SELLAFIELD / LONDON (IT BOLTWISE) – An der britischen Atomanlage Sellafield kommt nun eine neue Klasse von vierbeinigen Spot-Robotern für die atomare Rückbauarbeit zum Einsatz. Die Systeme sollen Aufgaben übernehmen, die bislang das Personal in hochradioaktiven Bereichen besonders stark belasteten: Kartierung, Strahlungsmessung und Dekontamination. Geplant ist ein Programm bis zur Ziel-Fertigstellung im Jahr 2125, nachdem zuvor umfangreiche Infrastruktur- und Sicherheitsarbeiten abgeschlossen wurden. Ein erster Großmeilenstein war dabei der vollständige Fernbetrieb von außerhalb des Standorts im März 2025.

Bei der langfristigen Standortsanierung in Sellafield verschiebt sich der Schwerpunkt spürbar weg von reiner „Fernsteuerung von Equipment“ hin zu einer Robotik-gestützten Arbeitskette, die mehrere Arbeitsschritte in einem System bündelt. Wie bekannt wurde, sollen vierbeinige Spot-Roboter des Herstellers Boston Dynamics dort offiziell für die atomare Räumung und den Rückbau eingesetzt werden. Das Projekt ist als sehr langer Zeithorizont angelegt: Die Zielmarke für die Fertigstellung liegt im Jahr 2125, während die Gesamtkosten für die Maßnahmen am Standort auf 136 Milliarden geschätzt werden. Für die Betreiberseite bedeutet das nicht nur zusätzliche Hardware vor Ort, sondern ein Sicherheits- und Betriebsmodell, das über Jahrzehnte belastbar bleiben muss.
Technisch konkretieren sich die Aufgaben in mehreren Schichten: Die Roboter arbeiten in enger Zusammenarbeit mit dem Partnerunternehmen Createc, das die Einheiten für den Einsatz in Sellafield modifiziert. Im Kern geht es um Tätigkeiten, die in solchen Umgebungen bisher mit erheblichem Aufwand an Abschirmung, Probenahmeplanung und manueller Präzision verbunden sind. Dazu zählen die präzise Kartierung von Räumlichkeiten, die Messung von Strahlungswerten sowie die Reinigung von Oberflächen. Damit wird Robotik nicht nur als „Transportmittel“ verstanden, sondern als Sensor-Plattform, die Daten erfasst und sie unmittelbar mit nachgelagerten Arbeitsfunktionen verknüpfen kann.
Ein besonderes Detail liegt im Dekontaminations-Setup. Für die Wisch- und Reinigungsarbeiten wurde ein spezielles Wischwerkzeug entwickelt, das bereits zum Patent angemeldet ist, und es wird über einen haptischen Controller gesteuert. Dieser Controller ist darauf ausgelegt, menschliche Handbewegungen präzise zu imitieren; die Idee dahinter ist, auch in einer Umgebung mit sehr eingeschränkten direkten Eingriffsmöglichkeiten eine fein abgestimmte Bewegungsführung zu erhalten. Ergänzend kommt das sogenannte SPOCK-Steuerungssystem zum Einsatz, das spezifisch für die Bedienung von Roboterarmen an den Einheiten ausgelegt ist. Ähnliche Ansätze werden zudem an anderen Standorten wie Oldbury erprobt, wo Roboterarme zur Sortierung radioaktiver Trümmer genutzt werden.
Damit aus Demonstrationen ein Routinebetrieb wird, mussten Betreiber und Technikteam nicht nur die Roboter anpassen, sondern auch den gesamten „Betriebsbetrieb“ nachziehen. Der Wechsel zur regulären Nutzung in Sellafield ist Ergebnis einer fünfjährigen Entwicklungsphase der Infrastruktur. In dieser Zeit entstanden Sicherheitsnachweise, die Cybersicherheit wurde adressiert und das Bedienpersonal wurde umfassend geschult. Ein wichtiger Meilenstein fällt dabei in den März 2025: Erstmals wurde der vollständige Fernbetrieb von einem Standort außerhalb der Anlage erfolgreich demonstriert. Praktisch heißt das, dass nicht nur einzelne Bewegungen fern möglich waren, sondern dass die Systemkette inklusive Steuerung und betrieblichen Abläufen unter realistischen Bedingungen funktioniert.
Für die Effizienz- und Sicherheitslogik liefert genau dieser Punkt einen handfesten Nutzen. Im strahlungsbelasteten Bereich können die Spot-Einheiten länger eingesetzt werden, ohne dass menschliche Arbeitskräfte mit denselben Belastungen durch Strahlenschutzkonzepte konfrontiert werden. Anders als bei manuellen Arbeiten sind keine schweren Schutzanzüge erforderlich, was den Wechsel von Personal, die Umgebungszugangsplanung und die damit verbundenen Wartezeiten typischerweise reduziert. Die Roboter sollen außerdem Aufgaben über längere Zeiträume bewältigen können, ohne dass gesundheitliche Risiken für Bediener in gleicher Weise zum begrenzenden Faktor werden. In Summe verschiebt sich damit die Einsatzdynamik: Weniger Unterbrechungen, mehr Kontinuität in der Dekontamination und ein klarerer Zusammenhang zwischen Messdaten, Arbeitsanweisung und dokumentierbaren Ergebnissen.
Gleichzeitig bleibt die Integration internationaler Technik ein Thema für Sicherheitsverantwortliche. Im Projektumfeld wurden Cybersicherheitsbedenken geäußert, insbesondere mit Blick auf die Herkunft der in den USA gefertigten Roboter. Laut den Angaben im Kontext wurden diese Punkte jedoch bereits im Rahmen der fünfjährigen Vorbereitungszeit adressiert, um einen sicheren Routinebetrieb am sensiblen Standort zu ermöglichen. Genau hier zeigt sich, dass KI-gestützte Robotik nicht allein eine Frage von Algorithmen ist, sondern auch von Lieferketten- und Sicherheitsarchitektur: Firmware- und Kommunikationswege müssen ebenso nachprüfbar sein wie der Zugriff auf Steuer- und Bedienkomponenten. Mit dem nun vollzogenen Übergang aus der Erprobungsphase in die reguläre Nutzung wird robotergestützte Dekontamination so zu einem integralen Baustein der britischen Nuklearstrategie für das kommende Jahrhundert.
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