VAASA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der University of Limerick zeigt: In einem virtuellen Büro werden KI-Assistenten mit „weiblicher“ Optik bei identischen Fähigkeiten finanziell schlechter gestellt als männlich präsentierte. Forschende setzten 189 Testpersonen in eine VR-Umgebung und ließen sie reale Geldbeträge zwischen sich und den Agenten aufteilen. Entscheidend war nicht die zugrunde liegende KI, sondern wie der Agent visuell und sozial wahrgenommen wurde. Die Ergebnisse ordnen sich damit in bekannte Muster von Geschlechterbias im Arbeitskontext ein – nur eben mit KI als Interaktionspartner.

Studie: Wie KI-Agenten in VR wegen „weiblicher“ Optik weniger Geld erhalten
Studie: Wie KI-Agenten in VR wegen „weiblicher“ Optik weniger Geld erhalten (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um KI am Arbeitsplatz dreht sich häufig um Leistungsdaten, Kostenmodelle oder die Frage, wie gut Automatisierung menschliche Tätigkeiten ersetzen kann. Dass sich Bias dagegen auch ohne jede „schlechtere“ KI in Richtung Benachteiligung verschieben kann, zeigt eine Untersuchung aus dem Umfeld der University of Limerick. Im Kern geht es um die Wirkung von Design-Entscheidungen bei KI-Assistenten: Wenn ein System für Nutzer wie ein weiblicher oder männlicher Agent wirkt, ändern sich die Erwartungen und damit auch das Verhalten. Genau diese Lücke zwischen technischer Gleichheit und sozialer Ungleichbehandlung steht im Mittelpunkt der Studie, die in einer VR-Experimentanlage getestet wurde.

Die Forschenden ließen 189 Personen in einem virtuellen Büro mit KI-Assistenten arbeiten, die sich in einem Punkt unterschieden: in der „menschlichen“ Darstellung, also ob die Agenten eher weiblich oder männlich wirkten. Die Aufgaben waren arbeitsbezogen, und die Testpersonen sollten die KI-Assistenten einsetzen, um bestimmte Tätigkeiten zu erledigen. Anschließend kam ein Element hinzu, das die Studie von reinem Wahrnehmungs-Testing abgrenzt: Die Teilnehmenden erhielten reales Geld, das sie zwischen sich selbst und dem KI-Agenten aufteilen mussten, abhängig davon, welchen Beitrag sie dem System zuschrieben. Damit wurde die Interaktion in eine Art mikroskopisches Markt- und Vergütungsszenario übersetzt, in dem „Wert“ nicht nur gefühlt, sondern in Zahlungsentscheidungen abgebildet wird.

Das Ergebnis ist dabei besonders klar, weil die zugrunde liegende Technologie in den Varianten gleich blieb. Die KI-Agenten hatten dieselben Basisfähigkeiten, dennoch bekamen Agenten mit weiblicher Erscheinung im Experiment weniger Geld als ihre männlich präsentierten Gegenstücke. Konkret erhielt der männlich präsentierte Agent „Johan“ höhere monetäre Belohnungen als der weiblich präsentierte „Johanna“; die Differenz wird mit 10,25 % beziffert. Interessant ist außerdem, dass der männliche Agent zusätzlich als stärker „menschlich“ wahrgenommen wurde. Diese Kombination aus monetärer Diskriminierung und veränderter sozialer Zuschreibung deutet darauf hin, dass Nutzer nicht primär die technischen Parameter bewerten, sondern die Agenten als soziale Akteure interpretieren – und dabei an vorhandene Stereotype andocken.

Damit rückt ein Problem in den Fokus, das in der KI-Praxis oft unterschätzt wird: Neutralität auf Modell-Ebene bedeutet nicht automatisch Neutralität auf Interaktions-Ebene. Obwohl die KI „unter der Haube“ identisch war, reichte die Darstellung, um Vertrauen, Anerkennung und die Bereitschaft zur monetären Entlohnung zu verschieben. In einem zweiten Teil des Untersuchungsdesigns wurde zudem geprüft, wie stark die „human-like“ Gestaltung das Vertrauen beeinflusst. Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmenden die human-ähnlichen Assistenzsysteme stärker vertrauten und ihnen mehr Beitrag zuschrieben als einem Robotermodus. Gleichzeitig äußerten die Teilnehmenden laut Studienbericht keinen eindeutigen Präferenzunterschied für weibliche oder männliche Attribute – „ihr Verhalten“ lieferte jedoch ein anderes Bild. Genau diese Diskrepanz zwischen Selbstauskunft und tatsächlicher Entscheidung ist in der Sozialforschung ein wiederkehrendes Muster und macht die Ergebnisse für den Produkt- und Betriebsalltag besonders relevant.

Für Unternehmen und KI-Teams stellt sich daraus eine praktische Frage: Welche Design-Parameter in Assistenzsystemen steuern, ob ein Agent als „vertrauenswürdiger Profi“ oder eher als „untergeordnetes Gegenüber“ interpretiert wird? Der Studienansatz macht sichtbar, dass schon die Wahl von Avatar-Eigenschaften und Präsentationsform für Vergütungs- oder Anerkennungslogiken indirekt Folgen haben kann – selbst wenn das Modell technisch identisch trainiert oder orchestriert ist. Historisch betrachtet sind solche Effekte aus dem Bereich Human-Computer Interaction und aus Studien zu algorithmischer Entscheidungsunterstützung bekannt; neu ist hier vor allem die konsequente Kopplung an eine konkrete Zahlungsentscheidung im VR-Kontext, die Bias nicht nur als Meinung, sondern als Verteilung sichtbar macht. Für die KI-Entwicklung heißt das: Evaluierungen sollten nicht bei Accuracy oder Latenz enden, sondern Interaktions- und Erwartungsparameter einbeziehen.

Marktseitig ist die Richtung ohnehin klar: KI-Agenten werden zunehmend in Arbeitsumgebungen integriert – etwa als Co-Pilot für Wissensarbeit, als Assistenz in Ticketsystemen oder als Gesprächspartner in internen Prozessen. Gerade weil diese Systeme häufiger in Rollen eingeführt werden, in denen Anerkennung, Verantwortung und geschäftliche Bewertung eine Rolle spielen, sind Effekte wie „weniger Geld“ oder „weniger Menschlichkeit“ potenziell auch in realen HR- und Controlling-Logiken anschlussfähig. Technisch bedeutet das für Betreiber unter anderem, dass A/B-Tests und Pilotprogramme künftig stärker auf Bias-Indikatoren in der Nutzerinteraktion achten sollten: nicht nur auf Modellmetriken, sondern auf beobachtbares Nutzerverhalten, insbesondere dort, wo Agenten als Leistungsträger wahrgenommen werden. Für Governance heißt das weniger „neue KI-Modelle sofort“, sondern sauberere Design- und Evaluationsroutinen.

Die Studie wird im Rahmen einer Konferenz zum Human-Computer Interaction-Umfeld vorgestellt, und zwar bei der 14. Nordic Conference on Human-Computer Interaction in Vaasa, Finnland, vom 5. bis 7. Oktober. Präsentiert wird dabei ein Paper mit dem Fokus darauf, wie die Gestaltung human-ähnlicher KI-Assistenten in Verbindung mit Designmerkmalen wie dem Erscheinungsbild Vertrauen und monetäre Belohnung in einer VR-Interaktion beeinflusst. Zu den beteiligten Autorinnen und Autoren zählen Isabelle Cuber und Tarek Alakmeh (University of Zurich), Mary Hausfeld (University of Limerick), Anand van Zelderen (SKEMA Business School) sowie Moritz Jenny, Jochen Menges und Thomas Fritz (University of Zurich). Für die nächsten Schritte ist die zentrale Frage, wie robust solche Effekte über weitere Aufgabenarten, Kontexte und organisatorische Rollen hinweg sind und wie schnell sich Designrichtlinien für Avatar- und Interaktionsparameter in der Produktentwicklung etablieren lassen. Wenn KI-Systeme wie „Kollegen“ wahrgenommen werden sollen, dann müssen auch die unbeabsichtigten sozialen Nebenwirkungen dieser Wahrnehmung systematisch mitgedacht werden.


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