ST. PETERSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Space Grid AI will mit KI-gestützter 3D-Planung Werften entlasten, indem es nicht nur den Werftgrundriss, sondern auch Zeitkonflikte abbildet. Das Startup übersetzt physische Engpässe wie Slipbelegung, Kräne und Rangierflächen in Modelle, die zeigen, wie eine Entscheidung Monate später noch nachwirkt. Damit will es helfen, dass Schiffe früher in die richtigen Abläufe kommen und Arbeitskräfte nicht wegen ausbleibender Aufträge schwanken. Der Fokus liegt zunächst auf einer engeren, aber testbaren Marktvariante aus kommerziellen und Freizeitschiffen.

Space Grid AI: KI-Planung für Werften mit 3D-Modellen über Zeit
Space Grid AI: KI-Planung für Werften mit 3D-Modellen über Zeit (Foto: IT BOLTWISE)
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In der maritimen Instandhaltung und im Schiffbau ist die „Planung“ oft weniger eine IT-Aufgabe als ein Dauerverhandeln um Raum, Zeit und schweres Gerät. Space Grid AI setzt genau dort an: Die Gründeridee kommt aus einem Alltag, in dem Pläne zwar erstellt, aber durch reale Ereignisse sehr schnell entwertet werden. Der Start-up-Gründer Alex Hilger vergleicht das Problem mit einer Welt, in der 3D-Ortsdaten und digitale Informationen zusammenlaufen, so dass man nicht erst nachträglich reagiert, sondern Konflikte früh sichtbar macht. Sein Ansatz richtet sich an Werften, die wegen Konkurrenz um Trockendocks, Kräne, Hebevorrichtungen und Fachkräfte spüren, wie sehr „Kapazität“ in der Praxis knapp wird.

Der Hintergrund ist strategisch: Die USA versuchen, eine maritime Industrie wieder aufzubauen, die über Jahrzehnte an Substanz verloren hat. Laut dem Text werden in den Vereinigten Staaten weniger als 1% der weltweiten Handelsschiffe gebaut, während ungefähr die Hälfte in China entsteht. Gleichzeitig werden mit Bundesmitteln und Politik der Ausbau von Schiffbau- und Reparaturkapazitäten vorangetrieben. Ein 2025 erlassener Executive Order hebt den Wiederaufbau der maritimen Industrie als nationale Aufgabe hervor, und das Verkehrsministerium nennt dem Artikel zufolge fast 489 Millionen US-Dollar für Hafenprojekte, 35 Millionen US-Dollar für kleinere Werften und im Juli 2 Milliarden US-Dollar für den Bau zweier Militärschiffe bei Hanwha Philly Shipyard. Das klingt nach „mehr Kapazität“, verschiebt aber das Engpassproblem in die nächste Phase: Bis neue Anlagen fertig sind, müssen bestehende Werften mit extremen Taktungen durchkommen.

Hier beschreibt Hilger eine überraschende zweite Ebene des Engpasses: Nicht nur die Zahl der Docks und Kräne, sondern die Planbarkeit innerhalb der Werft selbst gerät in Schieflage. Er schätzt, dass weltweit rund 500.000 Schiffe im Betrieb sind, die von etwa 5.500 Werften bedient werden. In Gesprächen mit Werften nach dem Start der Zusammenarbeit sei jedoch deutlich geworden, dass manche Standorte Schwierigkeiten haben, ausreichend Aufträge zu sichern – obwohl sie eigentlich Teil einer digitalen Modernisierungswelle sind. Die Folge trifft direkt die Belegschaft: Bei großen US-Werften nennt Hilger Rückgänge von etwa 300 Mitarbeitenden auf 100, je nachdem, wie Arbeit ein- und ausläuft. Selbst ein Einzelfall aus Derecktor Shipyards wird im Text zum Beispiel: Ein Planer sollte zeitlich entlastet werden, fand aber keine stabile Auslastung, weil Schiffe nicht im gewünschten Rhythmus in die richtigen Slots kamen.

Um zu verstehen, warum das so häufig scheitert, zieht Hilger eine Brücke zu seiner früheren Erfahrung aus dem Raumfahrtumfeld. Bei der ersten Phase von New Glenn am Kennedy Space Center beobachtete er, wie über ein bis zwei Gänge hinweg Anlagen und Werkzeuge um Zeitnischen konkurrierten: Blue-Origin-Hardware und schwere Maschinen „standen“ auf Hallenboden und an zwei Gantry-Kränen, die laut Artikel drei bis sechs Monate im Voraus buchbar waren. Die High-Bay-Struktur änderte sich dabei fast täglich; größere Reconfigurations seien sechs bis acht Mal pro Jahr nötig gewesen. Der entscheidende Punkt: Selbst sorgfältig geplante Schritte wurden in PowerPoint „umkopiert“, und wenn eine Priorität anderswo durchschlägt – etwa weil ein Fehler im kritischen Pfad auftritt – wird die gesamte Terminlogik neu erzwungen. Hilger erinnert an den Mechanismus, dass ein Aufschlag nicht „nur“ den nächsten Arbeitsschritt verschiebt, sondern Ressourcen so umverteilt, dass andere Teams ihre Zuteilungen verlieren und die verfügbare Produktivzeit massiv schrumpft.

Aus diesem Spannungsfeld heraus entwickelte er die technische Grundlage für Space Grid AI. Der LiDAR-Background beginnt laut Artikel schon im Schulkontext: Hilger montierte während seiner Zeit am Baltimore Polytechnic Institute einen LiDAR-Scanner auf eine Drohne und baute damit Vermessungsmodelle. Danach arbeitete er in San Francisco mit LiDAR-Technik, unter anderem im Umfeld autonomer Fahrzeuge, und brachte sein Wissen später in Unity ein, um die Werftumgebung nicht als statisches Bild zu speichern, sondern als Modell mit zeitlicher Dimension. Entscheidend ist dabei die Erkenntnis aus Blue Origin: Modelle wurden sehr schnell „veraltet“, weil sich die physische Umgebung laufend verändert. Genau diese kurze Haltbarkeit adressiert das Startup später, indem jedes Objekt im Modell eine zeitliche Einordnung erhält und damit nachvollziehbar wird, wie sich ein Layout über Wochen hinweg entwickelt – nicht nur, wie es beim Scan gerade aussah.

Für den Werfteinsatz übersetzt Space Grid AI die physische Realität in eine Art 3D-„Werftkarte“ wie Google Earth – jedoch mit einem Zeithorizont, in dem Planer ihre Platzierungen testen können. Der Artikel beschreibt, dass viele Werften bereits in Systeme wie CRM, ERP und PLM investieren; Hilger nennt das „alphabet soup“ und betont, dass die Digitalisierung zwar Geld in Prozesse bringt, aber ohne Abgleich mit Slipbelegung, Hebefähigkeit und Energieanforderungen am Ende an den tatsächlichen Grenzen der Anlage scheitert. In der Software entsteht deshalb eine Planungslogik, die zeigt, ob ein Schiff in den vorgesehenen Bereich gelangt, wie es gehoben werden kann und welche Konflikte sich bei der Einbindung in laufende Arbeiten ergeben. Ein konkretes Beispiel: Bei einem etwa 300 Fuß langen Schiff bedeutete das Einordnen in Slip 21, dass das dortige Schiff nach Slip 20 und von dort weiter nach Slip 19 verschoben werden musste – wodurch der Planer wiederum eine neue Lösung für den bisherigen Platz von Slip 19 suchen musste. Space Grid macht solche Ketteneffekte sichtbar, indem es Konflikte zeitlich und räumlich anzeigt, auch wenn die endgültige Entscheidung weiterhin beim Planer liegt.

Während das „Zielbild“ langfristig ist, Konflikte nicht nur zu zeigen, sondern die optimale Zugfolge vorzuschlagen, steht im Text vorerst ein engeres Leistungsprofil. Die KI könne derzeit nur begrenzte Anwendungsfälle abdecken, etwa das Erzeugen dreidimensionaler Schiffsmodule aus Fotos, und der Reifegrad wird als „crawl, walk, run“ beschrieben: erst Whiteboards digitalisieren, dann Plan gegen echte Werftaktivität abgleichen und später Empfehlungen ableiten. Dazu braucht das System Trainingssignale aus realen Entscheidungen. Hilger nennt für zwei größere Werften ein Aufbau-Setup von ungefähr einem Jahr historischer Daten und etwa drei Monaten in die Zukunft gerichteter Pläne, um zu verstehen, wo die Realität vom Zeitplan abweicht. Als Produkt wird zunächst vor allem das Planungsthema vermarktet: Einnahmen entstehen durch Softwareabonnements und Implementierungsgebühren; zugleich arbeitet das Startup laut Artikel an einem Patentschutz für die Planungstechnologie und war zum Zeitpunkt des Gesprächs noch in einem 97-seitigen Entwurfsprozess mit Patentjuristen. Operational wird Space Grid AI im Alltag an realen Abläufen getestet: Derecktor wollte zunächst prüfen, ob die Software zwei bis drei Wochen ohne einen größeren Fehler laufen kann, bevor im Anschluss Hunderte Nutzer onboardingfähig gemacht werden.

Für den Markterfolg zählt am Ende weniger die Modellästhetik als die ökonomische Wirkung, also ob sich Terminbrüche früh genug erkennen lassen, um nutzbare Kapazität zurückzugewinnen. Der Artikel nennt eine besonders kostspielige Stelle: Wenn Arbeiten am „kritischen Pfad“ ins Stocken geraten oder wenn Aufträge vorzeitig aus anderen Gründen aussteigen, verändert sich die Auslastung schnell. Ein Beispiel: Ein Kunde mit einem 18-monatigen, 9 Millionen US-Dollar umfassenden Arbeitspaket entspreche rund 16.000 US-Dollar pro Tag Standzeit; dadurch können „kurze“ Verschiebungen zu massiven Opportunitätskosten werden. Hilger argumentiert, dass das frühzeitige Erkennen von Planänderungen mehrere Monate pro Jahr in großen Werften wieder in produktive Bahnen bringen könnte. Allerdings bleibt ein Teil des Use-Cases experimentell: Sobald Schiffe frühzeitig abreisen, muss die Werft die freiwerdenden Slots auch tatsächlich füllen können. Deshalb arbeitet Space Grid AI parallel an einem Marktplatzgedanken, der Schiffe mit offener Kapazität matcht. In der ersten Version soll das bewusst kleiner beginnen: Mit zwei großen Werften und einigen kleineren Standorten will das Startup einen proof of concept liefern, also ein konkretes Schiff in einen freien Slot routen und Provisionen dafür realisieren. Für Unternehmen im Werften-Ökosystem bedeutet das eine klare Perspektive: Digitale Systeme werden nicht dadurch wertvoll, dass sie Daten verwalten, sondern weil sie physische Engpässe und Zeitkonflikte operational vorhersagbar machen.


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