MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Schwabing entstand ein Neubauapartment mit rund 100 Quadratmetern, das über eine durchgehende Nussbaum-Paneelwand Stauraum und Orientierung aus einem Guss löst. Statt sichtbarer Griffe verschwinden Türen und Technik hinter einer flächigen Holzoberfläche, die sich auf Druck öffnet. Der Materialmix setzt auf Lehmputz, grün eingefärbtes Ziegenleder sowie Verde Alpi in Küche und Bädern. Für das Projekt arbeiteten ein Münchner Planungsbüro und eigene Werkstätten eng zusammen – bis hin zu Feinabstimmungen bei Farbe und Oberflächen.

Wer in Schwabing nach einer Wohnung sucht, die sich nicht wie „mehr“ anfühlt, sondern wie „genug“, bekommt hier ein sehr präzises Beispiel. Das Apartment liegt im fünften Stock eines Neubaus, umfasst rund 100 Quadratmeter und wurde im Frühjahr 2024 fertiggestellt. Die Rolle der Architektur ist dabei bewusst zurückhaltend: Am Gebäude selbst veränderte das Planungsbüro nichts, im Inneren aber wurde praktisch alles neu entworfen – von Oberflächen über Bäder und Küche bis zu den Einbauten. Das Ergebnis ist weniger eine Ansammlung einzelner Stilentscheidungen als ein durchdachtes System, das Ruhe über Materialtiefe, maßgefertigte Flächen und eine klare Wegeführung organisiert.
Technisch betrachtet steckt die „Trick“-Qualität weniger in einem einzelnen Möbel, sondern in der Art, wie Stauraum in die Architektur integriert wird. Die zentrale Idee lautet: nicht verstecken, sondern einbetten. Im Entrée ist die Nussbaum-Verkleidung komplett durchgezogen, bis hinein in Zonen, in denen man normalerweise Griffe, Öffnungsfugen oder separate Garderobenelemente erwarten würde. Türen wirken deshalb erst auf den zweiten Blick als Türen; Garderobe, versteckter Stauraum, Durchgänge und sogar Technik liegen dahinter und geben erst nach leichtem Druck nach. Auf 100 Quadratmetern ist dieses Maß an Unsichtbarkeit keine Spielerei: Der Stauraum ist vollständig da, er drängt sich nur nicht auf und hält damit die visuelle Spannung niedrig.
Für die atmosphärische Wirkung liefert der Materialmix die technische Grundlage. Als Basis dient Lehmputz von Matteo Brioni an Wänden und Decken, ergänzt durch amerikanischen Nussbaum für Verkleidungen und Einbauten sowie Verde Alpi in Küche und Bädern. Dazu kommen einige Boards aus gebürstetem Messing, die eher wie Akzente funktionieren als wie dominante Oberflächen. Entscheidend ist auch, wie die Materialien im Raum mit Licht interagieren: Der Lehm nimmt das Licht weich auf, der Nussbaum wirkt am Abend tiefer und wärmer, während der Stein stärker hervortritt und beinahe grafisch erscheint. Dass solche Effekte nicht zufällig passieren, zeigte sich beim Putz: Laut dem Creative Director Tobias Petri mussten erst drei Muster durchlaufen werden, bevor „das Verhältnis von Farbe und Oberfläche“ stimmte. Diese Feinabstimmung wirkt in der Praxis wie ein Design-„Tuning“ – nur eben auf Ebene von Haptik und Wahrnehmung statt auf Ebene von Software-Parameterwerten.
In der Raumkomposition übernimmt die Paneelwand darüber hinaus eine Art Rückgratfunktion. Auf der einen Seite schafft sie einen geschützten, dunkleren Eingang; auf der anderen öffnet sie den Blick über große Fenster in Richtung Stadt. Die Küche erinnert dabei an eine Bar, und die Möbel reihen sich entlang dieser Wand auf, wodurch der Blick fast automatisch nach draußen „wandert“. Auffällig sind außerdem die Rundungen: Kannelierte Nussbaumfronten und weiche Radien vermeiden spitze Kanten, die bei einem solchen Grundriss schnell unruhig wirken würden. Die Formensprache ist damit nicht bloß dekorativ, sondern funktional begründet: Sie passt zur konkreten Geometrie der Einbauten, reduziert visuelle Kanten und nimmt den Möbelteilen gleichzeitig etwas von ihrer „Härte“ – ohne dass der Raum an Klarheit verliert.
Auch die Lichtplanung folgt dem Prinzip, Zonen zu ordnen, ohne den Raum zu zerschneiden. Über dem Wohnbereich hängt ein langgestrecktes Lichtobjekt, das eigens für diesen Raum entworfen wurde und die Perspektive nach hinten „mitnimmt“, sodass die Tiefe größer wirkt als sie ist. Ergänzend gibt es nur wenige Strahler, die gezielt einzelne Bereiche beleuchten. Abends übernimmt das Licht dann eine räumliche Gliederung in einzelne Nutzungszonen, ganz ohne zusätzliche Trennwände. Morgens startet der Tag an der Küchenbar, später geht es auf einen der Balkone – mitten in München, aber so, dass die Stadt im Alltag nicht unaufhörlich hereindrängt. Der Eindruck, den die Wohnung erzeugt, lautet daher: Nähe bleibt vorhanden, sie wird nur dosiert.
Dass die Einrichtung nicht „datierbar“ wirkt, liegt an der bewussten Auswahl und daran, wie Stile nebeneinander stehen, statt sich gegenseitig zu überstimmen. Möbel wurden laut Bericht von Holzrausch gemeinsam mit Robert Stephan ausgewählt, wobei einige Stücke bereits durch sein früheres Studio zusammengetragen werden konnten, bevor er mit „The Rope“ eine Galerie für Collectible Design und Interiorstudio gründete. Da die Eigentümer: innen Kunst der Klassischen Moderne ebenso sammeln wie zeitgenössische Arbeiten, sollte auch das Mobiliar das 20. Jahrhundert neben dem 21. verankern. So treffen etwa Taliesin-Tische von Frank Lloyd Wright (1955) auf eine Vase von Rick Owens; außerdem wird ein Stuhl „S34A“ von Pierre Chapo aus Ulme auf einen Schreibtisch von Pierre Yovanovitch gestellt. Robert Stephan beschreibt die Balance als „Tranquil, aber charakterstark“, und genau diese Mischung sorgt dafür, dass viele Stücke ihre Entstehungszeit verlieren und stattdessen Charakter über Proportionen, Material und Präsenz transportieren.
Am deutlichsten wird der Anspruch am Anfang – an der Stelle, an der sich Wohnungsbesuche normalerweise eine Meinung über Stil und Material bilden. Der Tisch im Eingangsbereich trägt Leder; besonders bemerkenswert ist, dass das grün eingefärbte Ziegenleder nicht nur auf der Oberfläche liegt, sondern von oben bis unten verarbeitet ist. Der Entwurf wird einem Aldo Tura zugeschrieben, und selbst wer das Jahrzehnt nicht sofort eindeutig benennen kann, erkennt dennoch die handwerkliche Ruhe, die ein solches Stück ausstrahlt. Hinter all dem steht ein klarer Planungsfokus: Die Ruhe entsteht nicht durch Leere, sondern durch Konzentration. In dieser Wohnung heißt das am Ende: Stauraum ist nicht sichtbar, weil er vollständig in eine durchgehende Material- und Oberflächenlogik eingebunden ist – und die Stadt bleibt im Entrée hängen, bis man weiß, wo man drücken muss.
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