LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Untersuchung in PLOS One zeigt, dass Smartwatches den Kalorienverbrauch beim Training häufig deutlich zu hoch angeben. In einem kontrollierten Test auf dem Fahrradergometer lag die Überschätzung bei 15 bis 25 Prozent, je nach Gerät und Probanden sogar noch darüber. Die Daten werden zudem mit zunehmendem Körperfettanteil unzuverlässiger, während die Herzfrequenz als Steuerungsgröße besser abschneidet. Für Sportziele bedeutet das: Kalorienwerte eher als Obergrenze verstehen und stärker auf Trainingsintensität setzen.

Smartwatches und Fitness-Tracker sind für viele Sportler längst mehr als Spielerei: Sie sollen aus Puls, Aktivität und Körperdaten einen Kalorienverbrauch ableiten, der Training messbar macht. Genau hier setzen die aktuellen Ergebnisse an, denn sie zeigen eine einfache Lücke im Alltag vieler Wearable-Nutzer: Die angezeigten Energieverbräuche sind oft nicht nur „ungenau“, sondern systematisch in eine Richtung verschoben. In einer im PLOS One veröffentlichten Studie der Florida International University wird die Lücke anhand von mehreren Geräten konkretisiert und mit Laborreferenzen verglichen.
Im Mittelpunkt standen 58 Erwachsene, die viermal je 10 Minuten auf einem Liegefahrrad bei moderater bis hoher Intensität trainierten. Vier Smartwatches – Apple Watch Series 8, Fitbit Sense 2, Samsung Galaxy Watch 5 und Garmin Forerunner 955 – wurden dabei nicht gegen „Subjektives“, sondern gegen den COSMED K5 als Stoffwechselanalysator gemessen. Das zentrale Muster: Bei den Smartwatch-Schätzungen zeigte sich eine generelle Überschätzung des Kalorienverbrauchs um 15 bis 25 Prozent. Bei den schlechtesten Schätzungen lagen die Abweichungen teils noch deutlich höher. Besonders praxisrelevant ist die Beobachtung, dass mit steigendem Körperfettanteil die Genauigkeit abnimmt: Wenn ein Display etwa 500 Kilokalorien ausgab, entsprachen dem in der Referenzmessung häufig nur rund 350 Kilokalorien.
Die Unterschiede zwischen den Geräten fallen dabei nicht nur im Mittel, sondern auch in der Datenqualität auf. Die Studie berichtet, dass die Apple Watch Series 8 im Vergleich am besten abschnitt. Dagegen lieferte die Fitbit Sense 2 teils Daten, die für eine sinnvolle Interpretation kaum verwendbar waren – etwa durch grobe Fehler wie die Erfassung von nur 1 Kilokalorie pro Trainingseinheit. Damit wird auch klar, warum solche Werte im Alltag schnell zu Fehlentscheidungen führen: Wer Kalorien als „Ausgleich“ für zusätzliche Mahlzeiten verwendet, bekommt im Hintergrund eine Messungenauigkeit mitgeliefert, die sich über Tage und Wochen aufsummieren kann. Studienautor Dr. Jason Kostrna betonte daher, dass die Werte nicht exakt seien und sich wöchentlich Hunderte Kalorien falsch addieren könnten. Als Konsequenz empfiehlt er, die Anzeige eher als Obergrenze zu behandeln, sie abzurunden und stattdessen die Herzfrequenz sowie Herzfrequenzzonen zur Steuerung heranzuziehen.
Der zweite wichtige Befund betrifft die Übertragbarkeit auf andere Sportarten und Trainingsformen. Eine weitere Untersuchung mit 31 trainierten Frauen zeigte, dass Wearables den Kalorienverbrauch beim Krafttraining – selbst mit individueller Kalibrierung – verfehlen. Im Vergleich zur indirekten Kalorimetrie erreichte beim Krafttraining kein Gerät und kein Algorithmus die Äquivalenzgrenze von plus/minus 10 Prozent. Beim intermittierenden hochintensiven Laufen brachte zwar ein kalibriertes Actiheart 5 im Gruppenmittel relativ nahe Werte hervor, doch auf Personenebene waren die Schwankungen extrem: Von minus 114 bis plus 123 Kilokalorien. Ein kalibriertes GENEActiv-Akzelerometer überschätzte im Mittel um 69,5 Kilokalorien. Das Muster ist damit weniger „ein Gerät ist besser“ als „das Modell dahinter stößt an Grenzen“, sobald die Bewegungskomplexität, die Dynamik einzelner Intervalle und die mechanische Muskelarbeit nicht mehr sauber in die Annahmen der Schätzalgorithmen passen.
Dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, stützt auch die Breite der Auswertungen. Ein Umbrella Review in Sports Medicine analysierte 2024 24 Reviews und 249 Validierungsstudien und kommt zu einem ernüchternden Verhältnis zwischen Geräteanzahl und tatsächlich belegter Messgenauigkeit: Von 310 seit 2003 erschienenen Geräten aus 20 Marken waren nur 34 (11 Prozent) für mindestens eine Messung validiert. Für fünf Messgrößen wären 1.550 Validierungen nötig gewesen; tatsächlich lagen jedoch nur 54 (3,5 Prozent) vor. Daneben zeigt das Review auch, warum Herzfrequenzwerte häufig stabiler wirken: Die Herzfrequenzmessung erreicht laut Zusammenfassung einen Fehler von rund 3 Prozent. Eine weitere Metaanalyse zu Fitbit-Geräten aus 2022 beschreibt zudem eine mittlere Unterschätzung von 2,77 Kilokalorien pro Minute; das entspräche pro Stunde grob 166 Kilokalorien. In Summe entsteht damit ein Bild, das für Nutzer besonders relevant ist: Nicht die Idee „Puls ist real“ ist das Problem, sondern die Umrechnung von Puls und Bewegung in Energie über das Handgelenk.
Für die Trainingspraxis heißt das weniger „Wearables sind nutzlos“, sondern „die richtige Erwartungshaltung verhindert Fehlsteuerung“. Experten raten, Smartwatch-Werte als Kontext- und Dokumentationsgröße zu verwenden, aber bei Entscheidungen mit Kalorienwirkung auf größere Unsicherheiten vorbereitet zu sein – Abweichungen von 20 Prozent oder mehr sind offenbar möglich. Formeln zur Schätzung des Ruhe- oder Grundumsatzes unterliegen ebenfalls biologischen Varianzen; Messwerte am Handgelenk können deshalb vor allem als Richtwerte dienen. Wer sein Training verbessern will, setzt oft erfolgreicher auf nachvollziehbare Intensität statt auf absolute Energie: Herzfrequenzzonen, gleichmäßigere Belastungssteuerung und das Dokumentieren von Trends über längere Zeiträume sind dafür deutlich belastbarer. Auch in medizinischen Kontexten wird von einer fixen Kalorienrechnung abgeraten; so wird in dem Artikel die Einschätzung von Amanda Velazquez von Cedars-Sinai erwähnt, die bei Essstörungen grundsätzlich vom Kalorienzählen abrät.
Aus Branchensicht bleibt damit ein klarer Entwicklungsauftrag: KI- und Algorithmusmodelle können nur so gut sein wie die Daten, Annahmen und Validierungen, auf denen sie trainiert und geprüft wurden. Wenn nur ein Teil der Geräte für konkrete Messgrößen überhaupt ausreichend validiert ist, entsteht für Nutzer automatisch ein Risiko durch falsche Präzision. Wahrscheinlich werden Hersteller daher stärker auf „funktionsbezogene“ Zielgrößen setzen – etwa Herzfrequenzzonen, Trainingsstatus oder Trendverläufe – statt einen einzelnen Kalorienwert als exakte Größe zu verkaufen. Für Sportler und Unternehmen mit vielen Wearable-Nutzern heißt das: Wer Prozesse, Workouts oder Gesundheitsprogramme auf Energiekennzahlen stützt, sollte die Messunsicherheit ausdrücklich in der Auswertung berücksichtigen und Herzfrequenzdaten als stabileren Anker behandeln.
Quelle: Die im Artikel zusammengefassten Studien und Reviews umfassen eine Veröffentlichung in PLOS One sowie weitere Auswertungen in Sports Medicine, außerdem Metaanalysen und einzelne Validierungsstudien mit indirekter Kalorimetrie als Referenz. Die Kernaussage bleibt dabei konsistent: Kalorienwerte aus Smartwatches sind im Alltag häufig überschätzt oder streuen stark – Herzfrequenzmessung und langfristige Trends sind dagegen meist die bessere Basis für eine verantwortungsvolle Trainingssteuerung.
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