LONDON (IT BOLTWISE) – Der von Y Combinator unterstützte Insurtech-Startup Corgi gerät wegen seines neuen Dealroom-Produkts „Dataroom“ unter Beschuss. Papermark, ein Anbieter von Open-Source-Data-Room-Software, wirft Corgi vor, Funktionen und Text wortgleich zu übernehmen. Corgi widerspricht: Es sei kein Code aus Papermark verwendet worden – dennoch räumt das Unternehmen ein, dass „vibe-coding“ die kopierten Features imitiert hat. Zusätzlich kündigt Corgi Maßnahmen gegen den Kritiker an, während die Branche die größere Frage diskutiert, wie KI-gestütztes Kopieren rechtlich und moralisch zu bewerten ist.

Der Streit um „Dataroom“ trifft Corgi in einem Moment, in dem das Startup laut Branchenberichten ohnehin stark beobachtet wird: Das 2 Jahre alte Unternehmen hat mit mehreren Finanzierungsrunden zuletzt deutlich an Bewertung zugelegt. Ausgerechnet hier eskaliert eine Kopie-Debatte, die für Softwareteams mehr als nur Reputationsrisiken bedeutet. Auslöser ist eine öffentliche Anschuldigung von Papermark-Gründer Marc Seitz auf X, der Screenshots teilte, die Ähnlichkeiten zwischen den Produkten zeigen sollen. Corgi bestreitet den Kernpunkt – nämlich den Vorwurf, Code aus dem Open-Source-Produkt übernommen zu haben – und kündigt zugleich an, bereits Änderungen vorgenommen zu haben.
Die technische Grundlage der Kontroverse liegt in der Differenz zwischen „Code übernehmen“ und „Wirkung übernehmen“. In der Realität, so beschreiben es Entwicklerteams häufig, reichen für einen schnellen Produkt-Clone manchmal wenige UI-Entscheidungen: Sprachelemente, Feature-Namen, Platzierung von Buttons und die Abfolge von Dialogen lassen sich vergleichsweise schnell anpassen. Seitz argumentierte, dass Corgis Produkt bei denselben Features die gleiche Sprache verwende – Wort für Wort. Corgi hält dagegen: Laut Unternehmen wurde kein Code von Papermark verwendet. Der CEO Nico Laqua räumt jedoch ein, dass Design-Anleihen aus dem Markt zu replica-nahen Features führten, weil das Team offenbar „vibe-coding“ als Arbeitsmethode genutzt habe.
„Vibe-coding“ ist dabei weniger ein einzelner Standard als eine Praxis: Statt ein bestehendes Repository oder konkrete Codezeilen zu importieren, entstehen neue Implementierungen durch KI- oder Template-gestützte Annäherung an Stil und Funktionalität. In solchen Workflows kann die visuelle und funktionale Parität höher sein als die Text- bzw. Codeparität. Genau hier entsteht das juristische Spannungsfeld: Wenn das Recht primär auf den Schutz von Ausdrucksformen und konkreten Implementationen fokussiert, während „look and feel“ häufig schwerer zu fassen ist, verschiebt sich die Debatte. Gleichzeitig gilt bei Software mit Lizenzen: Selbst wenn der Code divergiert, können abgeleitete Strukturen, Textbausteine oder vereinnahmte Bestandteile weiterhin eine Rolle spielen – je nach Lizenztyp und nachweisbarer Nähe im Artefakt.
Vergleichbar war die Debatte um PearAI, ein Startup aus dem YC-Umfeld, das 2024 nach eigenen Angaben ein Open-Source-Projekt klonte und es unter eigener Lizenz veröffentlichte. Damals stand stärker im Raum, dass tatsächlich Codebestandteile übernommen wurden und die Lizenzkette damit möglicherweise gebrochen wurde. Corgi versucht, die Lage davon abzugrenzen: Kein Code sei verwendet worden, und das Team habe die problematischen Elemente „sofort“ aktualisiert. Branchenexperten berichten, dass solche Fälle zunehmend schwerer mit klassischen Kategorien zu greifen sind, weil KI-gestützte Entwicklung die Abbildung von Interaktion und Wortlaut beschleunigt – während die Abhängigkeit vom exakten Quelltext geringer sein kann.
Marktseitig kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Papermark sieht offenbar eine Wettbewerbskomponente. Laqua und ein Corgi-Sprecher werfen Papermark vor, die Anschuldigung auch deshalb zu platzieren, weil Corgi ein günstigeres Angebot macht. Für Käufer ist das relevant, denn Data-Room-Software wird typischerweise in Verhandlungen, Finanzierungsrunden und Due-Diligence-Prozessen genutzt, bei denen Vertraulichkeit und Compliance entscheidend sind. Technisch müssen solche Plattformen Zugriffssteuerung, Audit-Logs und Rechteverwaltung zuverlässig umsetzen. Wenn ein Produkt im Wettbewerb steht, können ähnliche Feature-Sets zudem schnell als „kopiert“ wahrgenommen werden, auch wenn sie konzeptionell nahe liegen.
Hinzu kommt der Kontext „KI verändert die Kopiergeschwindigkeit“. In einem Posting erklärte Dan Barrett, Mitgründer von OpenProse, sinngemäß, dass die alte Unterscheidung zwischen Codekopie und Ausdruckskopie in einer Welt mit Bots, die Strukturen 1:1 abbilden können, an Bedeutung verliert. Für die Marktkommunikation heißt das: Unternehmen müssen künftig nicht nur ihren Code, sondern auch ihre Produktspezifikation, Textbausteine und Designentscheidungen dokumentieren. Gleichzeitig ist der Umgang mit Vorwürfen riskant: Wer zu spät reagiert, verliert Vertrauen bei Enterprise-Kunden; wer zu defensiv agiert, wirkt wie ein „Guilty by similarity“-Fall. Corgi setzt hier auf schnelle Schadensbegrenzung und verweist auf die Korrekturen einzelner Seiten-Elemente.
Rechtlich und regulatorisch verschiebt sich damit der Fokus in Richtung Nachweisbarkeit. Laut Unternehmen waren die „offending features“ auf zwei periphere Einstellungen-Seiten beschränkt und wurden bereits geändert; das Team habe bestätigt, dass kein Papermark-Code genutzt wurde. Der nächste Schritt ist juristisch: Corgi bestätigte, dass man Marc Seitz eine Abmahnung (Cease-and-desist) zugestellt habe, um den Post entfernen zu lassen. Für die Datenschutz- und Security-Praxis ist das ebenfalls nicht nur PR: Data-Rooms betreffen oft sensible Unternehmensdaten, sodass Vorwürfe rund um Herkunft und Integrität der Software indirekt Fragen nach Secure Development Lifecycle, Lieferkettentransparenz und Zugriffskontrollen aufwerfen.
Aus Zukunftssicht wird die Branche dieses Muster vermutlich häufiger sehen. Sobald KI-gestützte Entwicklung Standardprozesse beschleunigt, sinkt die Hürde, UI, Sprache und Interaktionslogik „ähnlich genug“ zu bauen. Entscheidend wird dann, welche Schutzgegenstände tatsächlich berührt sind: Lizenzen für Bibliotheken und Datenimporte, Schutz für Codebestandteile, aber auch Vertrags- und Markensichtbarkeit. Für Entwicklerteams folgt daraus praktisch: Versionierung der Designentscheidungen, klare Traceability bei Copilot- oder KI-Generatoren, und rechtliche Reviews vor Produktfreigaben. Für Unternehmen wie Corgi heißt die Konsequenz außerdem, den „Vibe“-Ansatz kontrollierter zu machen – nicht, indem man Innovation bremst, sondern indem man den Abstand zu fremden Artefakten aktiv steuert.
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