SILICON VALLEY / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem Sensors Converge 2026 hat der Autotech Council seine Startup-Review von kurzen fünfminütigen Pitches auf einen stärkeren Sensors-Fokus umgestellt. Mehrere Autotech-Startups argumentieren, dass die heutige Fahrzeug-Sensorik als „Stack“ unvollständig ist, weil einzelne Modalitäten zu große blinde Flecken haben. Statt nur Kamera, Radar und Lidar weiter auszureizen, setzen sie auf zusätzliche Wahrnehmungswege wie Ultraschall, akustische Sensorik, multimodales Sehen oder Sensorfusion mit Radar/UWB. Der Tenor: Künftige Assistenz- und Autonomie-Systeme brauchen mehr Sensor-Modi, nicht weniger.

Startup-Pitches: Mehr Sensor-Modi fürs Auto statt weniger
Startup-Pitches: Mehr Sensor-Modi fürs Auto statt weniger (Foto: IT BOLTWISE)
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Der auffällige Fokus der Startup-Review beim Sensors Converge 2026 lag weniger auf der Frage, wer die beste Einzelkomponente liefert, sondern darauf, wie sich das Gesamtsystem „Fahrzeugwahrnehmung“ als Sammlung unterschiedlicher Sensor-Modi denken lässt. Der Autotech Council hat dafür die üblichen kurzen fünfminütigen Pitches um einen zusätzlichen Schwerpunkt ergänzt. In den rund einstündigen Sessions wurde dann immer wieder klar: Die gängige Sensorarchitektur heutiger Serienfahrzeuge wirkt zwar auf den ersten Blick breit, sie kann aber in einzelnen Situationen nicht gleichzeitig alles zuverlässig abdecken. Genau an dieser Lücke setzen die vorgestellten Ansätze an.

Technisch betrachtet drehen sich die meisten Argumente um zwei praktische Grenzen: fehlende Abdeckung unter schwierigen Umgebungsbedingungen und der Umgang mit der Datenlast, die aus bestimmten Sensoren entsteht. Millilab bringt dafür eine klare Problemformulierung ins Spiel: „Current camera-based systems have two fatal flaws: They fail in total darkness and they create a massive data liability for OEMs, “ sagte Bibben Lin, CEO von Millilab (Timestamp: 38:26). Damit ist nicht nur die Wahrnehmung im Dunkeln gemeint, sondern auch die Betriebsrealität in den Entwicklungs- und Produktionsprozessen von Herstellern: Kameradaten treiben Speicher- und Rechenanforderungen, und diese Last bleibt nicht bei der Modellierung stehen, sondern wirkt bis in Validierung, Trainingspipelines und Betriebsüberwachung hinein.

Auch die Forderung nach „mehr Modalitäten“ ist dabei nicht bloß ein Schlagwort. Calyo vertritt den Standpunkt, dass die nächste Generation von Autonomie neue Sensorwege braucht: „We believe the next generation of autonomy will require new sensing modalities beyond cameras, radar and lidar, “ sagte Mihai Caleap, CEO von Calyo (Timestamp: 9:06). Im Kern geht es um die Ergänzung der aktuellen Wahrnehmungsfamilie. AutoSonix argumentiert in eine ähnliche Richtung, allerdings mit einem konkreten „Zu wenig kann hören“-Narrativ: „The truth is, modern cars have over thousands of [sensors] for different uses, but none of them can listen, “ sagte Saeid Safavi, Co-Founder & CTO von AutoSonix LLC (Timestamp: 19:55). Das Bild „zuhören“ verweist auf akustische und verwandte Ansätze, bei denen Wahrnehmung nicht nur über visuelle oder elektromagnetische Wellen stattfindet, sondern auch über akustische Signaturen und deren Verarbeitung.

Besonders spannend wird es, wenn aus der Modalitätsidee konkrete Systemkompositionen werden. Millilab will Kamerabasierte Innenraumerkennung ersetzen oder zumindest ergänzen, indem Radar- und UWB-Fusion (Ultra-Wideband) genutzt wird. Die Grundidee dabei: Innenräume sind wechselhaft, haben verdeckte Bereiche und werden zudem stark von Beleuchtung, Blickwinkeln und Nutzerverhalten geprägt. Radar und UWB liefern andere Messgrößen, die in einer Fusion typischerweise robuster werden können, weil sie weniger direkt von Lichtverhältnissen abhängen und zusätzliche Plausibilitäten schaffen. Cephia AI wiederum setzt auf multimodales optisches Sehen und adressiert damit die Frage, wie sich die optische Wahrnehmung so erweitern lässt, dass sie mehr „Sichtachsen“ in den Daten erzeugt, statt nur eine Kameramodalität zu verbessern.

Daneben steht der Lidar-Ansatz mit Fokus auf der zugrundeliegenden Photonik. SiLC fordert, die Lidar-Leistung über Silicon-Photonics voranzutreiben. Das ist mehr als ein Material- oder Komponenten-Update: Wenn die Lidar-Performance über Fertigungs- und Skalierungseigenschaften verbessert werden kann, verschieben sich Kosten- und Integrationsprofile. Damit wird Modalitätsvielfalt nicht nur durch „noch ein Sensor drauf“, sondern durch eine effizientere Herstellung und potenziell bessere Systemintegration möglich. Gerade für OEMs ist das relevant, weil Serienfähigkeit an Stückkosten, thermischem Budget, Wartungsfreundlichkeit und Montageaufwand gekoppelt ist.

Auf der Markt- und Ökosystemseite zeigt die Moderation durch den Vorsitzenden des Autotech Council, Derek Kerton, wie stark die Community auf die „Deal“-Frage schaut: Mehrere Autotech Council-Mitglieder haben nach jeder Präsentation Rückfragen gestellt und Anschlussoptionen diskutiert. Im Teilnehmerkreis standen unter anderem Vertreter und Partner aus Nissan North America, Honda Xcelerator Ventures sowie Brembo, konkret mit einem Schwerpunkt auf Innovation und operationaler Technologieentwicklung. Diese Mischung deutet darauf hin, dass Modalitäten nicht nur als Forschungsrichtung gehandelt werden, sondern als potenzielle Bausteine für konkrete Entwicklungsprogramme. Für Startups ist damit die nächste Hürde klar: nicht nur überzeugende Demos, sondern belastbare Integrations- und Datenstrategie, damit ein Sensor nicht im Labor gut aussieht, sondern sich in realen Betriebsbedingungen sauber einfügt.

Für Unternehmen lässt sich aus dem Konsens der Sessions vor allem eine Architektur-Lehre ableiten: „Stack“ bedeutet heute, dass Sensoren sich gegenseitig plausibilisieren und Lücken ausgleichen müssen. Wenn einzelne Modalitäten in Total Darkness versagen oder eine massive Datenlast erzeugen, werden Fusion und neue Messprinzipien zur direkten Grundlage für Produkt- und Validierungsplanung. Auch in den kommenden Jahren dürfte die Wettbewerbslage dadurch weniger über reine Wahrnehmungsgenauigkeit in isolierten Szenen entschieden werden, sondern über die Frage, welche Kombination unter realen Betriebsvarianten zuverlässig arbeitet und dabei akzeptable Kosten und Latenzen liefert. Sensors Converge 2027 soll laut den Veranstaltungsangaben erneut im Santa Clara Convention Center in Santa Clara, CA stattfinden (8.–10. Juni 2027) – ein Hinweis darauf, dass die Branche das Thema Sensor-Modi weiter als zentralen Hebel begreifen dürfte.


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