FRANKFURT/ZÜRICH/PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Vor dem Start der Berichtssaison steigt am deutschen Markt die Nervosität rund um Künstliche Intelligenz. Siemens und andere Automatisierungs- und Energietechnikwerte geben deutlich nach, obwohl ABB bei den Auftragseingängen neue Rekordwerte meldet. Gleichzeitig geraten europäische Chipwerte erneut unter Druck. Im Techsektor rückt nun die Frage in den Fokus, ob die zuletzt hohen KI-bezogenen Erwartungen zur Profitabilität passen.

Der Handel am deutschen Aktienmarkt startet mit einer auffälligen Mischung aus Fundamentaldaten und Stimmungsdruck: Während sich der Ausblick bei vielen Industrie- und Techwerten über das laufende Jahr noch recht solide liest, kippt die kurzfristige Risikowahrnehmung spürbar. Im DAX lagen Siemens, Infineon und Hochtief am Dienstag bei Kursverlusten von jeweils mehr als 3 Prozent; auch Siemens Energy rutschte um über 2 Prozent ab. Im EuroStoxx verstärkte sich das Muster mit Abschlägen um rund 3 Prozent bei ASML und Schneider Electric, während im CAC 40 STMicro und Legrand ebenfalls um etwas mehr als 3 Prozent nachgaben. Die klare rote Laterne im SMI blieb derweil ABB mit minus 5,7 Prozent – ein Kontrast, der zeigt, wie sehr kurzfristige Erwartungen den Kursverlauf überlagern können.
Technisch betrachtet geht es bei der Debatte um KI nicht nur um Modellqualität, sondern um die Infrastruktur dahinter: Rechenleistung, Energiezufuhr und die Geschwindigkeit, mit der neue Kapazitäten aufgebaut werden. Genau hier setzt die Marktlogik an, die derzeit für Unruhe sorgt. Aus der Perspektive des Marktes werden immer lauter Zweifel daran diskutiert, ob sich gigantische Investitionsprogramme, die über Jahre hinweg KI- und Halbleiterbooms getragen haben, auch in nachhaltige Margen übersetzen. Dazu passt die Aussage, dass steigende, inflationsbedingte Marktzinsen das Kreditrisiko erhöhen können – ein Punkt, der gerade kapitalintensive Geschäftsmodelle stärker trifft, weil Refinanzierung und Projektfinanzierung in der Regel teurer werden.
Diese Verschiebung der Stimmung wird in den Kursdaten greifbar. Zwar lagen viele Verlierer mit Blick auf das Jahresergebnis noch im Plus: Infineon stand mit etwas über 35 Prozent im Bereich, ASML mit fast 60 Prozent und STMicro mit knapp 70 Prozent. Bei den Elektrotechnik-Spezialisten belief sich der bisherige Jahresgewinn von ABB auf knapp 20 Prozent, während Siemens und Siemens Energy mit einem Plus von 7 beziehungsweise 8 Prozent noch besser dastanden als der DAX, dessen Gewinn auf 2,5 Prozent zusammengeschrumpft war. Die Kurse reagieren dennoch nervös, weil Anleger offenbar kurzfristig weniger an „Fortsetzung ohne Bremse“ glauben und eher auf die Wirtschaftlichkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette schauen.
Für diese Neubewertung liefert der Blick auf Rechenzentren und Lieferketten einen konkreten Anker. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine kolportierte Vereinbarung zwischen dem KI-Softwareunternehmen Anthropic und dem Cloud-Infrastrukturanbieter Nscale über den Zukauf erheblicher KI-Rechenleistung. Laut der erwähnten Einschätzung eines Barclays-Analysten lässt sich daraus ableiten, dass sich die zuletzt teils als sehr hoch eingeschätzte Gewinnspanne der Lieferkette relativiert und Unternehmen künftig stärker preisspezifisch kalkulieren müssten. Der Gedanke dahinter ist nicht trivial: Wenn Nachfrage nach Rechenleistung zwar weiter wächst, die Knappheit aber weniger „unendlich“ wirkt, rücken Preis und Marge in die Kalkulation – und damit auch die Frage, wer bei Energie- und Infrastrukturprojekten zu den Gewinnern zählt.
Genau hier werden im Marktumfeld auch die großen Energie- und Industriewerte in den Fokus gerückt. Der Analyst verweist auf erhöhte Risiken für Anbieter im Energiesegment und nennt dabei namentlich Siemens Energy, Siemens, ABB und Schneider Electric. Die Logik: Renditen und Margenausweitungen hätten in den vergangenen Jahren teils nahezu parabolisch ausgesehen, während gleichzeitig neue Kapazitäten entstehen. Wo zusätzliches Angebot auf eine Phase zurückhaltenderer Erwartungen trifft, können Bewertungsmodelle schneller nach unten korrigieren. Gleichzeitig bleibt die Story um KI nicht automatisch am Boden, sondern verschiebt sich eher hin zu Unternehmen, die bereits heute oder sehr unmittelbar vom Einsatz von KI profitieren – etwa in Bereichen wie Versicherung oder Gesundheit.
Für Anleger und Unternehmensverantwortliche ist entscheidend, wie sich diese Diskussion im nächsten Schritt in den Ergebnissen der Berichtssaison zeigt. In den kommenden Stunden liegt die Aufmerksamkeit besonders auf großen Tech-Schwergewichten nach US-Börsenschluss: SpaceX als erstes, danach Meta, IBM, Lam Research sowie Bloom Energy am Mittwoch. Hintergrund ist, dass die Dort präsentierten Aussagen zu Nachfrage, Kapazitätsausbau und Investitionsplänen oft als Gradmesser dienen, wie stabil das KI-Wachstum in ein berechenbares Geschäft übersetzt werden kann. Für Siemens & Co kommt dazu ein zusätzlicher Faktor: Die Märkte müssen gleichzeitig einschätzen, wie stark der Energie- und Automatisierungssektor von neuen Rechenzentrums- und Infrastrukturprojekten profitieren kann – und ob höhere Zinsen sowie potenziell straffere Preis-/Margeannahmen diese Dynamik begrenzen.
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