BELGRAD / LONDON (IT BOLTWISE) – Rund anderthalb Wochen vor den serbischen Parlamentswahlen wehrt sich die Redaktion der Online-Zeitung „nova.rs“ gegen eine Übernahme durch ein regierungsnahes Unternehmen. Nach Medienangaben soll ein neues Eigentümer-Team den Journalisten Marko Stjepanovic gegen den Willen der Redaktion zum Chefredakteur machen. Den Mitarbeitenden wurde ein Ultimatum gesetzt: Unterwerfung innerhalb von 48 Stunden oder Abgang gegen Abfindung. Im Hintergrund steht der Wahlkampf um die Regierungspartei SNS und den Politiker Aleksandar Vucic, der seit 2012 mehrere Schlüsselrollen innehat.

Serbien: „nova.rs“ wehrt sich gegen Regierungseinfluss vor Parlamentswahl
Serbien: „nova.rs“ wehrt sich gegen Regierungseinfluss vor Parlamentswahl (Foto: IT BOLTWISE)
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Rund anderthalb Wochen vor den serbischen Parlamentswahlen kippt ein Medienkonflikt vom politischen Schlagabtausch in einen handfesten Arbeitskampf: Die Redaktion der Online-Zeitung „nova.rs“ stellt sich laut offenem Brief gegen eine Übernahme und kündigt an, den Schritt „bis zum letzten Funken unserer Kraft“ nicht hinzunehmen. Zentraler Knackpunkt ist die geplante Personalentscheidung an der Spitze: Am Dienstag sollen die neuen Eigentümer der Zeitung den Journalisten Marko Stjepanovic als neuen Chefredakteur einsetzen, und zwar gegen den erklärten Willen der Redaktion. Damit wird der Konflikt nicht nur über Eigentumsfragen ausgetragen, sondern konkret über redaktionelle Leitungsverantwortung und darüber, wer die tägliche Informationslinie während des Wahlkampfs vorgibt.

Technisch betrachtet wirkt so ein Streit in digitalen Redaktionen häufig wie ein Einschnitt in die „Kontrollkette“ zwischen Redaktion, Veröffentlichung und Markenauftritt. „nova.rs“ ist als Online-Medium unmittelbar an Workflows gebunden: Redaktionspläne, Themenfreigaben, Content-Pipelines und oft auch die Frage, wer in der Rolle des Chefredakteurs final entscheidet, welche Inhalte priorisiert, nachbearbeitet oder gestoppt werden. Das im offenen Brief erwähnte Ultimatum verschärft diesen Effekt zusätzlich, weil es den verbleibenden Handlungsspielraum der Mitarbeitenden faktisch auf einen engen Zeitraum reduziert. Die Redaktion beschreibt, die Mitarbeitenden sollten sich innerhalb von 48 Stunden der Autorität Stjepanovic’ unterwerfen oder die Online-Zeitung gegen eine Abfindung verlassen. Dass zugleich angedeutet wird, man wolle die Mitarbeitenden physisch von ihren Arbeitsplätzen entfernen, macht die Auseinandersetzung über reine Governance-Fragen hinaus zu einem Konflikt über Zugänge zu Redaktionsressourcen.

Aus Branchensicht ist die zeitliche Platzierung besonders relevant: Der Streit fällt auf eine Phase, in der Wähleraufmerksamkeit typischerweise stark steigt und Medienhäuser ihre Berichterstattung deutlich auf Wahltermine ausrichten. Am 25. Oktober haben Umfragen zufolge die Liste der neuen Studentenbewegung gute Chancen, die Regierungspartei SNS des alles bestimmenden Politikers Aleksandar Vucic zu bezwingen. Vucic bestimmt seit 2012 in wechselnden Funktionen die Politik des Landes; von 2017 bis zu seinem Rücktritt im Vormonat war er Staatspräsident. Als Spitzenkandidat der SNS strebt er bei der kommenden Wahl das Amt des Regierungschefs an. In solchen Phasen ist redaktionelle Unabhängigkeit für Leserinnen und Leser oft am sichtbarsten, etwa daran, wie schnell nachprüfbare Fakten geliefert werden, wie konsequent unterschiedliche Perspektiven abgebildet werden und ob investigativ getaktete Themen nicht „in die Breite“ gedrückt werden.

Damit rückt auch die Eigentümerseite in den Fokus: Laut Angaben in Medienberichten steht hinter der Übernahme eine Investmentgesellschaft aus Portugal. Einer der Gründer, Pedro Vargas David, soll in enger Verbindung zu Geschäftskreisen um Vucic stehen. Dieser habe nicht nur die Kontrolle über „nova.rs“ erlangt, sondern auch über die unabhängige Fernsehsender-Gruppe N1 sowie weitere Zeitungen. Der Hintergrund der Verflechtungen wird in dem Text weiter verdichtet, indem sein Vater als Vertrauter des früheren rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Ungarns, Viktor Orban, gilt, der wiederum eng mit Vucic verbunden sei. Für die Bewertung solcher Verbindungen ist wichtig, dass Vorwürfe stets im Modus der Behauptung bleiben: Vorwürfe von Kritikern zufolge soll Aleksandar Vucic autokratische Methoden anwenden und unabhängige Medien sowie Oppositionspolitiker unter Druck setzen. Genau diese Behauptung bildet den Kern der Sorge, dass Eigentum nicht neutral bleibt, sondern die redaktionelle Linie beeinflusst.

Ein zweiter Aspekt ist die Frage, wie Organisationen in digitaler Form mit strukturellem Druck umgehen können, ohne ihre Reichweite oder Glaubwürdigkeit zu beschädigen. Für die Belegschaft entsteht ein Dilemma: Bleibt man am Arbeitsplatz, um die redaktionelle Kultur zu schützen, riskiert man Eskalation; geht man, um sich abzusichern, verliert man womöglich die letzten inneren Kompetenzen, die Inhalte und Prozesse am Laufen halten. Die im offenen Brief beschriebene Haltung, Stjepanovic nicht als Chefredakteur anzuerkennen, zielt daher auf mehr als Symbolik: Sie ist auch eine Verhandlung über Verantwortlichkeiten im Produktionsprozess. In der Praxis entscheidet das darüber, wie schnell neue organisatorische Rollen etabliert werden können, ob es technische und administrative Kontinuitäten gibt und ob die Inhalte vor Veröffentlichung weiterhin den bisherigen Qualitäts- und Objektivitätsanspruch widerspiegeln.

Für den Markt und die Öffentlichkeit signalisiert der Fall zudem, wie verwundbar unabhängige Medien in Wahlkampfzeiten sein können, wenn Geldflüsse und Eigentümerstrukturen als Hebel dienen. Gleichzeitig zeigt die Auseinandersetzung, dass digitale Medien weniger „ortsfest“ sind als klassische Printbetriebe, aber nicht weniger angreifbar: Der Zugang zu Autorensystemen, Redaktionsrechnern, Freigaberechten und organisatorischen Verantwortungen kann in einem Eigentümerwechsel schnell neu geordnet werden. Ob „nova.rs“ den Konflikt organisatorisch stabilisiert, hängt deshalb weniger von einzelnen Schlagzeilen ab, sondern davon, ob sich das Team trotz Druck auf Rollen, Prozesse und Sicherheitsmaßnahmen im Hintergrund verständigt. In Serbien wird dabei nicht nur über eine einzelne Redaktion gestritten, sondern über die Frage, wer im Wahlkampf über Informationshoheit entscheidet.


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