöbern mitgenommen, und jüngere Generationen seien gleichzeitig darauf aus, kreativ zu sein und sich abzuheben.
Auch die Produktseite zeigt, dass „Pre-Loved“ nicht nur Lifestyle ist, sondern Lebenszyklen verlängert. Die Geschichte von Victoria Jelert aus New York macht das an konkreten Käufen fest: Sie kauft seit der Jugend über eBay und weitere Plattformen, und 90% dessen, was sie kauft, sind Secondhand-Artikel – von seltenen Büchern über Haushaltswaren bis hin zu Designer-Kleidung. Entscheidend ist dabei ihr Argument, dass viele Güter heute überproduziert würden und man durch das Verlängern der Nutzungsdauer eher einen positiven Beitrag leistet. Ähnliche Dynamiken beobachten auch Nutzer, die im Marktsegment „refurbished“ aktiv sind. Jon Steingart, langjähriger eBay-Nutzer aus Philadelphia, kauft und resellt gebrauchte bzw. aufgearbeitete Elektronik. Er beschreibt steigende Nachfrage bei Kunden, die normalerweise eher keinen Refurbished-Kauf tätigen würden: Sie wollen möglichst nahe am Neuzustand sein, aber gleichzeitig Geld sparen. Gerade solche Anforderungen erhöhen den Druck auf Plattformen, Zustandsgrade, Prüfprozesse und Transparenz zu standardisieren – ansonsten leidet die Conversion, weil Unsicherheit den Preisvorteil überlagert.
Aus Sicht von IT- und Plattformarchitekturen lässt sich der Boom deshalb als Muster für „Datengetriebene Qualität“ interpretieren. Wenn Käuferinnen und Käufer vermehrt zwischen Kategorien wechseln – von Sammelstücken (31% der Verkäufer nennen das als beliebteste Kategorie) über Elektronik und Computer (27%) bis zu Büchern, Filmen und Musik (24%) – braucht es saubere Taxonomien, bessere Such- und Empfehlungssysteme sowie Mechanismen, die Zustandsangaben und Produktattribute zuverlässig zusammenführen. Parallel steigt die Relevanz von saisonalen Peaks: Steingart nennt insbesondere Back-to-school-Phasen und die Feiertage als besonders starke Zeiten, in denen etwa viele Studierende refurbished Elektronik kaufen. Iannone erwartet daher auch für die laufende Saison spürbaren Einfluss auf den Geschenkmarkt: Secondhand-Shopping und „pre-loved“ Angebote sollen eine größere Rolle bei Einkäufen und Geschenkideen spielen. Damit verschiebt sich die Frage von „Ob“ zu „Wie“: Wer im Recommerce dauerhaft überzeugt, muss nicht nur günstige Preise ermöglichen, sondern auch die Logistik, die Qualitätssignale und die User-Experience so auslegen, dass aus gelegentlichen Käufen regelmäßige Routinen werden.
Für Unternehmen ergeben sich daraus mehrere unmittelbare Implikationen. Erstens steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Marketing und Sortimentsplanung stärker nach Warenzyklen organisiert werden: Wiederverkauf und Wiederkauf folgen nicht zwingend dem klassischen Saisonmodell, sondern dem Rhythmus, mit dem Haushalte ihren Bestand reduzieren und erneuern. Zweitens wird Vertrauen zu einem echten Wettbewerbsfaktor, weil gebrauchte Waren stärker variieren als neue Produkte. Drittens wächst die Bedeutung interoperabler Standards über Zustandsbeschreibungen hinweg, weil Käuferinnen und Käufer zunehmend erwarten, dass „fast wie neu“ nicht nur ein Versprechen ist. Der Recommerce-Boom ist damit keine reine Konsumstory, sondern ein Hinweis darauf, dass Plattformökonomien zunehmend auf zuverlässige Datenpipelines, Qualitätsindikatoren und effiziente C2C-Abwicklung angewiesen sind – und genau diese Bausteine entscheiden darüber, ob Secondhand langfristig im Mainstream bleibt.
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