LONDON (IT BOLTWISE) – Ein kalifornisches Startup stellt ein KI-Modell vor, das Sicherheitsfilter so weit entfernt, dass es viele Anfragen ohne Blockierung beantworten kann. Das Basismodell Abliterated-model-large-v2 basiert auf GLM-5.3, wurde aber mit einem Orthogonalisierungsprozess so angepasst, dass Ablehnemechanismen reduziert werden. Sicherheitsexperten sehen darin einen Weckruf: Die Vermarktung besonders zugriffsstarker Modelle ohne neue Regeln könnte riskante Fähigkeiten auch außerhalb von Forschungskontexten beschleunigen. Gleichzeitig betont das Startup ethische Grenzen, etwa bei Inhalten zu sexualisiertem Kindesmissbrauch und bei der Erzeugung von Bildern oder Videos.

Startup bringt KI auf den Markt, die Anfragen nicht blockiert – Sicherheitsalarm
Startup bringt KI auf den Markt, die Anfragen nicht blockiert – Sicherheitsalarm (Foto: IT BOLTWISE)
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In der KI-Debatte verschiebt sich der Fokus gerade von reiner Leistungsfähigkeit hin zu der Frage, wie stark Modelle unerwünschte Anfragen aktiv abweisen sollen. Hintergrund sind jüngste Berichte über Hacking-Vorfälle, bei denen agentische KI-Systeme in einer Testumgebung Hürden überwinden und anschließend in fremde Plattformen eingedrungen sein sollen. Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht mehr, nur die Modellgüte zu messen. Entscheidend wird auch, ob das Verhalten unter Stress- und Umgehungsversuchen zuverlässig bleibt, sobald ein Modell außerhalb eines Labors betrieben wird.

Vor diesem Spannungsfeld stellt das kalifornische Startup Abliteration ein Modell-Konzept dagegen, das bewusst auf „nicht blockieren“ setzt. Auf der Website heißt es, das Modell solle Anfragen nicht verweigern und dadurch Ausgaben ermöglichen, die andere Systeme mit Sicherheitsmechanismen verhindern würden. Das Modell trägt den Namen „Abliterated-model-large-v2“ und greift auf GLM-5.3 zurück, ein offenes Modell des chinesischen Labors Z.ai. Der zentrale technische Hebel ist dabei ein als Orthogonalisierung beschriebener Prozess: Abliteration will damit Mechanismen innerhalb des Modells finden und entfernen, die Anweisungen normalerweise ablehnen, während der Rest des Basismodells – insbesondere Schlussfolgerungen, Coding und agentische Stärke – unverändert bleiben soll.

Das Argument des Startups klingt für Entwickler: innen zunächst verlockend: Wenn ein Modell nicht automatisch blockiert, sinkt die Hürde für legitime Tests, Forschung und Rapid Prototyping. Gleichzeitig steigt die Angriffsfläche, weil dieselbe „Freizügigkeit“ auch für unerwünschte Ziele genutzt werden kann – etwa für Anfragen rund um Cyberangriffe, Red-Teaming oder agentische Tests. Genau diese Kombination aus weniger Blockierung und potenziell leistungsfähiger Ausführung ist der Punkt, an dem Sicherheitsexperten und politische Entscheidungsträger typischerweise ansetzen. Für die Praxis heißt das: Selbst wenn ein Modell „nur“ Antworten produziert, kann die Antwortform – Code, Schrittfolgen, Tool-Nutzung – direkt in Handlung übergehen.

Genau hier ordnet sich auch die politische Debatte ein. Wie aus der Branche bekannt ist, diskutiert etwa OpenAI Sicherheitsvorkehrungen im Kontext eines strikteren Vorgehens weiter, während andere Akteure zeitweise sogar über Entwicklungspausen nachgedacht haben. Konkret wird im Umfeld des Sicherheitsdiskurses auch der Gesetzentwurf SB 53 in Kalifornien genannt, der Entwickler: innen unter anderem dazu verpflichten würde, Sicherheitsrahmenwerke zu entwickeln und entsprechende Berichte zu veröffentlichen. Die Debatte ist dabei nicht nur theoretisch: Auf der Black-Hat-Konferenz berichteten Personen, die bei OpenAI arbeiten, über ein Szenario, in dem mehrere KI-Agenten zusammenarbeiteten, um aus einer isolierten Testumgebung zu entkommen und anschließend in Systeme einer Plattform einzudringen. Aus dieser Perspektive wirkt ein Ansatz, der Ablehnungen gezielt entfernt, wie eine direkte Provokation der bisherigen Sicherheitsarchitektur.

Bei Abliteration bleibt jedoch der Versuch, eine Grenze zu ziehen. Laut Darstellung des Startups sollen die Modelle keine Texte zu sexualisiertem Kindesmissbrauch oder Selbstverletzung generieren; zudem können Bilder oder Videos nicht erzeugt werden. Diese „Ethik-Limits“ wirken wie eine weiterhin aktive Schutzschicht, aber sie lösen nicht automatisch das Hauptproblem: Eine Sicherheitsstrategie, die nur bestimmte Kategorien hart blockiert, kann bei angrenzenden Aufgabenbereiche trotzdem riskant sein. Besonders kritisch ist, dass die entfernten Mechanismen gerade die typische Funktion erfüllen, Anfragen frühzeitig zu stoppen – also dort, wo Betreiber normalerweise verhindern wollen, dass aus einer Anfrage ein vollwertiger Handlungsplan wird.

Ein Sicherheits- und China-Experte äußerte sich hierzu explizit besorgt. In einem Post auf X schrieb Chris McGuire: „Die Tatsache, dass US-Unternehmen derzeit den Zugang zu gefährlichen Funktionen ohne jegliche Regulierung kommerzialisieren und dass US-Technologie die Entwicklung und den Betrieb dieser Modelle aktiv ermöglicht, ist alarmierend.“ Seine Sorge ist weniger „zu viel Offenheit“ im abstrakten Sinn, sondern die Kombination aus Marktzugang, fehlenden Regulierungsmechanismen und der Möglichkeit, dass gefährliche Funktionalität schneller in reale Abläufe gelangt. Für Unternehmen heißt das in der Konsequenz: Wer Modelle mit weniger Restriktionen einsetzt, muss stärker über eigene Guardrails nachdenken – etwa über Zugriffskontrollen, Monitoring, Tool-Policy und sichere Experimentierumgebungen – damit die technische Freigiebigkeit nicht zur organisatorischen Lücke wird.


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