KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Am 26. August 1978 flog Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All. Er startete mit der Mission Sojus 31 zur Raumstation Salyut 6 und fertigte dabei Aufnahmen der Erde mit einer neuen Multispektralkamera an. Die Arbeit an Bord verband Experimente aus Biologie, Physik und Materialwissenschaft. Damit wurde eine frühe Vorlage für das später übliche Mitfliegen von Partnern im Weltraum geschaffen.

Sigmund Jähn: Erster Deutscher im All und sein Weg zur Raumfahrtkooperation
Sigmund Jähn: Erster Deutscher im All und sein Weg zur Raumfahrtkooperation (Foto: IT BOLTWISE)
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Für viele Raumfahrtgeschichten gilt: Der technische Aufwand allein entscheidet nicht, wer später „mit am Tisch sitzt“. Genau an dieser Schnittstelle liegt die Leistung von Sigmund Jähn. Am 26. August 1978 wurde der Pilot und Kosmonaut zum ersten Deutschen im All – und zwar nicht im Rahmen einer rein nationalen Mission, sondern als Teil eines sowjetisch geprägten Partneransatzes. Jähn war zuvor ein erfahrener Flieger der Luftstreitkräfte der DDR und hatte in den 1960er-Jahren an der Gagarin-Luftfahrtakademie in der Sowjetunion studiert. Dass daraus Jahre später ein Start mit einer bemannten Sojus-Mission resultierte, zeigt, wie stark die Raumfahrt damals politisch und organisatorisch in Bündnisse eingebettet war.

Technisch betrachtet war die Mission Sojus 31 auf die Raumstation Salyut 6 ausgerichtet und damit auf einen Lebensraum im Orbit, in dem Experimente nicht nur vorbereitet, sondern kontinuierlich betrieben werden konnten. Jähn flog zusammen mit drei sowjetischen Kosmonauten zur Station; sein Beitrag umfasste unter anderem das Fotografieren der Erde mit einer neuen Multispektralkamera. Multispektrale Aufnahmen sind mehr als „bessere Bilder“: Sie erlauben, Strahlung über mehrere Wellenlängenbereiche zu erfassen, sodass sich beispielsweise Eigenschaften von Oberflächen und Atmosphärenprozessen differenzierter interpretieren lassen. Ergänzend führte er Experimente aus den Bereichen Biologie, Physik und Materialwissenschaften durch, also genau jene Sparten, in denen sich Mikrogravitation, Temperaturzyklen und die Interaktion von Systemen mit ihrer Umgebung besonders deutlich bemerkbar machen.

Aus heutiger Perspektive wirkt die Idee naheliegend, aber historisch war sie noch keineswegs selbstverständlich. Jähns Flug wird als frühes Beispiel dafür beschrieben, dass Partnerstaaten nicht nur zulieferten, sondern mit einem eigenen Besatzungsmitglied in eine gemeinsam geplante Mission integriert wurden. Die Mission Sojus 31 fand rund drei Jahre nach dem Apollo-Soyuz-Testprojekt statt, jenem Flug zwischen NASA und der Sowjetunion, der als früher internationaler Abgleich bemannter Programme gilt. Wenngleich Apollo-Soyuz organisatorisch und technisch andere Voraussetzungen hatte, verdeutlicht der Vergleich die Entwicklung: Weg von reiner Konkurrenz, hin zu Verfahren, die unterschiedliche Systeme und Besatzungen so koordinieren, dass gemeinsame Ziele erreichbar werden. Im Ergebnis wurde ein Erfahrungsfundament geschaffen, von dem spätere Kooperationsmodelle profitieren konnten.

Auch der „Betrieb“ an Bord ist für die Einordnung wichtig. In der Quelle wird festgehalten, dass Jähn während seines etwa acht Tage dauernden Aufenthalts insgesamt 25 Experimente durchführte – gemeinsam mit dem Kosmonauten Valeri Bykovsky. Die Bandbreite reichte von Geophysik über Materialwissenschaften bis hin zu medizinischen Fragestellungen, Biologie und Fernerkundung. In solchen Missionsarchitekturen steckt ein spezieller Engineering-Charakter: Experimentprozesse müssen in Protokolle übersetzt werden, die mit Zeitplänen, Bediensequenzen, Messdatensätzen und Rückübertragungen funktionieren. Gerade Fernsensorik-Workflows profitieren davon, wenn die Bilddaten nicht erst nach dem Flug „interpretiert“ werden, sondern während der Mission in einen konsistenten Ablauf eingebunden sind.

Für die Markt- und Branchenperspektive ist die Konsequenz interessant, dass Kooperationsroutine kein Selbstläufer ist. Die Bemerkung, dass solche Flüge heute an der Internationalen Raumstation zum Alltag gehören, ist mehr als eine Komfortaussage: An der ISS sind Astronautinnen und Astronauten verschiedener Länder im Rahmen von Missionen präsent, die von fünf Raumfahrtagenturen überwacht werden. Dazu zählen NASA, Roskosmos, die Europäische Raumfahrtorganisation, die japanische Agentur und die kanadische Raumfahrtorganisation. Der entscheidende Punkt dahinter: Koordination wird nicht nur zwischen Staaten organisiert, sondern auch zwischen Mission-Planung, Trainingsprogrammen, Operations-Teams und den Schnittstellen, über die Hardware und Daten ausgetauscht werden. Jähns Laufbahn nach dem Flug passt dazu, weil er später Verantwortung in der Ausbildung übernahm und zudem als Berater weiterwirkte.

Nach seiner Raumfahrtkarriere leitete Jähn bis 1990 das Space Training Centre der DDR in Eggersdorf nahe Strausberg. Als die DDR-Luftstreitkräfte aufgelöst wurden, endete diese institutionelle Linie – aber sein Know-how blieb in der Raumfahrt-Ökonomie relevant. Laut Quelle wurde er mit dem Rang eines Generalmajors entlassen und blieb danach in Deutschland aktiv: Als freiberuflicher Berater arbeitete er sowohl für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt am Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum nahe Moskau als auch für das European Astronaut Center in Köln. Gerade diese Kombination aus Ausbildungswissen und praktischer Missionsperspektive macht ehemalige Raumfahrer für Organisationen so wertvoll, weil sie die Lücke zwischen „Planung am Papier“ und „Umsetzung im Orbit“ aus eigener Erfahrung schließen können.

Der Lebenslauf endet nicht mit dem Ruhestand. Jähn zog sich 2002 zurück, nachdem ihm bereits 2001 ein Asteroid mit der Nummer 17737 zu seinem Gedenken benannt worden war. Er starb 2019 im Alter von 82 Jahren. In der Summe zeigt seine Geschichte, wie eng Raumfahrt damals an internationale Lernprozesse gekoppelt war: Eine Mission wie Sojus 31 war nicht nur ein persönlicher Meilenstein, sondern ein Baustein im schrittweisen Aufbau von standardisierbaren Kooperationen. Und genau diese „Bauweise“ wirkt bis in heutige Programme hinein, etwa wenn Partner aus unterschiedlichen Programmen in denselben Missionsalltag integriert werden. Für die Raumfahrtindustrie bedeutet das: Kooperation ist eine technische Frage der Schnittstellen – aber ebenso eine Frage von Ausbildung, Prozeduren und Vertrauen, das über erfolgreiche Flüge entsteht.


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