JERUSALEM / LONDON (IT BOLTWISE) – Unterhalb der Tower-of-David-Stätte in Jerusalem ist eine seltene Tonform entdeckt worden, die offenbar die Gesichter weiblicher Figurinen aus der Zeit des Ersten Tempels hergestellt hat. Der Fund gilt als bisher erstes Produktions-„Werkzeug“ dieser Art im Stadtgebiet und stützt damit die Annahme, dass mindestens ein Teil der Figuren lokal gefertigt wurde. Damit rückt eine Alltagskultur in den Fokus, deren genaue Bedeutung Forschende seit Jahrzehnten beschäftigt. Zudem läuft im Zuge der Museumserweiterung die Suche nach weiteren Funden direkt in der Grabungszone weiter.

Seltener Tonformfund in Jerusalem liefert Hinweis auf Figurinenfertigung im 1. Tempel
Seltener Tonformfund in Jerusalem liefert Hinweis auf Figurinenfertigung im 1. Tempel (Foto: IT BOLTWISE)
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Bei archäologischen Rätseln geht es oft weniger um das bloße Vorhandensein eines Objekts als um den Produktionsweg. Genau an dieser Stelle setzt der neue Fund unterhalb Jerusalems Tower of David an: Eine seltene Tonform, die nach den bisherigen Befunden zur Herstellung des Gesichts einer weiblichen Figurine aus der Epoche des Ersten Tempels gedient hat. Die Entdeckung wurde im Rahmen Ausgrabungen bei Kishle gemacht, während am Areal gleichzeitig der Ausbau für das Tower-of-David-Jerusalem-Museum mit einem neuen Schulich-Flügel für „Archaeology, Art and Innovation“ vorbereitet wird. Für die Einordnung ist entscheidend, dass es sich nicht nur um eine Figurine selbst handelt, sondern um die Form, also um das Werkzeug, mit dem ihre charakteristischen Merkmale reproduzierbar wurden.

Technisch betrachtet verändert eine Produktionsform die Aussagekraft eines Fundes deutlich. Figurinen aus Ton sind im Jerusalemer Raum und im gesamten Gebiet Judas überaus häufig, insbesondere zwischen dem 8. und dem 6. Jahrhundert v. Chr. Doch gerade die Herstellung blieb bislang schwer rekonstruierbar, weil in der Stadt keine Formen nachweisbar waren, die als Ausgangsmaterial für diese typischen Darstellungen dienten. Die nun gefundene Form entstand während des Siebens und Sortierens von Bodenmaterial aus Schichten jener Zeit. Nach der Konservierung und Restaurierung konnten Fachleute einen Abdruck anfertigen, der ein stark ausgearbeitetes weibliches Gesicht und eine elaborierte, lockige Frisur zeigt. Damit lässt sich der Herstellungsprozess nicht nur indirekt erschließen, sondern anhand eines konkreten Werkzeugs plausibilisieren.

Die Kernaussage lautet: Es handelt sich um die erste Produktionsform für diese Figurinen, die jemals in Jerusalem selbst gefunden wurde. In der Forschung war daher zwar häufig die Frage präsent, ob die bekannten Tonfigurinen lokal entstanden oder aus anderen Regionen importiert wurden, aber der direkte Beleg für Fertigung vor Ort fehlte. So wird mit dem Fund am Kishle nun ein „Standortargument“ möglich, weil die Form ein lokales Bearbeiten und Reproduzieren der typischen Gestaltung nahelegt. Die Figurinen werden allgemein mit einer Höhe von etwa 10 bis 20 Zentimetern beschrieben und bestehen aus mehreren Teilen: Das Gesicht wird in einer Form geformt, während der restliche Körper von Hand gestaltet wird. Diese Mischtechnik ist typisch für Werkstätten, in denen Standardisierung über Formen und Individualisierung über Handarbeit zusammenkommen.

Inhaltlich ordnen Archäologinnen und Kuratorinnen die Funde in mehrere Haupttypen ein: Neben weiblichen „Judean Pillar Figurines“ sind vor allem Darstellungen von Pferd-und-Reiter sowie Tierfigurinen – wobei Pferde im Vordergrund stehen. Die Funktion der Objekte ist bis heute nicht eindeutig, und genau hier bleibt ein Stück Forschungsspielraum. Allerdings sprechen die Fundorte für eine breite Einbindung in den Alltag: Figurinen wurden in Häusern ebenso wie in Straßennähe und in Gräbern gefunden. Das lässt eine Verwendung außerhalb rein ritueller Zusammenhänge vermuten und unterstützt die Idee, dass diese Objekte je nach Kontext unterschiedlich interpretiert wurden. Für die Deutung wurden unter anderem Motive wie eine Fruchtbarkeitsgöttin, Spielzeug für Kinder oder Amulette zur Segens- und Schutzwirkung diskutiert.

Was in dieser Meldung besonders relevant ist, betrifft damit nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Art, wie Grabungen Erkenntnisse produzieren. Die Tonform ist ein Beispiel dafür, wie moderne Dokumentation und nachgelagerte Restaurierung aus einem unscheinbaren Materialfragment eine belastbare Aussage über Produktionstechniken machen können. Gerade weil Formen seltener überliefert sind als fertige Artefakte, sind solche Funde ein Hebel für neue Forschungsfragen: Wie sah die lokale Werkstattlandschaft aus? In welcher Größenordnung wurden Figurinen hergestellt? Und wie wurde der Transfer von Rohmaterial organisiert? Die Tatsache, dass die Form in Arbeitsschritten identifiziert und anschließend rekonstruktiv genutzt werden konnte, zeigt zudem, dass konservatorische Kompetenz unmittelbar in die wissenschaftliche Auswertung hineinwirkt.

Auch der zeitliche Kontext ist nicht zu unterschätzen. Die Entdeckung fällt in eine Phase, in der am Tower-of-David-Museum das Interesse an öffentlich sichtbaren Grabungsergebnissen steigt. Dieses Zusammenspiel aus Infrastruktur und Forschung macht den Fund besonders greifbar: Während die archäologischen Arbeiten fortgesetzt werden, bleibt für Besucherinnen und Besucher in den kommenden Monaten die Möglichkeit bestehen, bei ausgewählten Aktivitäten Bodenproben aus der Grabungszone zu sieben. Solche Formate ersetzen keine Fachanalyse, aber sie verändern das Verständnis dafür, wie selten Produktionsspuren im Boden sind und warum die Suche nach „Werkzeug“ statt „Objekt“ so viel über die Herstellungslogik verraten kann.

Für die nächste Forschungsstufe ist vor allem interessant, ob sich weitere Produktionsspuren finden lassen. Wenn eine Form zur Herstellung des Gesichts vorliegt, steigen die Chancen, dass auch weitere Elemente der Kette – etwa zusätzliche Formen, Rohmaterialreste oder Werkzeugspuren – im Umfeld auftauchen. Das würde die bisherige Hypothese weiter stärken, dass mindestens ein Teil der Figurinen in Jerusalem hergestellt wurde, und könnte zugleich helfen, Werkstattmuster zwischen Figurinentypen zu vergleichen. Bis dahin bleibt der Fund am Kishle ein starkes Indiz: Er liefert nicht die letzte Wahrheit über Bedeutung und Nutzerkreis der Figurinen, aber er verschiebt die Debatte über Herkunft und Fertigung spürbar in Richtung lokaler Produktion – ein Schritt, der für das Verständnis antiker Alltagskultur weit über einen einzelnen Tonabdruck hinausgeht.


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