STANFORD / LONDON (IT BOLTWISE) – Der KI-Boom trifft ausgerechnet den Alltags-Computer: DDR5-RAM erreicht laut aktuellen Vergleichszahlen wieder ein Preisniveau wie vor rund 16 Jahren. Für Unternehmen bedeutet das höhere Kosten in der Infrastrukturplanung, selbst wenn die reine Rechenleistung im Budget eigentlich sinken sollte. Besonders kritisch wird es, weil der Preisdruck voraussichtlich nicht sofort nachlässt, sondern bis 2026 weiterreichen kann. Branchenanalysen rechnen dabei mit deutlichen prozentualen Steigerungen über mehrere Quartale hinweg.

Der Preisverlauf bei Speicherchips wirkt derzeit wie ein Rückspul-Experiment: Für 1 GB RAM werden wieder Größenordnungen erreicht, die man eher aus der Zeit um 2010 kennt. Aktuell ist von etwa 13 US-Dollar pro GByte DDR5-RAM die Rede – damit liegt das Preisniveau ungefähr auf dem Stand von vor rund 16 Jahren. Für IT-Leiter ist das mehr als eine Kuriosität. RAM ist eine der wenigen Komponenten, die sowohl in Cloud-Umgebungen als auch im lokalen Rechenzentrum an der „Baseline“ der Kosten mitwirken, etwa über VM-Größen, Caching-Layer, Datenpipelines und den Arbeitsspeicherbedarf neuer KI-Workloads. Diese Gegenbewegung bricht damit den jahrzehntelangen Trend sinkender Kosten pro Kapazität.
Technisch lässt sich der Zusammenhang gut erklären: Ein moderner Stack verbraucht pro Nutzer deutlich mehr Speicher als frühe Desktop-Setups. Während man mit 1 GB RAM vor Jahren noch „vergleichsweise viel“ machen konnte, benötigen heute Betriebssysteme, Browser, laufende Hintergrundprozesse und die Nutzeroberfläche gemeinsam oft mehrere GByte. Dazu kommen datenintensive Anwendungen wie IDEs, Browser-Tabs, Streaming-Caches und immer größere Medienbibliotheken. Diese Entwicklung wäre an sich kein Preistreiber, wenn die Herstellerkonstante mit der Kapazitätsausweitung Schritt halten würde. Der Engpass entsteht jedoch an einer anderen Stelle: Speicherchips sind für die Fertigung komplex und kapitalintensiv, und Produktionsentscheidungen werden typischerweise über längere Zeiträume ausgerollt, sodass kurzfristige Nachfrageschocks nicht sofort gedämpft werden.
Im Vergleich zu früher wird der technische Bruch besonders sichtbar. 2010 dominierte DDR3 in vielen Systemen, heute ist DDR5 Stand der Dinge. DDR5 bringt zwar höhere Effizienz und neue Betriebsmodi mit, der reine Preis pro GB ist aber nur ein Teil der Gleichung. In der Praxis zählt, wie viele GB ein konkretes System oder eine Workload benötigt, um akzeptable Latenzen zu erreichen. KI-Systeme verschieben den Schwerpunkt zusätzlich in Richtung großer Arbeitsspeicherkapazitäten, weil die Daten im Training und beim Inferenzbetrieb nicht beliebig „wegoptimiert“ werden können. Wenn dann gleichzeitig Rechenzentren und Systemintegratoren Speicherbedarf aufstocken, während gleichzeitig die Lieferketten für Consumer- und Standard-Serverkomponenten nicht in gleichem Tempo nachziehen, entstehen Preis-Spiralen.
Timing spielt hier eine große Rolle. Die niedrigsten Preise wurden dem Bericht zufolge im Januar 2025 gesehen: Damals kosteten 1 GByte DDR4-RAM etwa 1,75 US-Dollar; DDR5 lag bei rund 2,75 US-Dollar pro GByte – also ungefähr ein Fünftel des aktuellen Werts. Dass sich die Situation so schnell drehen kann, passt zu der Struktur des Speicher-Marktes: Hohe Volatilität, starke Abhängigkeiten von Auslastung und Ausbeute („Yield“) sowie die Tatsache, dass Hersteller Kapazitäten priorisieren, wenn Margen besonders attraktiv sind. Der zentrale Auslöser wird in der Verlagerung von Ressourcen auf spezialisierte Komponenten für KI-Rechenzentren beschrieben. Wenn Speicheranbieter wie Samsung, Micron und SK hynix ihre Kapazitäten bevorzugt in diese Segmente schieben, fehlt sie an anderer Stelle – im Consumer-Markt und in Standard-Serverkonfigurationen.
Marktseitig verstärkt sich der Effekt durch die reine Nachfragekurve. Moderne KI-Stacks benötigen nicht nur viele GPUs, sondern auch ausreichend schnellen Speicher für Preprocessing, Batch-Handling, Zwischenspeicher und für bestimmte Inferenz-Strategien. Während die Rechenleistung pro Watt in vielen Fällen steigt, wächst der Speicherbedarf häufig ebenfalls, sodass Unternehmen nicht einfach durch „Effizienzgewinne“ aus der Kostenfalle herauswachsen. Laut Branchenberichten erwarten Analysten bei Jefferies Equity Research – gestützt auf Einschätzungen eines Samsung-Experten – im dritten Quartal 2026 weitere Preissteigerungen von 40 bis 50 Prozent. Für das vierte Quartal wird danach zwar ein neuerlicher Anstieg von 30 bis 40 Prozent prognostiziert, aber in der Summe bleibt der Trend klar: kurzfristig ist Entspannung nicht das wahrscheinlichste Szenario.
Für IT-Abteilungen ergeben sich daraus harte Planungsfragen. Welche RAM-Taktik wählen wir: größere Instanzen im Cloud-Setup, mehr Knoten statt größere Knoten, oder konsequentes Memory-Optimizing in Anwendungen? Die technische Alternative „mehr cachen statt weniger RAM“ hilft nur, solange die Cache-Strategie und Datenstrukturen wirklich profitieren. Ein Vergleich, der sich in vielen Teams lohnt, ist deshalb zwischen Cloud-native Autoscaling und On-Premise-CapEx: Während in der Cloud die Kosten über Nutzungszeit „durchgeschleust“ werden, bindet On-Premise das Budget an Beschaffung, Einbau und Ersatzzyklen. Steigen die Preise wie prognostiziert, kann beides wehtun – nur in unterschiedlicher Taktung. Zusätzlich verschärft sich der Druck auf Procurement-Teams, etwa durch längere Lead Times, Mindestbestellmengen und Preisstabilität auf Lieferabrufe.
Aus historischer Sicht ist das keine völlig neue Dynamik. Speicherpreise durchlaufen immer wieder Zyklen, besonders wenn sich Angebot und Nachfrage in neuen Plattform-Generationen versetzen. DDR3 zu DDR4 und DDR4 zu DDR5 waren jeweils von Umstellungsphasen geprägt, in denen nicht jede Marktsegmente gleichzeitig mit Kapazität versorgt wurde. Neu ist jedoch die Stärke des aktuellen Nachfrageimpulses durch KI-Workloads und die Geschwindigkeit, mit der Rechenzentren Kapazitäten hochfahren. Wenn dann auch noch Herstellerspezialisierungen greifen, kann es wie in der aktuellen Episode zu einer Umkehr kommen: Statt „mehr Speicher, günstigere Preise“ dominiert temporär „mehr Speicher, höhere Preise“. Dass selbst DDR5 im Consumer-Umfeld wieder sichtbar ins Blickfeld rückt, zeigt, wie stark der Engpass mittlerweile übergreift.
Der Blick nach vorn fällt deshalb eher auf Architektur- und Beschaffungsentscheidungen als auf reines Warten. Unternehmen sollten ihre Systeme so auslegen, dass sie Speicherverbrauch messbar reduzieren: von Datenkompression und effizienten Serialisierungsformaten bis zu strengem Memory-Leak-Monitoring in Services. Gleichzeitig ist es klug, Beschaffungsszenarien zu staffeln, etwa über zweite Lieferquellen, klar definierte Qualitätskriterien und eine frühzeitige Abstimmung mit Hosting-Partnern. Regulativ spielt zudem Datensicherheit mit hinein: Wenn Workloads wegen Kosten verlagert werden, müssen Datenschutzanforderungen und Geheimhaltungsmodelle im Zielbetriebskontext weiter sauber erfüllt werden. Insgesamt deutet das aktuelle Bild darauf hin, dass der RAM-Engpass noch mehrere Quartale die Infrastrukturkosten prägen könnte – und Entwicklerteams sich darauf einstellen müssen, dass „pro GB“ nicht wieder automatisch sinkt, sobald neue Modelle interessant werden.
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