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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verbindet antagonistische Narzissmus-Neigungen mit der Bereitschaft zu illegalen und gewalttätigen Handlungen in der US-Abtreibungsdebatte. Befragt wurden 872 Erwachsene; die Auswertung nutzt vorab registrierte Hypothesen und kontrolliert mehrere Persönlichkeits- und Einstellungsvariablen. Der Effekt zeigt sich sowohl bei pro-choice- als auch bei pro-life Unterstützern, während der Wunsch nach friedlichem Aktivismus stärker mit Altruismus zusammenhängt. Gleichzeitig bleibt offen, ob Persönlichkeit wirklich Ursache für Radikalisierung ist, da die Daten nur aus Selbstauskünften zu einem Zeitpunkt stammen.

Studie: Antagonistische Narzissmus-Neigung fördert radikale Gewaltabsichten auf beiden Seiten der Abtreibungsdebatte
Studie: Antagonistische Narzissmus-Neigung fördert radikale Gewaltabsichten auf beiden Seiten der Abtreibungsdebatte (Foto: IT BOLTWISE)
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Die US-Abtreibungsdebatte hat seit der Aufhebung von Roe v. Wade 2022 wieder deutlich spürbaren Protest- und Konfliktdruck erzeugt. Was dabei oft im Vordergrund steht, sind politische Argumente, moralische Überzeugungen und Fragen nach rechtlichen Grenzen. Eine aktuelle psychologische Studie rückt jedoch einen anderen Mechanismus in den Fokus: bestimmte Persönlichkeitsmuster können laut den Autorinnen und Autoren dazu führen, dass Menschen radikale Aktionen eher als „Ventil“ für eigene Bedürfnisse nutzen, statt primär durch moralische Überzeugungen angetrieben zu sein. Im Kern geht es um die Frage, ob eine Form des Narzissmus mit der Bereitschaft zusammenhängt, illegale und gewalttätige politische Handlungen zu befürworten – und das auf beiden Seiten der Debatte.

Die Arbeit stützt sich auf das Konzept „dark-ego-vehicle principle“ (DEVP). Dahinter steht die Annahme, dass Personen mit sozial aversiven, feindseligen Eigenschaften sich Bewegungen anschließen können, nicht weil ihnen das Thema wirklich am Herzen liegt, sondern weil die Bewegung als praktisches Transportmittel dient, um Aggression, Machtgefühle oder das Bedürfnis nach Aufregung auszuleben. Als zentrale Variable dient „antagonistic narcissism“, also ein narzisstischer Stil, der mit Arroganz, Manipulation, Anspruchsdenken, mangelnder Empathie, reaktiver Wut und Thrill-Seeking verbunden ist. Diese Ausprägung wird im Text explizit von anderen Formen unterschieden: Extravertierter Narzissmus eher mit charismatischer Führung, neurotischer Narzissmus eher mit Unsicherheit und Schamempfindlichkeit.

Methodisch knüpft die Studie an frühere Ergebnisse der Forschenden an und erweitert sie ideologisch. In einer früheren Untersuchung wurde bereits berichtet, dass antagonistische Narzissmus- und psychopathierelevante Tendenzen die Zustimmung zu gewaltsamen linkspolitischen Revolutionsvorstellungen vorhersagten. Später wurden ähnliche Muster in anderen Kontexten beschrieben, etwa bei umweltbezogenem Aktivismus sowie in Bewegungen rund um sexuelle Minderheiten und Geschlechtsidentität. Der entscheidende Schritt in der aktuellen Untersuchung besteht darin, zu prüfen, ob das DEVP auch dann trägt, wenn das „Fahrzeug“ politisch nicht nur progressiv, sondern ebenso konservativ wirkt. Um das zu testen, greifen die Autorinnen und Autoren die Abtreibungsdebatte als Belastungsprobe auf, weil sie durch öffentliche Proteste und auch militante Aktivitäten auf beiden Seiten seit der Gerichtsentscheidung besonders sichtbar geworden ist.

Für den Test rekrutierten die Forschenden über die Online-Plattform Prolific eine Stichprobe aus den USA. Nach Bereinigung um unvollständige Einträge, doppelte Teilnahmen, Personen, die keinen Standpunkt zur Abtreibungsfrage einnahmen, sowie weitere Ausschlussgründe verblieben 872 Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 43 Jahren. Davon identifizierten sich 501 Personen (57,5 %) als pro-choice und 371 Personen (42,5 %) als pro-life. Die zentralen Hypothesen und Auswertungen waren vorab registriert. Inhaltlich füllten die Teilnehmenden einen Fragebogen mit 60 Items aus, der antagonistischen Narzissmus sowie extravertierten und neurotischen Narzissmus auf einer Skala von 1 bis 5 erfasst. Zusätzlich beurteilten sie auf einer Skala von 1 bis 7, wie bereit sie wären, sich entweder an legalem, nicht-gewalttätigem Aktivismus (beispielsweise eine Stunde Reisezeit für eine friedliche Demo) oder an illegaler, gewalttätiger Radikalisierung (etwa Angriffe auf Sicherheitskräfte oder nicht erlaubte Aktionen) zu beteiligen. Parallel wurden alltäglicher Altruismus sowie politische Einstellungen über linke und rechte autoritäre Haltungen und eine soziale Dominanzorientierung erhoben.

In den Ergebnissen zeigt sich zunächst ein deutliches Bild: Über alle Teilnehmenden hinweg bevorzugte die Mehrheit eher friedliches Handeln als Gewalt. Durchschnittlich lag die Intention zu legalem Aktivismus bei 4,12 von 7, während die Radikalisierungsintention bei 2,26 von 7 deutlich niedriger ausfiel. Auch die Werte für antagonistischen Narzissmus lagen im Mittel nur bei 2,07 von 5, und zwischen pro-choice und pro-life zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede in dieser Persönlichkeitskomponente. Genau darin liegt aber eine wichtige Aussage der Studie: Der Zusammenhang zwischen antagonistischem Narzissmus und gewaltsamer Radikalismusersetzung war unabhängig vom Lager nachweisbar. Höhere Ausprägungen gingen laut den berichteten Korrelationen mit einer deutlich größeren Bereitschaft zu illegalen und gewalttätigen abtreibungsbezogenen Aktionen einher (Gesamtstichprobe r = 0,41). Dieser Zusammenhang blieb in beiden Gruppen bestehen: pro-choice r = 0,37 und pro-life r = 0,46. Die Autoren argumentieren damit, dass „narkisstische“ Personen in beiden politischen Lagern Abtreibungsaktivismus nutzen, um antagonistische Bedürfnisse zu befriedigen – etwa das Verlangen nach Aggression.

Auch Kontrollen änderten daran wenig. Die Verbindung blieb robust, nachdem Alter, Geschlecht, Altruismus, extravertierter Narzissmus und neurotischer Narzissmus statistisch berücksichtigt wurden. Zugleich liefert die Studie ein zweites, differenzierendes Ergebnis: Der Wunsch nach friedlichem Aktivismus korrelierte moderat mit Altruismus (r = 0,33). Das spricht dafür, dass rechtmäßiges Engagement und Hilfeorientierung oft zusammenlaufen, während der Übergang zu Gewaltabsichten eher mit antagonistischen Persönlichkeitsmerkmalen gekoppelt ist. Interessant wird es zusätzlich in einer explorativen Betrachtung der Kurvenform: Für pro-choice stieg die Bereitschaft zu radikalen Mitteln linear mit zunehmendem antagonistischem Narzissmus. In pro-life verlief der Effekt dagegen anders, mit einer U-förmigen Dynamik, bei der sich Radikalisierungsintentionen bei mittleren Ausprägungen weniger stark zeigten, bei sehr hohen Werten aber deutlich nachziehen. Die Forschenden warnen allerdings, dass diese Abweichung aus einer explorativen Analyse stammt und bei anderen statistischen Vorgehensweisen weniger klar wurde.

Als Folge stellt sich für Unternehmen, Bildungs- und Sicherheitsverantwortliche in der Zivilgesellschaft eine praktische Frage: Wie lässt sich Extremismusprävention stärker personalpsychologisch und weniger ausschließlich ideologisch denken? Die Studie selbst betont, dass die Ergebnisse nicht bedeuten, jede Abtreibungsposition sei per se narzisstisch oder radikal. Friedlicher Einsatz kann ebenso altruistisch motiviert sein wie prosoziale Ziele wie der Schutz von Frauenrechten oder das Gedenken an ungeborenes Leben. Gleichzeitig argumentieren die Autorinnen und Autoren, dass ein kleiner Teil antagonistisch geprägter Menschen friedliche Gruppen auf beiden Seiten gefährden kann. Denn selbst wenn die Mehrheit rechtmäßig bleibt, kann die Existenz gewaltbereiter Akteure dem Engagement dauerhaft schaden – etwa über Reputationsverlust und daraus folgende schwindende öffentliche Unterstützung. Das deckt sich auch mit früheren Befunden, die sozial aversive Persönlichkeitszüge in Verbindung mit autoritären Überzeugungen auf der linken wie auf der rechten Seite bringen.

Natürlich bleiben Grenzen. Die Daten basieren auf Selbstauskünften zu einem Zeitpunkt und messen Absichten, nicht reale Handlungen. Damit kann die Studie nicht zeigen, ob antagonistische Narzissmus-Eigenschaften Menschen kausal radikalisieren, und sie erfasst auch nicht direkt, ob konkrete Motive wie Thrill-Suche oder Wutausdruck hinter den geäußerten Gewaltbereitschaften stehen. Für die weitere Forschung schlagen die Autorinnen und Autoren vor, DEVP-Mechanismen längerfristig in realen Aktivistengruppen zu verfolgen und andere Polarisierungsthemen wie Waffenrecht (gun control) in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu prüfen. Klar wird aber bereits jetzt: Die Schnittstelle zwischen Persönlichkeit, Autoritätseinstellungen und Radikalisierungsabsichten lässt sich offenbar nicht auf eine einzige politische Richtung reduzieren.

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