LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt: Gerecht verteilte Macht und Aufgaben in Beziehungen senken bei Männern nicht den Sexualwunsch mit Partnerin oder Partner. Stattdessen hängt die Bereitschaft zu Sexualität in Paarbeziehungen in der Stichprobe stärker mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit zusammen. Für den allein gerichteten Sexualtrieb gilt aber ein anderes Muster: Wenn Männer ihre Beziehung als zufrieden und ausgeglichen erleben, sinkt auch die Neigung zu sexueller Selbstbefriedigung. Damit rückt die Forschung die Dynamik zwischen Beziehungserleben, Rollenerwartungen und Sexualverhalten stärker auseinander als viele Alltagsannahmen.

Studie zu Sexualwunsch: Beziehungsgerechtigkeit wirkt bei Männern anders als bei Frauen
Studie zu Sexualwunsch: Beziehungsgerechtigkeit wirkt bei Männern anders als bei Frauen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Vorstellung, männlicher Sexualwunsch sei „automatisch“ und rein körperlich, hält sich in vielen kulturellen Erzählungen hartnäckig. Die aktuelle Veröffentlichung im Journal Psychology & Sexuality widerspricht dieser Simplifizierung: Sie beschreibt männliche Sexualität als mehrschichtig und fragt gezielt danach, wie moderne Beziehungsmuster den Wunsch nach Sex mit Partnerin oder Partner beziehungsweise den allein gerichteten Wunsch beeinflussen. Im Kern geht es um zwei getrennte Formen von Begehren: dyadischen Wunsch, der auf Sexualhandlungen mit einer anderen Person zielt, und solitären Wunsch, der das Interesse an sexuellen Aktivitäten allein erfasst.

Historisch war der Forschungsfokus bei männlicher Sexualität häufig eng gesteckt. Eine frühere Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019, verfügbar über Sexual Medicine Reviews, ordnete das Thema vor allem als biologisch getriebenes Zusammenspiel ein – unter anderem mit Blick auf hormonelle Größen und physiologische Reaktionsmuster. Genau diese Perspektive, so die neue Studie, lässt wenig Raum dafür, wie Emotionen, wahrgenommene Beziehungsgüte oder das soziale Umfeld die eigene Sexualität mitformen können. Für die Praxis ist das relevant, weil daraus andere Hebel für Aufklärung, Beratung oder Therapie folgen könnten als bei einem rein „körperorientierten“ Verständnis.

Als theoretischer Anker dient zudem ein 2018 vorgeschlagenes relationales Rahmenmodell, das Sexualwunsch nicht nur als Folge biologischer Zustände betrachtet, sondern als Ausdruck emotionaler und partnerschaftlicher Erfahrungen. Die Arbeit nutzt dabei die Aufteilung in dyadischen und solitären Wunsch und macht vergleichbar, was sonst oft vermischt wird. Die aktuelle Studie setzt genau hier an: Sie prüft, ob die in früheren Befunden bei Frauen beobachteten Zusammenhänge zwischen Beziehungsgerechtigkeit, Zufriedenheit und Sexualwunsch sich spiegelbildlich bei Männern finden lassen. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass dies nicht nur akademisch ist: Wenn sich die Mechanismen unterscheiden, kann das die Art und Weise verändern, wie Paare über Sexualität kommunizieren und wie Unterstützung in Beziehungen ansetzt.

Methodisch basiert die Untersuchung auf einer Online-Umfrage mit 118 cisgeschlechtlichen Männern in Australien, im Alter von 18 bis 39 Jahren (Durchschnitt 28). Der Fragebogen erhob, wie stark der dyadische Wunsch und wie stark der solitäre Wunsch im vergangenen Monat ausgeprägt waren. Dyadischer Wunsch wurde dabei unter anderem über die Häufigkeit sexueller Gedanken mit Partnerbezug operationalisiert, solitär über die Stärke des Wunsches nach sexuellen Aktivitäten allein. Außerdem erfasste die Studie, wie Macht und Verantwortlichkeiten verteilt sind, um zwei Gruppen zu bilden: 101 Männer berichteten über eine gleichmäßige Balance, 17 über eine ungleiche Verteilung, in der entweder die befragte Person oder die Partnerperson mehr Kontrolle innehatte. Ergänzend kamen Skalen zur Beziehungszufriedenheit hinzu, etwa zu emotionaler Nähe und Kommunikationsqualität, sowie ein Messinstrument zu traditionellen Männlichkeitsnormen mit Zustimmung zu Erwartungen wie Selbstständigkeit, emotionaler Zurückhaltung oder sexueller Dominanz.

Bei der Auswertung zeigte sich ein bemerkenswerter Bruch mit dem Muster, das aus Analysen zu Frauen bekannt ist. Beziehungsgerechtigkeit – also die Balance in Macht und Verantwortlichkeiten – wirkte sich in dieser Stichprobe nicht messbar auf den dyadischen Sexualwunsch aus: Es gab weder direkte noch indirekte Zusammenhänge zwischen Balance, Beziehungszufriedenheit und dem Wunsch, Sex mit einer Partnerperson zu haben. Stattdessen trat in der Studie ein anderer Zusammenhang deutlicher hervor: Traditionelle Männlichkeitsüberzeugungen gingen mit stärkerem dyadischen Begehren einher. Die Autorin Simone Buzwell ordnet die Ergebnisse entsprechend ein: „What people can take away from the study is relationship factors do not impact on men’s sexual desire in the same way as female sexual desire, “ sagte sie. „This suggests, for men, their dyadic desire may rely more on physiological needs rather than emotional ones.“

Gleichzeitig erklärt die Studie, warum „Beziehungsfaktoren“ dennoch eine Rolle spielen – allerdings anders als beim Partnerbezug. Für den solitären Wunsch zeigte sich ein klareres Bild: Männer mit gleichmäßiger Beziehungsmacht berichteten deutlich höhere Beziehungszufriedenheit, und diese höhere Zufriedenheit sagte voraus, dass der allein gerichtete Sexualwunsch geringer ausfiel. Anders formuliert: Wenn Männer sich in der Partnerschaft zufrieden und fair behandelt fühlten, sank ihre Neigung zur Selbstbefriedigung. Buzwell bringt das mit einer zusätzlichen Nuance auf den Punkt: „When men were satisfied with their relationship and felt their relationship was equitable, their solo desire decreased, so they felt less need to self-satisfy.“ Sie ergänzt: „This also implies that when men are unhappy in their relationship they turn their focus inwards onto their own sexual needs, rather than try to find sexual satisfaction with their partner.“ Dass die Dynamik damit nicht „für alles gilt“, sondern je nach Art des Begehens variiert, gehört zu den zentralen Erkenntnissen.

Weitere Muster, die die Autorinnen und Autoren berichten, zeigen, wie stark Kontext und Rollenbilder ineinandergreifen können. Heterosexuelle Männer wiesen in der Stichprobe höheren dyadischen Wunsch auf, nicht-heterosexuelle Männer hingegen höheren solitären Wunsch. Außerdem hing die Beziehungszufriedenheit bei Männern mit der Frage nach Kindern zusammen: In dieser Erhebung war sie bei Vätern höher, und das wirkte sich nicht negativ auf das Ausmaß von Sexualwunsch aus. Die Studie verweist damit indirekt auf Unterschiede zu Befunden, wonach bei Frauen Betreuungs- und Pflegeverantwortung häufig sowohl Beziehungszufriedenheit als auch Sexualwunsch dämpfen kann. Als mögliche Erklärung macht Buzwell Erwartungsskripte rund um Heterosexualität und geschlechtsspezifische Normen plausibel: Bestimmtes sexuelles Interesse könne als „Beweis“ für die eigene Orientierung gelesen werden, während zu viel Fokus auf Selbstbefriedigung als Abweichung von Normen interpretiert werden könne.

Für die Einordnung bleibt jedoch wichtig, welche Grenzen die Methode setzt. Die Studie arbeitet mit einer relativ kleinen, nicht repräsentativen Convenience-Stichprobe, zudem war der Großteil der Befragten in gleich fairen Beziehungen; für stärkere Power-Imbalances gibt es dadurch weniger Datengrundlage. Auch Selbstauskünfte können durch soziale Erwünschtheit verzerrt sein: So könnten Männer ihre Zustimmung zu traditionellen Männlichkeitsnormen heruntergespielt oder Beziehungsgleichheit „besser“ dargestellt haben. Schließlich erhebt die Umfrage Daten zu einem Zeitpunkt, sodass sich nicht sauber feststellen lässt, ob Beziehungszufriedenheit tatsächlich die Abnahme des solitären Wunsches verursacht oder ob die Richtung des Zusammenhangs auch umgekehrt sein kann. Für zukünftige Forschung empfehlen die Autorinnen und Autoren größere und diversere Gruppen sowie idealerweise auch Perspektiven beider Partner, um Balance nicht nur aus einer Sicht zu messen. Für den Alltag ergibt sich dennoch ein praktischer Hinweis: Wer Sexualität im Beratungskontext oder in der Paardynamik besprechen will, sollte nicht dieselben Faktoren für alle Formen des Wunsches annehmen – bei Männern trennt die Studie zwischen dem, was den Partnerbezug stärkt, und dem, was den Drang zur Selbstbefriedigung reduziert.


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