HEFEI / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fordert die deutsche Wirtschaft dazu auf, sich im Verhältnis zu China stärker auf eigene Stärken zu besinnen. In Hefei betonte er, Deutschland und deutsche Technologie seien dort weiterhin hoch geschätzt. Gleichzeitig verwies er auf wachsende Ungleichgewichte durch den chinesischen Handelsüberschuss und ein Defizit im deutsch-chinesischen Handel. Beim Besuch des VW-Entwicklungszentrums zeigte er sich, wie „In China für China“ praktisch umgesetzt wird.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzt bei seinem Staatsbesuch in China nicht auf wohlfeile Harmonieformeln, sondern auf eine doppelte Botschaft: mehr Selbstbewusstsein gegenüber dem chinesischen Markt, aber auch ein klarer Blick auf die strukturellen Spannungen im Handel. In Hefei sagte er, „Wenn man hier unterwegs ist, staunt der Deutsche vielleicht, wie sehr wertgeschätzt Deutschland und deutsche Technologie in China nach wie vor ist“ und riet, „dass wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern mit Selbstbewusstsein auf den Märkten auftreten“.
Technisch und industriepolitisch ist daran vor allem die Logik interessant, dass Selbstbewusstsein nicht als PR-Slogan gemeint ist, sondern als bessere Positionierung für reale Kompetenzen. Steinmeier ordnete das auch in den Kontext technologischer Zusammenarbeit ein: Die ersten Gespräche mit Wissenschaftsvertretern hätten gezeigt, wie wichtig Kooperationen in diesem Bereich weiterhin angesehen würden. Diese Betonung auf Zusammenarbeit spiegelt eine Entwicklung wider, die seit Jahren in vielen Branchen zu beobachten ist: Der Wettbewerb in China entscheidet sich nicht nur über Preis und Stückzahlen, sondern immer stärker über Geschwindigkeit bei Produktzyklen und über die Fähigkeit, technische Lösungen an lokale Anforderungen anzupassen.
Gleichzeitig machte Steinmeier aber deutlich, dass die Wirtschaftspolitik die Handelsdaten nicht ausblenden darf. Er verwies auf die jährliche Entwicklung des chinesischen Handelsüberschusses und warnte davor, dass das „erfolgreiche Modell der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in eine Inbalance gerät“. Konkreter Anlass ist das bereits spürbare Ungleichgewicht zwischen China und Europa: Das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China betrug im vergangenen Jahr knapp 90 Milliarden Euro. Laut Statistischem Bundesamt exportierte China Waren im Wert von 170,6 Milliarden Euro nach Deutschland, während die deutschen Exporte nach China nur 81,3 Milliarden Euro erreichten; EU-weit belief sich das Defizit im ersten Halbjahr 2026 auf fast 197 Milliarden Euro, wie aus den Angaben des EU-Handelskommissars Maros Sefcovic hervorgeht.
Was daraus folgt, hat Steinmeier in seinem Appell ebenfalls angedeutet: Europa müsse sich „neu aufstellen und seine wirtschaftlichen Instrumente neu sortieren“. Dabei geht es nicht darum, Handelsbeziehungen abrupt abzubrechen, sondern sie so zu gestalten, dass sie wieder auf einen beiderseitigen Nutzen einzahlen. Steinmeier formulierte es in dieser Richtung: „Wir müssen uns bemühen, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht etwa aufhört, sondern dass sie fortgesetzt wird, aber zum beiderseitigen Nutzen.“ Für Unternehmen heißt das in der Praxis meist zweierlei: zum einen eine bessere Koordination von Marktstrategien mit öffentlichen Rahmenbedingungen, zum anderen eine stärkere Absicherung der eigenen Wertschöpfung gegen einseitige Verschiebungen.
Sein Programm bekam in Hefei einen besonders konkreten industriellen Unterton, als Steinmeier am ersten Tag seiner sechstägigen Reise das VW-Entwicklungszentrum im VW-Standort Hefei besuchte. Dort entwickelt Volkswagen Fahrzeuge und Software mit Blick auf den chinesischen Markt, gerade in einer Phase, in der der Autobauer mit Absatzproblemen kämpft. Der Geschäftsführer der Volkswagen Gruppe China, Ralf Brandstätter, brachte die Stoßrichtung auf den Punkt: „Hier am Standort schlägt das Herz unserer ‚In China für China-Strategie‘“. Damit adressiert VW einen zentralen Wettbewerbsmechanismus in China: Wer nicht lokal entwickelt, läuft Gefahr, bei Software- und Antriebsgenerationen den Anschluss zu verlieren.
Brandstätter ordnete auch die Größenordnung ein und koppelte sie an die Ausrichtung des Teams. Das Entwicklungszentrum sei das größte des VW-Konzerns außerhalb Deutschlands mit mehr als 3.000 Fahrzeug- und Software-Ingenieuren. Gleichzeitig setzte er klare Prioritäten: „Wir fokussieren uns hier aber nur auf smarte Elektrofahrzeuge, also keine Verbrenner mehr“. Diese Aussage passt zu einem Muster, das in der Automobilbranche zunehmend Standard wird: Entwicklungsressourcen werden stärker auf Elektromobilität und softwaredefinierte Funktionen konzentriert, weil sich Kosten- und Margenprofile unter dem Druck lokaler Wettbewerber sonst schneller verschieben.
Technisch untermauerte das Werk seinen Anspruch laut den Angaben aus dem Besuchskontext mit messbaren Produktivitätsvorteilen: VW entwickle in Hefei neue Autos 30 Prozent schneller und bis zu 40 Prozent günstiger als bisher. Solche Kennzahlen sind besonders relevant, weil sie direkt auf die Zeitachse einzahlen – also darauf, wie schnell Konzepte zu marktreifen Paketen werden. Für die deutsche Wirtschaft insgesamt bedeutet das: Selbstbewusstsein gegenüber China wirkt dann, wenn es mit Engineering-Tempo, funktionaler Tiefe und sauberer Lokalisierung verbunden wird. Steinmeiers Botschaft trifft damit nicht nur die Managementebene, sondern auch die Entwicklungsorganisationen.
Unterm Strich verbindet der Besuch in Hefei politische Ambition mit wirtschaftlicher Realität. Der Appell, „mit Selbstbewusstsein“ aufzutreten, zielt auf eine bessere Positionierung deutscher Stärken im chinesischen Markt, während die Handelssalden die Notwendigkeit unterstreichen, die Rahmenbedingungen für Wertschöpfung neu auszutarieren. Gleichzeitig zeigt das Beispiel VW, wie sich die Strategie „In China für China“ organisatorisch übersetzt: in großen Engineering-Teams, klaren Produktfoki und dem Anspruch, Entwicklungsprozesse zu beschleunigen. Gerade deshalb dürfte die Diskussion in Europa künftig weniger abstrakt geführt werden – Unternehmen werden stärker argumentieren müssen, wie sie im Spannungsfeld aus Kooperation und Wettbewerb ihren Beitrag zum beiderseitigen Nutzen liefern.
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