PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Station F feiert seinen neunten Geburtstag und zeigt, wie stark KI inzwischen den Campus prägt. Laut den veröffentlichten Kennzahlen senken 77 % der Startups ihren Personalbedarf durch KI, während 82 % weiter einstellen oder das planen. Vor dem Hintergrund der kommenden Frankreich-Wahl wächst jedoch die Sorge vor restriktiveren Einwanderungs- und Visaregeln. Gleichzeitig verschiebt sich die KI-Landschaft: Claude von Anthropic wird von 90 % der Teams genutzt.

Station F wird neun: KI dominiert, Unsicherheit vor der Wahl
Station F wird neun: KI dominiert, Unsicherheit vor der Wahl (Foto: IT BOLTWISE)
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Station F wird neun und liefert damit mehr als nur eine Jubiläumsfolie aus der Pariser Bahnhofshalle. Die Zahl „mehr als 9.000 Start-ups“ seit der Eröffnung 2017 beschreibt zwar die Größenordnung, entscheidend ist aber, wie sehr sich die Gründe dafür verändert haben: Europa baut Tech-Firmen heute stärker im Modus „KI-first“ auf, in einem Umfeld, das von geopolitischen Spannungen und politischer Unsicherheit geprägt ist. Genau diese Doppelschiene spiegelt Station F in seinen eigenen Campus-Daten wider: hohe KI-Adoption bei gleichzeitig gedämpftem Zukunftsgefühl unter Gründerinnen und Gründern.

Technisch betrachtet setzt das neue Programm F/AI praktisch dort an, wo viele Teams in der produktiven Phase harten Aufwand haben: nicht bei „Modell-Research“, sondern bei der Pipeline zwischen Daten, Inferenz und Betrieb. Wenn 77 % angeben, dass Künstliche Intelligenz ihren Personalbedarf senkt, heißt das in der Praxis häufig, dass Aufgaben in Kundenservice, Dokumentenverarbeitung oder QA automatisiert und dadurch mit schlankeren Teams abgedeckt werden. Gleichzeitig planen 82 % derzeit Einstellungen oder wollen das in den kommenden Monaten tun, was zeigt: KI ersetzt nicht pauschal, sondern verlagert Rollen in Richtung KI-Engineering, Sicherheit und Integration.

Bei den Werkzeugen ist der Trend ebenfalls klar. Claude von Anthropic nutzen 90 % der Station-F-Teams; damit kippt das Bild gegenüber 2025, als OpenAI noch dominierte und Anthropic hinter Mistral nur Platz drei einnahm. Für Unternehmen ist das vor allem eine Frage der Lieferkette für KI-Services: Wer heute modellbasiert entwickelt, muss nicht nur mit Leistungskennzahlen, sondern auch mit Verfügbarkeit, Kosten und Governance des jeweiligen Anbieters umgehen. Station F zeigt zusätzlich, dass erfolgreiche Exits zunehmend über „KI-Akquisitionen“ laufen: Mistral übernahm Anfang des Jahres Koyeb, und bei früheren Verkäufen spielte KI bei Pollen Robotics, Mithril Security und Sonio jeweils eine Rolle.

Auch die Start-up-Generation verändert sich. Im Schnitt sind die Gründerinnen und Gründer bei Station F heute 36,5 Jahre alt, nach 31 Jahren im Jahr 2018; außerdem bringt jede fünfte Person einen Doktortitel mit. Die „Dropout-und-disrupt“-Mythologie wirkt damit wie ein altes Meme: Viele Teams verfügen über reguläre Berufserfahrung oder haben andere Lebenswege hinter sich. Ein treibender Faktor ist die KI-Welle: Projekte, die derzeit Geld bekommen, verlangen meist echte technische Tiefe—ein originelles Pitchdeck allein reicht nicht. Branchenexperten bringen dafür meist eine einfache Begründung: Künstliche Intelligenz erhöht die Eintrittshürde, weil sie sowohl Datenqualität als auch Engineering-Fähigkeiten konsequent in den Vordergrund rückt.

Die Markt- und Wettbewerbsdynamik wird zusätzlich von der Finanzierungserwartung überlagert. Nur noch 9 % der Station-F-Gründerinnen und -Gründer träumen vom Börsengang; im Vorjahr waren es 16 %. Gleichzeitig rechnet die Hälfte damit, irgendwann verkauft zu werden—ein Hinweis darauf, dass Exit-Routen in Europa stärker über strategische Käufer, Wachstumsmärkte und Plattform-Ökosysteme laufen als über klassische IPO-Zyklen. Im Vergleich zu anderen Inkubatoren in Europa ist das zwar kein Sonderfall, aber Station F quantifiziert den Trend. Für Investoren bedeutet das: Modelle, die „unternehmensbereit“ sind—mit messbaren KPIs und klarer Sicherheit—gewinnen gegenüber reinen Prototypen.

Unmittelbar in die Schlagzeilen rückt dabei die politische Komponente: Mehr als die Hälfte nennt die kommende Frankreich-Wahl als eine ihrer größten Sorgen. 47 % fürchten vor allem einen Rechtsruck, 24 % sehen besonders ein Risiko in einem Sieg der äußersten Linken. Im Zentrum der Unruhe steht die Einwanderungspolitik: Etwa jede dritte Person auf dem Campus stammt nicht aus Frankreich. Strengere Grenz- und Visaregeln würden für viele Startups das Geschäft erheblich erschweren, weil frühes Wachstum oft von internationalem Recruiting abhängt—gerade dort, wo KI-Teams selten ausschließlich lokal rekrutiert werden können. Station F formuliert das als Bedrohung für den Aufbau eines globalen, wettbewerbsfähigen Unternehmens.

Aus Regulierungsperspektive ist das nicht nur „Soft Risk“. Für KI-Startups sind neben Arbeits- und Visafragen auch Datenschutz und Model-Governance entscheidend. In der EU wird mit dem AI Act und bestehenden Datenschutzanforderungen häufig verlangt, dass Risiken bewertet, Datennutzung nachvollziehbar und Systeme angemessen abgesichert werden. Gleichzeitig hängt praktische Compliance stark davon ab, ob Tools wie Claude, Mistral-Modelle oder Plattformen aus dem Hugging-Face-Umfeld kontrolliert in eigene Pipelines eingebunden werden können. Hier entscheidet sich, ob KI wirklich Personal spart, ohne neue Angriffsflächen zu schaffen—Stichworte sind Prompt-Injection, Datenabfluss und die Trennung von Trainings- und Betriebsdaten.

In die Zukunft gelesen bedeutet das: Station F wird größer und zugleich technisch anspruchsvoller, aber die Stimmung bleibt angespannt. Die nächsten Monate dürften für viele Teams von einer vorsichtigen Planungslogik geprägt sein—mehr Absicherung bei Hiring, mehr Fokus auf belastbare Produktmetriken und mehr Investitionen in Sicherheits- und Betriebsprozesse. Wer jetzt baut, dürfte davon profitieren, dass KI-Werkzeuge bereits weithin standardisiert sind, während die Differenzierung zunehmend über Engineering-Exzellenz und Governance entsteht. Wenn die Wahl den Rahmen für Einreise und Talentmobilität verschärft, könnten sich dennoch die Erfolgsfaktoren verschieben: Dann zählen nicht nur Modelle, sondern auch Teams, die schneller lokal skalieren, Prozesse standardisieren und Compliance früh in die KI-Entwicklung integrieren.


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