LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie mit brasilianischen Zwillingen zeigt, dass die eigene Überzeugung, kreativ zu sein, nur moderat genetisch mitgeprägt ist. Für künstlerische Selbstannahmen liegen der genetische Anteil bei rund 22 %, für praktische bei etwa 21 %. Den weitaus größeren Teil erklären einzigartige Lebensereignisse, während gemeinsame Familienumwelt statistisch kaum eine Rolle spielt. Damit rückt nicht „Talent“ im engeren Sinn, sondern Biografie und Umfeld für die Entwicklung kreativer Selbstbilder in den Fokus.

Studie zu Zwillingen: Vererbung prägt kreative Selbstüberzeugung nur zum Teil
Studie zu Zwillingen: Vererbung prägt kreative Selbstüberzeugung nur zum Teil (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer sich als kreativ einschätzt, entscheidet im Alltag oft mit darüber, ob Ideen ausprobiert werden oder ob man bei Hürden schnell aufgibt. Genau diese „creative self-beliefs“ nimmt eine aktuelle Zwillingsstudie aus Brasilien genauer unter die Lupe: Sie fragt nicht nach objektiven kreativen Leistungen, sondern danach, wie stark Menschen ihre eigenen künstlerischen und praktischen Einfälle für sich selbst als möglich ansehen. Die im Journal Personality and Individual Differences veröffentlichte Arbeit liefert damit ein anderes Bild als viele Ratgeberdebatten über „angeborene Kreativität“ – denn sie trennt genetische Beiträge von den Effekten, die aus individuellen Erfahrungen entstehen.

Der technische Kern solcher Untersuchungen liegt in einem klassischen Design der Verhaltensgenetik. Forschende vergleichen eineiige Zwillinge, die nahezu identische DNA teilen, mit zweieiigen Zwillingen, die im Schnitt nur etwa die Hälfte ihrer Gene gemeinsam haben. Daraus lässt sich der relative Anteil von Genetik und Umwelt ableiten – wobei die Umwelt in geteilte Faktoren (z. B. aufgewachsen im selben Haushalt) und nicht geteilte Faktoren (z. B. unterschiedliche Freundeskreise, Mentoren oder Hobbys) zerlegt wird. Interessant ist hier die definitorische Verschiebung: Kreativität wird in der Studie als Fähigkeit verstanden, originelle und zugleich nützliche Ideen auf Anforderungen oder soziale Herausforderungen zu beziehen, aber gemessen wird die subjektive Selbsteinschätzung dieser Kreativität, nicht die tatsächliche Produkterstellung.

Die Datengrundlage umfasst 196 Teilnehmende in 98 Zwillingspaaren, davon 79 Paare eineiiger Zwillinge und 19 Paare zweieiiger Zwillinge. Die Stichprobe besteht überwiegend aus Frauen, meist jungen Erwachsenen und kommt primär aus mittelständischen Gruppen in Brasilien. Laut Studienaufbau wurden Daten in zwei Phasen erhoben: 74 Paare besuchten vor der Pandemie ein Labor für umfangreiche psychologische und körperliche Erhebungen, weitere 24 Paare nahmen später online teil. Als Messinstrument dient ein kurzes Fragebogen-Set: Die Teilnehmenden bewerteten ihre eigene künstlerische Kreativität und ihre praktische Kreativität auf einer 11-stufigen Skala von 0 bis 10; zusätzlich wurde die allgemeine Neugier mit derselben Skala erfragt. Anschließend nutzten die Forschenden statistische Modelle, um die Varianz zu quantifizieren, die sich auf Genetik, geteilte Familienumwelt und nicht geteilte individuelle Erfahrungen zurückführen lässt.

Die Ergebnisse sind in ihrer Größenordnung eher gedämpft, aber gut interpretierbar. Für die künstlerischen kreativen Selbstüberzeugungen erklären genetische Faktoren rund 22 % der Varianz; für praktische kreative Selbstüberzeugungen liegt der genetische Anteil bei knapp 21 %. Wenn beide Dimensionen zu einem allgemeinen Faktor für kreative Selbstüberzeugungen zusammengeführt werden, steigt der genetische Schätzwert auf etwa 24 %. Anders gesagt: Etwa ein Fünftel der Unterschiede darin, wie kreativ sich die Befragten fühlen, lässt sich in dieser Stichprobe auf Unterschiede in der genetischen Ausstattung zurückführen. Der Rest – und damit der deutlich größere Anteil – wird in „nicht geteilten“ Umweltfaktoren sichtbar: Die Studie beziffert sie für künstlerische Selbstüberzeugungen mit etwa 78 % und für praktische mit etwa 79 %. Geteilte Umweltfaktoren wie gemeinsame Eltern oder derselbe Haushalt zeigten demnach keinen statistisch signifikanten Effekt; das Modell für die separate Neugierfrage passte zudem nicht gut zu den Daten, sodass diese Befunde nicht als robust interpretiert wurden.

Ein möglicher Grund, warum solche Prozentzahlen für die Praxis trotzdem wichtig sind, liegt in der Konsequenz für Interventionen. Wenn genetische Anteile existieren, bedeutet das nicht „Schicksal“, sondern eine Tendenz: In einer gegebenen Population erklären Gene vor allem Unterschiede zwischen Personen, nicht aber, was sich innerhalb einer Person im Verlauf ihres Lebens durch neue Erfahrungen verändern lässt. Genau diese Logik spiegelt die Argumentation des Studienleiters Marco Antonio Corrêa Varella wider, der im Text betont: „How one considers oneself as creative varies among people, and we found that in a small and unrepresentative sample of Brazil, about a quarter and a fifth of this interpersonal variation is due to genetic factors, “ und weiter: „The majority of this individual variation is due to each one’s unique individual environment (the one not shared with our siblings or no one else).“ Für Organisationen, die Kreativität fördern wollen, heißt das übersetzt: Trainings, Feedbackschleifen und Mentoring wirken vermutlich weniger als „Gen-Korrektur“, sondern als gezielte Verstärker dessen, was ohnehin nicht geteilt ist – also persönliche Lernwege.

Die Studie selbst mahnt allerdings zur Vorsicht: Die Stichprobe ist relativ klein, besonders bei zweieiigen Zwillingen (nur 19 Paare). Das verschiebt die statistische Präzision; die veröffentlichten Schätzungen sind daher als vorläufige Annäherungen zu verstehen. Hinzu kommt ein methodischer Kompromiss: Kreativität und Selbstüberzeugung wurden über Single-Item-Fragen erfasst. Varella erklärt hierzu: „Because we had little access to twins and little time with them, we had to compromise and use only a single item question about creativity self-belief, “ und verweist darauf, dass solche Kurzskalen die Komplexität menschlicher Kreativität nicht vollständig abbilden. Außerdem gilt grundsätzlich: Selbstratings der Kreativität müssen nicht exakt mit objektiven Tests kreativ-kognitiver Aufgaben übereinstimmen, weil kulturelle Normen etwa zu Bescheidenheit, Selbstwert oder dem sozialen Verständnis davon, was als „kreativ“ zählt, hineinspielen können.

Für die Einordnung ist auch der regionale Kontext relevant. In der Verhaltensgenetik basiert viel Wissen lange auf nordamerikanischen und europäischen Stichproben; eine 2024er Übersichtsarbeit hebt laut den Angaben in der Studie einen regionalen blinden Fleck hervor. Die neue Arbeit ergänzt diese Lücke, indem sie erstmals genetisch-statistische Schätzungen zum kreativen Selbstbild in einer südamerikanischen Population liefert. Für die nächsten Schritte schlagen die Autorinnen und Autoren Kombinationen vor, bei denen Selbstberichte mit Aufgaben zur Kreativitätsproduktion zusammenlaufen – etwa das Generieren alternativer Nutzungen für Alltagsobjekte oder das Bewerten kreativer Produkte durch unabhängige Beurteiler. Gleichzeitig wäre eine Vergrößerung und Diversifizierung der Stichproben über Lateinamerika hinaus entscheidend, um zu klären, wie kulturelle und bildungsbezogene Chancen mit genetischen Prädispositionen interagieren. Die Leitfrage verschiebt sich damit weg von „Ist Kreativität vererbbar?“ hin zu „Welche Erfahrungspfade verstärken kreatives Selbstbild – und bei wem wirken sie wie?“


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