LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung von Veteranendaten zeigt: Das Risiko, an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) zu erkranken, unterscheidet sich je nach Militärzweig und Dienstgrad. Besonders auffällig sind höhere Raten bei Veteranen der Air Force, der Navy und der Coast Guard. Offiziere haben sowohl bei Männern als auch bei Frauen höhere Erkrankungsraten als das jeweilige enlisted Personal. Gleichzeitig bleibt das absolute Risiko für Einzelpersonen gering, während unklare Faktoren wie Expositionsprofile oder Diagnosewege die Interpretation beeinflussen können.

Studie: Bestimmte Militärbereiche und Offiziere haben höheres ALS-Risiko
Studie: Bestimmte Militärbereiche und Offiziere haben höheres ALS-Risiko (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Frage, warum Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) bei manchen Menschen auftritt, lässt sich aus der Biologie allein nur teilweise beantworten. Zwar spielen genetische Faktoren eine Rolle, doch ein erheblicher Teil des Erkrankungsrisikos wird in der Forschung auf Umwelt- und Lebensumstände zurückgeführt. Vor diesem Hintergrund liefert eine neue Studie einen vergleichsweise direkten Ansatz: Sie untersucht, ob sich ALS-Raten bei US-Veteranen je nach Militärzweig und Rang systematisch unterscheiden – nicht als abstraktes „Militär erhöht Risiko“, sondern mit Blick auf konkrete Gruppen, in denen sich Expositionen plausibel unterscheiden könnten.

Technisch basiert die Arbeit auf elektronischen Gesundheitsakten der Veterans Health Administration. Die Forschenden betrachteten Personen, die im System zwischen Januar 2000 und Oktober 2024 behandelt wurden, und filterten nur Fälle, bei denen vor einer ALS-Diagnose mindestens zwei Jahre medizinische Vorgeschichte im Datensatz vorlagen. Dadurch wollten sie sicherstellen, dass es sich um neue ALS-Fälle handelt. Das Untersuchungsdesign ist dabei durch die schiere Datenmenge besonders: Es umfasst über 9,1 Millionen Männer und knapp 785.000 Frauen, darunter schließlich 13.935 männliche und 484 weibliche Personen mit ALS. Dass diese Fallzahlen bei Frauen relativ klein sind, wirkt sich später auf die statistische Aussagekraft aus, spielt aber für die grundsätzlichen Muster bei Männern eine deutlich größere Rolle.

Die Auswertung teilt die Veteranen nach Militärzweig (Army, Navy, Air Force, Marine Corps, Coast Guard oder mehrere Zweige), nach Dienstgrad (enlisted versus officer) und nach der Länge der Dienstzeit. Anschließend vergleichen die Forschenden die Raten neu diagnostizierter ALS-Fälle zwischen diesen Gruppen, wobei sie u. a. für Alter, Selbstidentifikation bezüglich Race sowie für Hispanic Ethnicity adjustieren. Entscheidend ist auch die Trennung nach Geschlecht: Die Argumentation lautet, dass sich militärische Jobs und daraus folgende Expositionen häufig unterscheiden. Unter dieser Methodik zeigen sich klare Muster: Als Vergleichsgruppe dienen Männer der Army. Gegenüber der Army steigt die ALS-Rate bei Männern, die in der Air Force dienten, um 29%, bei der Navy um 15% und bei der Coast Guard um 26%. Dagegen liegt sie bei Männern aus dem Marine Corps um 22% niedriger.

Beim Dienstgrad wird es zusätzlich brisant: Offiziere weisen im Vergleich zum enlisted Personal höhere Raten auf. Bei Männern liegt die ALS-Rate bei Offizieren um 64% über der Rate bei männlichen enlisted Veteranen; bei Frauen beträgt die Differenz sogar 72%. Die Forschenden berichten außerdem, dass Unterschiede zwischen Zweigen und Rängen besonders deutlich in jüngeren Altersgruppen (17 bis 61 Jahre) auftreten und in den höchsten Altersgruppen tendenziell abnehmen. In den Originaldaten klingt damit eine Art „Zeitsignatur“ an, die nicht nur auf reine Exposition über die gesamte Dienstzeit hindeuten muss. Marc Weisskopf, Professor für Umwelt-Epidemiologie und -Physiologie, brachte genau diese Spannung auf den Punkt: We have known for some 20 years that military veterans are at increased risk for ALS compared to non-veterans, but we still don’t understand why. Er beschreibt die vorliegende Analyse als ersten Schritt, um Risiken zwischen Veteranentypen genauer zu sortieren: This work was a first step in trying to better understand that by seeing if there are differences in risk between different types of veterans.

Gleichzeitig bleibt die Studie im Kern ein Puzzlespiel, nicht die abschließende Ursacheklärung. Die Forschenden betonen, dass ALS insgesamt selten ist und das absolute Risiko für eine einzelne Person auch bei erhöhter Wahrscheinlichkeit klein bleibt. Trotzdem sind die relativen Unterschiede relevant, weil sie Hinweise liefern können, welche beruflichen oder umweltbedingten Belastungen in bestimmten Bereichen stärker wirken. Für die erhöhten Raten bei Air Force, Navy und Coast Guard werden als mögliche Treiber unter anderem Expositionen genannt, die zu diesen Umfeldern passen könnten – etwa Einflüsse im Umfeld von Fluggerät, intensiver körperlicher Belastung oder auch psychischer Stress. Daneben ist das Ergebnis zur Dienstzeit überraschend: Längere Laufbahn geht hier mit niedrigeren ALS-Raten einher. Die Autoren diskutieren plausible Erklärungen, die nicht „mehr Risiko mit mehr Zeit“ voraussetzen: Beispielsweise könnten Jobs mit hohen Expositionen mit kürzeren Dienstverpflichtungen verbunden sein, oder längere Dienstzeiten könnten dazu führen, dass sich Diagnosen nach der Pension häufiger in privaten zivilen Strukturen abspielen und damit weniger oft im Veterans-System erscheinen.

Für den Blick auf Offiziere kommt zusätzlich eine methodisch relevante zweite Ebene hinzu: Offiziere erleben typischerweise andere Stressoren und verfügen häufig über ein anderes Bildungsprofil. Frühere Studien deuten zudem darauf hin, dass höherer Bildungsgrad mit der Wahrscheinlichkeit zusammenhängen kann, eine ALS-Diagnose überhaupt zu erhalten oder zeitnah diagnostiziert zu werden. Genau deshalb ist es für die Interpretation wichtig, neben Expositionshypothesen auch System- und Diagnosepfade mitdenken zu müssen. Die Studie adressiert zudem konkrete Limitationen: Für über 900.000 männliche Veteranen war Ranginformationen unklar; zudem ist die Zahl weiblicher ALS-Fälle so klein, dass viele Vergleiche bei Frauen statistisch nicht belastbar sind. Auch genetische Daten lagen nicht vor, wobei die Autor: innen betonen, dass allein genetische Unterschiede die spezifischen Muster über Zweige und Ränge hinweg wahrscheinlich nicht erklären könnten. Als nächsten Schritt wollen die Forschenden die Expositionsebene „granularer“ machen und versuchen, Militärdaten aus dem DoD mit Post-Service-Gesundheitsdaten aus dem VA stärker verknüpfen zu können.

Wenn man diese Ergebnisse für die Praxis liest, ist der Nutzen weniger im unmittelbaren „Risikofaktor ersetzen“ zu sehen, sondern in der Richtung, in die künftige Analysen gehen können. Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die an Präventions- und Versorgungsstrategien für seltene neurodegenerative Erkrankungen arbeiten, bekommen hier ein Ansatzmuster: Statt nur „Militär“ zu betrachten, werden Expositionen über Zweige und Dienstgrade differenziert. Für die klinische Versorgung bedeutet das perspektivisch, dass Screening- und Aufklärungsprogramme – sofern später durch weitere Studien untermauert – gezielter an Berufs- und Lebensphasen anknüpfen könnten. Für die Wissenschaft erhöht sich der Druck, die „Warum“-Frage ursächlich zu lösen: Welche Belastungen in welchen Funktionen konkret zählen, wie Diagnosepfade statistisch korrigiert werden müssen und ob es tatsächlich um Expositionshöhe, Zeitpunkt oder um Wechselwirkungen aus beiden geht.


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