LONDON (IT BOLTWISE) – Die SpaceX-Aktie rutscht nach dem Börsengang erneut auf ein Post-IPO-Rekordtief um 110,85 US-Dollar ab, bevor sich das Papier im Tagesverlauf erholt. Der Rücksetzer drückt die Bewertung spürbar gegenüber dem Rekordhoch vom 23. Juni. Parallel verschärft der Short-Interest die Nervosität, während Anleger auf den nächsten Stresstest durch Quartalszahlen und große Lock-up-Freigaben zusteuern. Zusätzlich erhöht die Verzögerung des Starship-Flugprogramms den Taktungsdruck auf die operativen Erwartungen.

Die SpaceX-Aktie steht nach dem IPO im Spannungsfeld aus Bewertungsfrage und Timing-Risiken. Am Donnerstag fiel der Kurs zeitweise auf rund 110,85 US-Dollar, also auf ein neues Post-IPO-Tief, ehe das Papier im Tagesverlauf wieder zulegte. Am Ende des Tages lag die Aktie bei 103,96 Euro und damit 2,89 % im Plus – das wirkt kurzfristig stabilisierend, ändert aber wenig an dem größeren Abwärtsimpuls. Auf Sicht von 30 Tagen steht weiterhin ein Minus von 23,67 %, während der RSI von 35,3 auf eine überverkaufte technische Lage hinweist, die Gegenbewegungen zumindest begünstigen kann.
Was die Bewegung fundamental verstärkt, ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Marktkapitalisierung nach oben und unten bewegt hat. Laut Berechnungen auf Basis einer Marktkapitalisierung von rund 1,479 Billionen US-Dollar entspricht der Kursrutsch einem Rückgang um 44 % gegenüber dem Rekordhoch von 2,639 Billionen US-Dollar. Innerhalb weniger Wochen bedeutet das für viele Anleger vor allem eines: Positionen sind schneller im Verlust als in der ursprünglichen Erwartung abgebildet. Gleichzeitig sorgt die Marktmechanik nach dem IPO für zusätzliche Volatilität, weil neue Käufergruppen entstehen (und genauso schnell wieder Gewinne sichern), sobald Preisniveaus „zu weit“ von Annahmen abweichen.
Der Sprung in die Bewertung hatte zuvor eine klare Katalysator-Linie: SpaceX ging am 12. Juni zu 135 US-Dollar je Anteil an die Börse und schoss in den darauffolgenden Handelstagen bis auf ein Hoch von 225,64 US-Dollar. Bereits nur 15 Tage später wurde die Aktie in den Nasdaq-100 aufgenommen, wodurch Indexfonds Zukäufe in der Größenordnung von 4,3 bis 6 Milliarden US-Dollar tätigen mussten. Für das Timing von Kursbewegungen ist das relevant, weil Index-Zugströme zwar Nachfrage liefern, aber nicht verhindern, dass Analysten- und Bewertungslogik in die nächste Phase kippt. Genau hier entzünden sich auch die Debatten: Die Kritik zielt auf eine Bewertung von etwa dem 40-Fachen des für 2026 geschätzten Umsatzes – also auf ein Multiple, das oberhalb branchenüblicher Größenordnungen liegen dürfte, gemessen an der Umsatzphase und dem früheren Profitabilitätsbild.
Die Nervosität zeigt sich nicht nur im Aktienkurs, sondern auch in den Signalen aus dem Anleihe- und Leerverkaufsmarkt. Bei den SpaceX-Bonds mit 6,65 % Kupon und Laufzeit bis 2056 fielen die Kurse von 97 auf 87,6 Cent – ein Indikator dafür, dass Anleger Risikoaufschläge neu bewerten. Parallel haben Shortseller ihre Wetten ausgebaut: Der Anteil leerverkaufter Aktien am Streubesitz stieg von rund 5 bis 7 % vor einem Monat über 29 % in der Vorwoche zuletzt auf 32 %. Entsprechend werden etwa 206 Millionen Aktien im Wert von rund 25 Milliarden Dollar leerverkauft; zusätzlich soll insgesamt 360 Millionen Aktien, also 56 % des Streubesitzes, verliehen sein. Diese Mechanik kann zwar auch wieder „short covering“ auslösen, erhöht aber kurzfristig den Druck auf das Orderbuch, sobald positive Nachrichten auf knappe Liquidität treffen.
Selbst eine punktuelle Entspannung im Chart ändert daher wenig, solange der nächste größere Liquiditäts-Impuls nicht eingepreist ist. Der Stresstest steht SpaceX-Anlegern bereits am 4. August bevor, wenn das Unternehmen zum ersten Mal seit dem Börsengang Quartalszahlen vorlegt. Nur zwei Tage später, am 6. August, läuft zudem eine erste Lock-up-Frist aus: Dann werden bis zu 911,5 Millionen Alt-Aktien handelbar und der Streubesitz steigt von 4,9 % auf rund 12 % bei insgesamt 13,2 Milliarden Aktien. Weitere Freigaben sind für September, November und Dezember geplant, wodurch sich das Angebot schrittweise ausweiten kann. Eine zusätzliche Freigabe von 10 % knüpft sich an eine Bedingung: Die Aktie müsste an fünf von zehn Handelstagen rund um die Zahlenvorlage über 175 US-Dollar notieren. Bei dem aktuellen Kursniveau gilt das als unwahrscheinlich, wodurch Anleger den Fokus stärker auf Kursreaktionen in der Phase vor und nach den Zahlen legen dürften.
Auch die operativen Schlagzeilen liefern aktuell Gründe für vorsichtige Erwartungssteuerung. Beim Starship-Testflug sorgt die Verzögerung für zusätzlichen Taktungsstress: Nach dem 13. Testflug gab es bereits im Programmverlauf mehrere Ankerpunkte. Ein erster Versuch am 16. Juli war wegen eines Zündproblems an Triebwerken abgebrochen worden; zwei Raptor-Triebwerke mussten ausgetauscht werden. Der neue Versuch am 23. Juli wurde zudem wegen ungünstiger Wetterbedingungen verschoben, weil eine bodengestützte Bildaufnahme des Hitzeschilds nicht möglich war. Ziel des kommenden Flugs bleibt gleichwohl datengetrieben: Der Hitzeschild soll beim Aufstieg bei höherem dynamischem Druck detailliert dokumentiert werden; an Bord befinden sich 20 simulierte Starlink-V3-Satelliten, davon sechs mit Kameras. Solche Missionen sind für die Wahrnehmung am Kapitalmarkt relevant, weil sie Fortschritt sichtbar machen, zugleich aber Erwartungsabstände vergrößern, wenn Tests wiederholt verschoben werden.
Schließlich mischt die Tesla-Komponente den Bewertungs- und Narrative-Kosmos. Aus der jüngsten Tesla-Quartalsvorlage leiten sich Spekulationen über eine mögliche Fusion beider Musk-Unternehmen ab, auch weil Musk in der Telefonkonferenz betonte, die Zusammenlegung nicht in einem Ergebnis-Setting zu besprechen, sondern das „mit dem angemessenen Verfahren“ anzugehen. Für die Tesla-Seite fällt zudem eine konkrete Buchungslogik auf: Tesla meldete im zweiten Quartal einen GAAP-Nettogewinn von 1,114 Milliarden US-Dollar, darin enthalten ist ein unrealisierter Bewertungsgewinn von 1,005 Millionen Dollar auf eine unter einem Prozent liegende SpaceX-Beteiligung, die erst im laufenden Jahr für rund 2,002 Milliarden US-Dollar erworben worden war. Ohne diesen Effekt wäre der operative Gewinn deutlich niedriger ausgefallen. Dass eine Analystenfirma in ihrer Betrachtung die wachsende Bedeutung der SpaceX-Kooperation für die Tesla-Bewertung explizit adressiert, zeigt, wie eng sich die Kurse gegenseitig „durch Story“ beeinflussen können – selbst wenn die operative Realität im Moment eher von Starship-Testtaktung und Lock-up-Fahrplänen geprägt ist.
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