LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Studien der Bank von Italien und des BIS zeigen: Bei Stablecoin-Überweisungen bleiben Kosten- und Speed-Vorteile im Privatkundengeschäft häufig aus. Entscheidend sind vielmehr Umwandlungsschritte zwischen Fiat und Stablecoins sowie die Qualität der lokalen Zahlungssysteme. Gleichzeitig liefern Pilotdaten zu Project Agorá mit 28 Banken deutlichere Ergebnisse für institutionelle Großtransfers. Damit verschiebt sich die Diskussion weg vom „One-Size-Fits-All“-Versprechen hin zur Frage, wo Token-Settlement heute konkret lohnt.

Die Hoffnung auf deutlich günstigere und schnellere Überweisungen mit Stablecoins bekommt gleich zwei widersprüchliche Signale aus der Praxis. Auf der einen Seite untersuchen die Bank von Italien sowie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) den tatsächlichen Nutzen in unterschiedlichen Szenarien. Auf der anderen Seite zeigen parallel laufende Pilotprogramme, dass sich bei institutionellen Großtransfers durchaus messbare Vorteile erreichen lassen. Für Unternehmen und Zahlungsdienstleister ist das vor allem deshalb relevant, weil sich die Technologiefrage nun klarer in zwei Ebenen trennt: Retail-Überweisungen laufen an den Reibungen des bestehenden Zahlungsökosystems entlang, während Wholesale-Setlements stärker von gemeinsamen Infrastrukturen profitieren.
Im Vergleich Stablecoin gegen klassische Wege kommt die Bank von Italien zu einem nüchternen Ergebnis: Digitale Dollar wie USDC bieten in den getesteten Korridoren keinen systematischen Vorteil bei Kosten oder Geschwindigkeit. In der Studie wurden 200 Transaktionen über zehn Korridore zwischen Italien und Ländern wie Argentinien, Brasilien, Südafrika, Japan sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten betrachtet. Die Gesamtkosten schwankten dabei stark – von günstigen 0,3 Prozent bis zu fast 9 Prozent. Besonders auffällig: Der reine „Blockchain-Anteil“ der Gebühren lag im Schnitt bei nur 0,4 Prozent. Der Großteil entsteht demnach beim Ein- und Ausstieg in Fiat-Währungen, also beim Umtausch zwischen Euro und Stablecoins und zurück. Genau diese Schnittstellen entscheiden damit in vielen Fällen darüber, ob Stablecoins im End-to-End-Prozess preislich überhaupt mithalten können.
Ein zweiter Aspekt betrifft die Geschwindigkeit. Zwar gelten Echtzeit- bzw. Near-Echtzeit-Systeme im lokalen Zahlungsverkehr oft als schnellste Option, etwa wenn Überweisungen über Echtzeitsysteme wie TIPS oder Pix in unter 20 Minuten durchlaufen. Stablecoin-Transfers über ältere Infrastruktur dauerten im Vergleich dagegen ein bis zwei Werktage. Damit entsteht ein technisches Spannungsfeld: Die eigentliche Token-Übertragung auf der Blockchain ist nicht automatisch der Flaschenhals; vielmehr begrenzen häufig Korridor-spezifische Prozesse rund um Liquidität, Konvertierung und Abwicklung. Die Studienbotschaft bringt es deshalb auf den Punkt: Die Effizienz von Stablecoins hängt maßgeblich von der Qualität nationaler Zahlungssysteme und von regulatorischen Rahmenbedingungen ab. Gleichzeitig bleibt im Marktgeschehen ein Hoffnungsschimmer, weil in den meisten Korridoren Stablecoin-Transfers günstiger als der globale Durchschnitt von 6,65 Prozent für Überweisungen ausfielen, den die Weltbank ermittelt.
Während das Retail-Bild skeptisch ist, fällt der Wholesale-Teil deutlich positiver aus. Der BIS berichtet am 31. Juli 2026 über den Abschluss eines Pilotprojekts zu Project Agorá, an dem 28 Geschäftsbanken beteiligt waren, darunter JPMorgan, Citi, UBS, Deutsche Bank und Standard Chartered. Die Kernidee zielt auf weniger Prozessschritte zwischen Währungen ab, indem ein gemeinsames Register für tokenisierte Zentralbankreserven und Bankeinlagen genutzt wird. In den Pilotdaten wurden rund eine Million US-Dollar in 30 Transaktionen über sechs Währungen bewegt – US-Dollar, Euro, britisches Pfund, japanischer Yen, Schweizer Franken und südkoreanischer Won. Die Abwicklung gelang in etwa 80 Sekunden, weil Devisenhandel und Settlement stärker gekoppelt wurden. Besonders bemerkenswert ist dabei die gleichzeitige Abwicklung auf einer einheitlichen Plattform, die Korrespondenzbankprozesse als klassisches Multiplikationsproblem reduziert und die Transparenz im Ablauf steigern kann.
Auch geografisch zeigt sich, dass es nicht nur eine Technologie-Story ist, sondern ein Integrationsprojekt. In dem Setup waren laut Angaben auch Institutionen aus Südkorea beteiligt; genannt werden unter anderem KB Kookmin und Shinhan. In einem beschriebenen Szenario wurde eine Überweisung von 20 Millionen Won zwischen NongHyup und Shinhan über tokenisierte Reserven abgewickelt, während KB Kookmin eine Yen-basierte Abwicklung mit MUFG durchführte. Solche Beispiele sind für die Umsetzungspraxis wichtig, weil sie offenlegen, wo Schnittstellen entstehen: nicht in der eigentlichen „Token-Logik“, sondern in der Abstimmung zwischen Währungsräumen, Teilnehmerrollen und dem jeweiligen Status von Liquidität. Für Treasury- und Settlement-Teams ist das genau die Stelle, an der sich Architekturentscheidungen wie gemeinsame Register, klare Governance und definierte Prozessketten auszahlen.
Parallel dazu treibt Visa die Stablecoin-Strategie mit Blick auf Multi-Chain-Fähigkeiten voran. Der Visa-CEO kündigte am 28. Juli 2026 in einem Earnings Call eine Multi-Chain-Strategie für Stablecoins an. Bereits am 16. Juli wurde zudem eine Beta-Version der Visa Stablecoin Platform gestartet, die neun Blockchains unterstützt – unter anderem Ethereum, Solana und Avalanche. Damit wird ein Thema adressiert, das in der Praxis häufig unterschätzt wird: Wenn Stablecoin-Ökosysteme über mehrere Netze verteilt sind, müssen Abwicklung und Karten-/Payment-Schicht zuverlässig über Plattformgrenzen hinweg konsistent bleiben. Gleichzeitig werden im Markt solche Ansätze auch als Wettbewerbsdruck verstanden, weil sie den Weg von „Blockchain als Experiment“ hin zu „Blockchain als Teil einer Zahlungsstrecke“ verkürzen können.
Dass große Marktteilnehmer liefern wollen, zeigt sich auch an Zahlen und Pilotpfaden. Laut den vorliegenden Angaben wickelt das Settlement-Programm von Visa ein jährliches Volumen von sieben Milliarden Dollar ab und betreibt beziehungsweise entwickelt 160 Kartenprogramme mit Stablecoin-Anbindung. Zudem testet Visa private Stablecoin-Abwicklungen über das Canton Network, ein genehmigungspflichtiges Register, das mit Partnern wie Goldman Sachs und BNP Paribas verknüpft wird. Daneben laufen weitere Initiativen: OpenAssets und Partior schlossen am 30. Juli 2026 einen Proof of Concept für atomare Delivery-versus-Payment-Transaktionen (DvP) ab, womit der gleichzeitige Austausch digitaler Vermögenswerte und tokenisierter Einlagen adressiert werden soll. Auch regionale Zahlungsnetzwerke wie Onafriq kündigten eine Partnerschaft mit dem Infrastrukturanbieter Privy an, um Stablecoin-Lösungen für Treasury und Settlement in regionalen Märkten einzuführen.
Für den Gesamtmarkt ist der Kontext ebenfalls deutlich: Ende Juli 2026 erreicht das Stablecoin-Volumen rund 307 Milliarden Dollar, ein Plus von 16 Prozent im Jahresvergleich. Damit wird die technische Entwicklung in eine zweite Dimension verschoben – von „Ob“ zu „Wo genau“. Die Studien der Bank von Italien wirken hier als Bremse für pauschale Erwartungen: Im globalen Überweisungsmarkt reicht eine digitale Währung allein nicht, wenn Konvertierung und lokale Zahlungsinfrastruktur die End-to-End-Latenz dominieren. Project Agorá und die Pilotansätze großer Zahlungsakteure zeigen hingegen einen gangbaren Weg: Stablecoins sind besonders dann stark, wenn sie direkt in einen Prozess integriert werden, der Liquidität, Abwicklungslogik und mehrseitige Transparenz zugleich adressiert. Für Unternehmen bedeutet das konkret, dass Roadmaps für Stablecoin-Nutzung stärker nach Use-Case segmentiert werden sollten – etwa nach Korridor-Eigenschaften, Regulierungszustand und der Frage, wie reibungslos Fiat-Umwandlung und Settlement-Schrittlogik zusammenpassen.
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