BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung zeigt, dass Antibiotika weltweit deutlich ungleich eingesetzt werden: Häufige Infektionen erhalten oft zu wenig der passenden Mittel, während Reserve-Antibiotika für schwere, multiresistente Verläufe in vielen Ländern knapp bleiben. Gleichzeitig werden in einer großen Zahl von Staaten zu viele „Watch“-Antibiotika verordnet, obwohl dafür häufig „Access“-Wirkstoffe reichen würden. Die Studie stützt sich auf Analysen für 186 Länder, ergänzt fehlende Daten mit Modellrechnungen und vergleicht dabei anhand von Einkommen, Infektionslast und Resistenzen. Für Gesundheitssysteme bedeutet das vor allem eins: Stewardship-Programme müssen präziser steuern, damit Zugang und Wirksamkeit gleichzeitig steigen.

Studie: Antibiotika falsch dosiert – zu wenig Reserve und zu viel „Watch“
Studie: Antibiotika falsch dosiert – zu wenig Reserve und zu viel „Watch“ (Foto: IT BOLTWISE)
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Antibiotika werden im Alltag vieler Gesundheitssysteme nicht nach dem Prinzip eingesetzt, das Resistenzrisiken minimiert und zugleich schwere Verläufe zuverlässig behandelt: Eine Studie im The Lancet Public Health kommt zu dem Ergebnis, dass „Access“-Antibiotika für häufige bakterielle Infektionen in etlichen Ländern zu selten zum Einsatz kommen. Umgekehrt werden in einer großen Zahl von Staaten zu viele „Watch“-Antibiotika aus der mittleren Kategorie verordnet, obwohl es für viele Standardfälle wirksamere und zugleich risikoärmere Alternativen gäbe. Gleichzeitig zeigt die Auswertung auch die andere Seite der Medaille: Für schwere Infektionen durch multiresistente Erreger fehlt in knapp der Hälfte der untersuchten Länder offenbar die benötigte Menge an „Reserve“-Antibiotika. Damit verschieben sich die Risiken von Resistenzentwicklung nicht nur in die Zukunft, sondern schlagen im Hier und Jetzt als Versorgungslücke bei Hochrisikopatienten durch.

Technisch ordnet die Studie die verfügbaren Wirkstoffe in drei von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingeführte Kategorien ein: „Access“ sind einfache Mittel, die bei häufigen Infektionen zum Einsatz kommen sollen; „Watch“ umfasst speziellere Antibiotika mit höherem Resistenzrisiko; „Reserve“ bezeichnet die letzten Mittel für schwere Infektionen durch multiresistente Erreger. Der Kern der Arbeit ist dabei nicht nur die Frage „wie viel“ Antibiotika verwendet werden, sondern „welche Art“ im Verhältnis zu dem, was für ein Land aufgrund seiner Infektionslast, vorhandener Resistenzen und soziodemografischer Faktoren plausibel wäre. Das Forschungsteam um Aislinn Cook (City St George’s, University of London) hat dafür die Antibiotikanutzung in 186 Ländern und Territorien erfasst, die Daten nach Ländern vergleichbar gemacht und anschließend Cluster gebildet, die anhand von Durchschnittseinkommen und weiteren demografischen Kennzahlen sowie anhand der Infektionslast und vorhandener Resistenzprofile ähnlich sind. Dort, wo Daten aus einzelnen Ländern fehlten, wurden Modellrechnungen eingesetzt, um trotzdem Aussagen über die Versorgungsrealität zu ermöglichen.

Der Vergleich mit den so definierten Orientierungswerten führt zu einer klaren Ungleichheit: In dem Cluster, das die wohlhabendsten Länder repräsentiert, dienten laut Studie die Schweiz als Referenz; für die übrigen Staaten wurde Marokko als Orientierungsstaat genutzt. Im Verhältnis zu diesen Referenzsituationen nutzten viele Länder zu häufig „Watch“-Antibiotika. Von 67 Ländern, für die umfassendere Daten vorlagen, lagen 66 Staaten oberhalb des „Watch“-Erwartungsbereichs – darunter auch Deutschland. Gleichzeitig zeigt die Auswertung bei „Reserve“ eine andere Verteilung: Etwa die Hälfte der untersuchten Länder verwendete weniger Reserve-Antibiotika, als nach den Kriterien der Studie eigentlich angemessen gewesen wäre. Wenn dann schwere Infektionen eintreten, deren Behandlung Reservemittel erfordert, reicht die Versorgung scheinbar nicht bis an diese Schwelle heran. Auch bei „Access“ entsteht eine Lücke: Knapp die Hälfte der Länder setzte weniger Access-Antibiotika ein als erforderlich, was auf einen Anteil an verpassten Standardtherapien hindeuten kann.

Ein zweites Ergebnis wirkt wie ein plausibler Verstärker für diese Muster: Die Wissenschaftler schätzen den globalen Bedarf auf 43 Milliarden Tagesdosen im Jahr 2019. Bei einer damaligen Weltbevölkerung von weniger als acht Milliarden Menschen entspricht das grob einer Antibiotika-Kur pro Person und Jahr, jeweils mit mehreren Tagesdosen. Für den Verbrauch nennt die Studie außerdem eine veröffentlichte Schätzung, wonach 2018 weltweit etwa 40,2 Milliarden Tagesdosen verbraucht wurden. In der Summe wird damit deutlich, was sowohl Übernutzung als auch fehlender Zugang als zwei Seiten einer gleichen Ungleichung beschreibt: Wo zu viel von höher riskanten Wirkstoffklassen fließt, steigt der Selektionsdruck für resistente Erreger. Wo hingegen die wirksamsten Reservemittel zu selten verfügbar sind, verschlechtert sich die Behandlungswahrscheinlichkeit genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Tim Eckmanns vom Robert Koch-Institut hebt dabei hervor, dass Deutschland insgesamt etwas zu viel Antibiotika einsetzt und deutlich zu viele „Watch“-Antibiotika verbraucht.

Warum es in Deutschland besonders bei der „Watch“-Kategorie zu Abweichungen kommt, wird in der Studie mit den jeweiligen Leitlinien und dem praktischen Verschreibungsalltag verknüpft. Eckmanns argumentiert, dass in Deutschland in Leitlinien häufig „Watch“-Antibiotika empfohlen werden, obwohl in vielen Fällen „Access“-Antibiotika angemessen wären. Damit geraten zwei Ziele in Konflikt, die Stewardship-Programme eigentlich synchronisieren sollen: eine optimale empirische Therapieentscheidung für den Patienten und die Minimierung von Resistenzselektion. Der Hinweis auf Leitlinien passt auch zu einem weiteren Detail der Auswertung: Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena verweist darauf, dass zuletzt in Deutschland viele ukrainische Kriegsverletzte behandelt wurden. Solche Behandlungsverläufe könnten den Anteil schwerer Infektionen mit multiresistenten Erregern erhöhen und damit Reserve-Antibiotika stärker in den Vordergrund rücken. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass die verwendeten Verbrauchsdaten sich auf 2019 beziehen, sodass der konkrete Effekt solcher Ereignisse in den Zahlen zwar noch nicht enthalten ist, die Grundmechanik der potenziellen Verzerrung aber zeigt, wie sensitiv nationale Auswertungen gegenüber realweltlichen Sonderlasten sind.

Für Unternehmen, Krankenhäuser und öffentliche Gesundheitsakteure ergibt sich aus der Studie weniger ein „Alarm“-Narrativ, sondern eine konkrete Handlungslogik: Antibiotika-Strategien müssen stärker zwischen Wirkstoffklassen differenzieren und nicht nur die Gesamtmenge betrachten. Das betrifft sowohl die Bestellung und das Bestandsmanagement als auch die klinische Standardisierung von Diagnostik und Therapiepfaden. Denn wenn in der Breite zu viele „Watch“-Antibiotika eingesetzt werden, ist das nicht nur ein Resistenzrisiko, sondern oft auch ein Indikator dafür, dass vorhandene „Access“-Optionen zu wenig genutzt werden. Umgekehrt deutet das Unterangebot an „Reserve“ darauf hin, dass Versorgungsketten, Therapieauswahl und mikrobiologische Entscheidungsgrundlagen in Hochrisikoszenarien nicht ausreichend zusammenlaufen. Praktisch heißt das: Klinische Leitlinien, Antibiotika-Kommissionen und Metriken sollten stärker auf die Kategorie-Zuordnung als auf pauschale Verordnungsraten ausgerichtet werden, ergänzt um eine belastbare Datenbasis für Resistenzen und Infektionslast.


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