LONDON (IT BOLTWISE) – Die historisch starke Aktienphase von November bis April könnte in der Saison 2026/27 schwächer ausfallen als viele Anleger erwarten. Jim Paulsen macht dafür einen von ihm entwickelten Indikator für US-Finanzbedingungen verantwortlich, der sich seit Mai in Richtung restriktiver Werte bewegt hat. Entscheidend ist dabei, dass frühere Muster zwischen Kalender-Effekt und Finanzlage bereits in deutlich messbaren Fällen nicht aufgegangen sind. Für Investoren heißt das: Saisonalität allein reicht nicht als Begründung für eine höhere Aktienquote oder mehr Risikohebel.

S&P 500: Paulsens Indikator warnt vor enttäuschender Saison November bis April
S&P 500: Paulsens Indikator warnt vor enttäuschender Saison November bis April (Foto: IT BOLTWISE)
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Viele Anleger orientieren sich beim US-Aktienmarkt instinktiv am Kalender. Schließlich gilt die Zeit von November bis April traditionell als besonders freundlich, während die Monate von Mai bis Oktober historisch eher durchwachsen waren. Genau diese Regelmäßigkeit bildet auch die Basis der bekannten Börsenweisheit „Sell in May and go away“. Doch die jüngsten Hinweise von Jim Paulsen verschieben den Fokus: Nicht der Monatsname entscheidet, sondern wie sich die Finanzbedingungen in den Monaten zuvor verändert haben.

Im Kern geht es um Paulsens „Financial Conditions Gauge“, eine Kennzahl, die mehrere monetäre und makroökonomische Variablen zusammenführt. In den Blick kommen dabei unter anderem die Renditen zweijähriger und zehnjähriger US-Staatsanleihen, die Zinsstrukturkurve, Entwicklungen beim US-Haushalt, das reale Geldmengenwachstum, der Ölpreis sowie Größen wie Reallöhne und Inflation. Paulsens Argumentation lautet dabei nicht, dass Saisonalität als solche verschwindet, sondern dass sie unter bestimmten Finanzregimen deutlich weniger verlässlich ist. Wenn die Finanzierungskonditionen enger werden, können Rückenwind-Effekte aus der Jahreszeit überlagert werden.

Auslöser der aktuellen Warnung ist die Entwicklung seit Mai: Während die Faktoren zwischen Ende 2024 und Anfang 2026 überwiegend noch unterstützend gewirkt haben sollen, hätten sich seit Mai sieben der acht betrachteten Komponenten in eine restriktivere Richtung bewegt. Damit befindet sich der Indikator laut der im Artikel zusammengefassten Auswertung im restriktivsten Viertel seiner historischen Beobachtungen seit 1970. Paulsen hatte die Verschärfung bereits am 21. September in seinem Newsletter thematisiert und dabei eine Einschätzung der US-Notenbank zurückgewiesen, wonach die breiten Finanzbedingungen nicht als restriktiv einzustufen seien. Stattdessen verweist er auf Vorlaufindikatoren, die in der Vergangenheit häufig auf eine schwächere wirtschaftliche Entwicklung in den Folgemonaten hindeuteten.

Für die Börsenpraxis wird es besonders greifbar, wenn man Paulsens historische Verteilung mit der saisonalen „Wintersaison“ kombiniert. In den Daten, die in der Analyse herangezogen werden, fiel die Performance des S& P 500 in den anschließenden Monaten November bis April im Durchschnitt deutlich geringer aus, wenn die Finanzbedingungen zuvor im restriktivsten Viertel lagen. Konkret werden für diesen Fall eine annualisierte Rendite von 4,79 Prozent genannt. In dem Quartil mit den lockersten Finanzbedingungen waren es dagegen 18,4 Prozent. Diese Differenz ist groß genug, um den saisonalen Reflex „Jetzt wird es wieder besser“ zumindest zu relativieren, weil Anleger sonst Gefahr laufen, ein wiederkehrendes Muster mit einer aktuellen Finanzlage zu verwechseln.

Damit adressiert Paulsen auch einen Klassiker im Portfoliomanagement: Saisonalität kann die Verteilung der erwartbaren Renditen beeinflussen, aber sie ersetzt keine Risikoeinschätzung. Der Text hebt zudem hervor, dass die starke Sechsmonatsphase nicht in jedem Umfeld positiv ausfällt. In knapp 25 Prozent der Fälle hätten die Monate November bis April negative Kursrenditen gebracht. Genannt werden als Beispiele unter anderem 2007/08, 2015, 2019 und 2024. Gerade diese Trefferquote macht die Argumentation plausibel: Selbst wenn ein Muster in der Summe häufiger zutrifft, entscheidet der Kontext darüber, wie stark der Vorteil tatsächlich ausfällt.

Marktstrategisch bedeutet das für die Saison 2026/27 vor allem Zurückhaltung bei schnellen Handlungsableitungen. Paulsen stelle, so die Zusammenfassung, das saisonale Muster nicht grundsätzlich infrage. Er verknüpft es jedoch mit einem Mechanismus, der in der Vergangenheit wiederholt eine Bremse war: restriktivere Finanzbedingungen wirken wie ein dämpfender Unterbau auf Wirtschaftserwartungen, Finanzierungskosten und damit häufig auch auf Bewertungsniveaus. Wenn Renditeentwicklung, Zinsstruktur und reale Preis- sowie Lohnindikatoren in Richtung „zu eng“ kippen, reichen saisonale Erleichterungen an den Märkten oft nicht, um die zuvor aufgebauten Gegenkräfte zu neutralisieren.

Für Unternehmen und institutionelle Investoren liegt die Relevanz nicht nur in der Schlagzeile, sondern in der Ableitbarkeit für Prozesse. Wer Aktienquoten aktiv steuert, prüft typischerweise mehrere Dimensionen gleichzeitig: Liquiditätslage, Kapitalmarktrahmen, Bewertungsrisiken und makroökonomische Treiber. Paulsens Gauge kann hier als kompakter Versuch gesehen werden, diese Treiber in eine einzige Ampel-ähnliche Entscheidungslogik zu übersetzen. Das ist vor allem dann nützlich, wenn interne Modelle Saisonalität zwar berücksichtigen, aber nicht automatisch mit dem „Finanzregime“ verknüpfen. Insofern ist die Warnung auch eine Einladung, saisonale Strategien stärker an Zustandsvariablen zu koppeln, statt sie als isoliertes Signal zu behandeln.

Offen bleibt in der Diskussion zwangsläufig die Frage, wie belastbar der Zusammenhang kurzfristig bleibt, wenn sich einzelne Komponenten des Indikators schneller drehen als der Markt die Lage einpreist. Dennoch ist die Richtung der Aussage klar: Anleger sollten die Monate November bis April nicht als Freifahrtschein sehen, solange sich die Finanzbedingungen im restriktivsten Viertel bewegen. Für die Praxis heißt das, weniger mechanisch zu handeln und stärker zu prüfen, ob die aktuelle Konstellation eher zum „unterstützenden“ oder zum „konterkarierenden“ historischen Umfeld gehört. Genau dort, zwischen Kalender-Routine und Finanzregime, entscheidet sich in diesem Ansatz, ob Saisonalität als Rückenwind wirkt oder zur Illusion wird.


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