BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Stadler Rail hat drei weitere ER160 FLIRT-Elektrotriebzüge an Koleje Mazowieckie in Polen ausgeliefert. Damit steigt der Bestand auf 105 Fahrzeuge der dritten FLIRT-Generation; der Auftrag umfasst insgesamt 75 Triebzüge bis Ende 2027. Gleichzeitig kommen aus Italien neue Bestellungen für bimodale Speziallokomotiven. Die Aktie zeigte sich im Handel stabil und gewann 0,8 Prozent auf 31,38 Euro.

Stadler Rail baut seine Flottenpräsenz in Europa weiter aus – und die jüngsten Meldungen verbinden gleich zwei Ebenen: konkrete Fahrzeugauslieferungen im Regionalverkehr sowie neue Rahmenbedingungen für Spezialtriebfahrzeuge. An der Börse blieb das Bild dabei vergleichsweise ruhig: Im gestrigen Handel stieg die Aktie um 0,8 Prozent auf 31,38 Euro. Für Unternehmen, die Bahnprojekte planen oder betreiben, ist das vor allem deshalb relevant, weil die Modernisierung von Fahrzeugflotten derzeit weniger von einzelnen Pilotvorhaben abhängt als von der Skalierung über Ausschreibungen, Wartungsmodelle und Ersatzbeschaffungen.
Im Zentrum steht Polen. Dort übergab Stadler Polska gestern drei weitere Elektrotriebzüge des Typs ER160 FLIRT an Koleje Mazowieckie. Der Betreiber erhöht damit den Bestand auf insgesamt 105 Fahrzeuge der dritten FLIRT-Generation. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Stückzahl, sondern der zeitliche Rahmen: Das Beschaffungsvorhaben ist Teil eines Vertrags über 75 Triebzüge, die bis Ende 2027 vollständig ausgeliefert werden sollen. Solche rollierenden Projektpläne sind für die Lieferkette wichtig, weil sie Produktion, Testzyklen, Abnahmen und Ersatzteilversorgung planbar aneinander koppeln.
Finanziert wird die Erweiterung laut Angaben des Unternehmens maßgeblich über ein Förderprogramm der Europäischen Union, das 162 Millionen Z?oty bereitstellt. Die gelieferten, klimatisierten Züge sind für fast sechshundert Fahrgäste ausgelegt und erreichen im regionalen Liniennetz Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde. Technisch passt die ER160-Generation in den Trend weg von rein fossil betriebenen Flotten: Betreiber können ältere Dieselfahrzeuge schrittweise ersetzen, ohne ihre Fahrpläne zu sprengen. Gerade in Ländern mit strengeren Abgasanforderungen wird diese Kombination aus moderner Antriebstechnik und klar definierter Kapazität zum wiederkehrenden Auswahlkriterium.
Parallel dazu erweitert Stadler sein Auftragsbuch im Rangier- und Güterumfeld. FS Logistix meldete eine Bestellung für seine Tochtergesellschaft Mercitalia Shunting & Terminal. Stadler fertigt dafür im spanischen Werk Valencia acht bimodale Lokomotiven der Modellreihe Eurolight Dual, wobei die vierachsigen Fahrzeuge elektrischen Antrieb und einen Dieselmotor der aktuellen Abgasstufe kombinieren. Genau diese „Hybridisierung“ der Energieversorgung adressiert typische Betriebsszenarien: In Bahnhöfen oder in Industrieanschlüssen ist nicht immer eine durchgehend elektrifizierte Strecke vorhanden, während gleichzeitig der Wunsch nach weniger Emissionen und besserer Compliance wächst.
Der Kontext ist dabei strategischer als eine einzelne Bestellung. Laut dem Vorstandsvorsitzenden von FS Logistix, De Filippis, ist der Zukauf Teil eines umfassenden Investitionsprogramms der italienischen Staatsbahn zur Flottenerneuerung. Mercitalia betreibt bereits mehr als zweihundert Lokomotiven im Rangier- und Güterdienst; die neue Fahrzeuggeneration EURO DuFour zielt außerdem auf höhere Zugkräfte und verschiedene Antriebsvarianten ab, darunter elektrische Multisystem- und Hybridlösungen. Solche Plattformansätze sind für Hersteller und Betreiber gleichermaßen relevant, weil sie Variantenmanagement, Schulung und Instandhaltung vereinheitlichen können, statt für jede Region oder jedes Einsatzprofil ein komplett neues Lokdesign zu entwickeln.
Auch wenn die Auftragslage insgesamt solide wirkt, zeigt der Blick nach vorn, wie stark Projekttermine von der Infrastruktur abhängen. In Dänemark verzögert sich die Betriebsaufnahme von zehn neuen FLIRT-Akku-Zügen auf der Odsherredbane. Als Ursache nennt das Unternehmen Verzögerungen beim Ausbau der lokalen Stromnetzinfrastruktur, die für den regelmäßigen Ladebetrieb zwingend notwendig ist. Damit verschiebt sich die Frage vom Fahrzeug zur Netzanschluss- und Ladeinfrastruktur: Wer Batterie- oder Akkufahrzeuge plant, braucht frühzeitig belastbare Zeitpläne für Einspeisung, Ladeleistung und Netzverträglichkeit.
Gleichzeitig sprechen die Signale aus dem europäischen Bahnsektor für weiteres Ausschreibungspotenzial. Das betrifft etwa die geplante Erneuerung französischer Streckenlokomotiven, die im Zuge großer Infrastruktur- und Modernisierungsprogramme regelmäßig auch neue Beschaffungslose nach sich zieht. Für Stadler ist das insofern bedeutsam, als die Mischung aus Personenverkehr (FLIRT in verschiedenen Generationen) und Güter-/Spezialanwendungen (bimodale sowie Multisystem- bzw. Hybridplattformen) das Risiko einzelner Projektzyklen reduzieren kann. Seit Jahresanfang verzeichnet die Stadler-Aktie zudem einen Wertzuwachs von 45 Prozent – ein Hinweis darauf, dass der Markt die Pipeline derzeit nicht als „ab Wartung“ betrachtet, sondern als mittelfristig tragfähig einordnet.
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