GÜTERSLOH / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Religionsmonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung ordnet ein gemischtes Bild: Der gesellschaftliche Zusammenhalt hat sich nach Jahren des Rückgangs wieder verbessert. Gleichzeitig bleibt das Vertrauen in die Bundesregierung mit nur 37 Punkten deutlich schwach. Besonders auffällig ist das Gerechtigkeitsempfinden mit 25 Punkten als niedrigstem Wert seit 2017. Für die Politik folgt daraus vor allem die Forderung, Bürgerinnen und Bürger frühzeitiger und wirksamer mitzunehmen.

Die Ergebnisse des Religionsmonitors 2026 zeichnen weniger das Bild einer völlig zerfallenden Gesellschaft als das einer Stimmung mit Rissen: Der soziale Zusammenhalt hat nach einem starken Rückgang in den Jahren 2020 bis 2023 wieder zugelegt. Gleichzeitig bleibt das Verhältnis zwischen Staat und Bevölkerung spürbar belastet. Der Blick auf die Skala von 0 bis 100 wirkt dabei wie ein Stimmungsbarometer mit zwei Gesichtern, denn während mehrere Indikatoren für gelebte Beziehungen und Bereitschaft zur Verantwortung nach oben zeigen, bleiben zentrale Vertrauensaspekte in der Regierungsleistung unten.
Gemessen wurde das Ganze laut Stiftung durch eine repräsentative Erhebung des Infas-Instituts im März: Befragt wurden 5.231 Erwachsene. Die Stiftung berichtet dabei über neun Indikatoren, die zusammen den sozialen Zusammenhalt abbilden. Von 46 Punkten im Jahr 2023 sind die Werte auf 51 Punkte gestiegen. In der Praxis bedeutet das: Viele Befragte verfügen offenbar über stabile soziale Beziehungen und zeigen Bereitschaft, Verantwortung für andere und das Gemeinwohl zu übernehmen. Politisch sichtbarer ist das Interesse an Reformen oder Debatten, denn das politische Interesse wird mit 65 Punkten hoch eingeordnet.
Trotz dieser Aktivierung fehlt jedoch das Vertrauen in die staatliche Handlungsfähigkeit. Das Vertrauen in die Bundesregierung bleibt laut Bericht wie bereits 2023 bei 37 Punkten, also im schwachen Bereich. Noch deutlicher wird die Kluft beim Gerechtigkeitsempfinden: Mit 25 Punkten liegt es demnach auf dem niedrigsten Wert seit Beginn der Untersuchungen im Jahr 2017. Die Fragestellung richtet sich dabei auf die Einschätzung, ob wirtschaftliche Gewinne „im Großen und Ganzen“ gerecht verteilt werden. Gerade dieser Punkt ist technologisch und organisatorisch interessant, weil Gerechtigkeitswahrnehmung häufig weniger an abstrakten Prinzipien hängt als an der konkreten Umsetzung: Wie Regeln ausgelegt werden, wie Entscheidungen begründet werden und wie schnell Rückmeldungen bei Betroffenen ankommen.
Der Religionsmonitor verknüpft diese Befunde außerdem mit der Rolle von Religiosität als sozialer Ressource. Stiftungsexpertin Yasemin El-Menouar erläutert, dass Religiosität einen positiven Einfluss auf den Zusammenhalt haben kann, etwa weil sie soziale Beziehungen stärkt, Hilfsbereitschaft fördern und Menschen zum Engagement motivieren kann. Entscheidend sei dabei weniger die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, sondern die „gelebte religiöse Praxis“ und die soziale Einbindung. Diese Differenzierung ist besonders relevant, wenn man den gesellschaftlichen Zusammenhalt als Ergebnis von Netzwerken versteht: Nicht die formale Mitgliedschaft zählt allein, sondern ob Menschen über dauerhafte Strukturen Kontakt, Unterstützung und gemeinsame Handlungsanlässe erleben.
In den Hintergrund gehört dabei auch die Entwicklung der letzten Jahre, die im Bericht als Belastungskette beschrieben wird. Klimawandel, Pandemie, Kriege, politische Radikalisierung und wirtschaftliche Unsicherheiten hätten den gesellschaftlichen Zusammenhalt seit Jahren unter Druck gesetzt. Dass sich der Zusammenhalt dennoch insgesamt verbessert hat, spricht dafür, dass bestimmte Alltagsnetzwerke und soziale Routinen stabilisierender wirken als die alleinige Wahrnehmung politischer Schlagzeilen. Gleichzeitig zeigen die schwachen Werte bei Vertrauen und Gerechtigkeit, dass Krisenerfahrungen nicht nur „Antrieb“ erzeugen, sondern auch Skepsis gegenüber staatlichen Versprechen. Genau hier liegt die Angriffsfläche für Reformen: Wenn Menschen den Eindruck haben, dass Kosten und Nutzen nicht fair verteilt werden, sinkt die Bereitschaft, neue Maßnahmen langfristig mitzutragen.
Für Politik und Verwaltung leitet die Stiftung daraus konkrete Anforderungen ab. Sie fordert ein „neues konstruktives Miteinander“, in dem Politik berechtigte Anliegen von Bürgerinnen und Bürgern berücksichtigt und Belastungen durch Reformen fair gestaltet. Außerdem sollen Entscheidungen besser erklärt werden: verständlicher, frühzeitiger und wirksamer als bisher. Praktisch meint das nach Darstellung der Stiftung, dass soziale Orte dauerhaft gesichert werden müssen, etwa Nachbarschaftszentren, Bibliotheken, auch Kultur- und Jugendzentren sowie Sportvereine. Solche Orte funktionieren in der Regel als Kommunikations- und Begegnungsinfrastruktur, also als nicht-kommerzielle Plattformen für Austausch. In Zeiten, in denen öffentliche Debatten häufig über kurze, stark polarisierende Informationsimpulse laufen, können sie helfen, Nuancen wieder erfahrbar zu machen und Dialog in den Alltag zu verlagern.
Der Markt- und Umsetzungsbezug ist dabei nicht nur politisch, sondern auch organisatorisch. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen, die Bürgernähe ernst nehmen, stehen ohnehin vor der Frage, wie sich Vertrauen in komplexen Reformumfeldern aufbauen lässt. Der Religionsmonitor liefert dafür ein klares Signal: Selbst bei verbessertem Zusammenhalt bleiben Vertrauen in die Regierung und Gerechtigkeitsgefühl die schwächsten Glieder. Daraus ergibt sich eine Art Prioritätenliste für Kommunikations- und Beteiligungsstrategien. Wenn Entscheidungen nicht nur veröffentlicht, sondern nachvollziehbar begründet und durch Beteiligungsformate begleitet werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Reformen ausschließlich als Zumutung wahrgenommen werden. Ob und wie stark sich das Gerechtigkeitsempfinden dadurch mittelfristig stabilisieren lässt, bleibt zwar offen, doch der Bericht setzt einen messbaren Ankerpunkt.
Für die nächste Phase ist entscheidend, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen in der Breite ankommen: Beteiligung muss nicht als einmaliges Event gedacht sein, sondern als wiederkehrender Prozess, der Rückmeldungen auch tatsächlich aufnimmt. Gerade weil das Gerechtigkeitsempfinden mit 25 Punkten als niedrigster Wert seit 2017 markiert wird, reicht wahrscheinlich weder reine Information noch symbolische Konsultation. Der Religionsmonitor macht damit ein gesellschaftliches Dilemma sichtbar: Zusammenhalt lässt sich teilweise durch soziale Stabilität stärken, Vertrauen in staatliches Handeln und Fairnesswahrnehmung jedoch brauchen konsistente, überprüfbare Kommunikation und gerechte Lastenverteilung. Das „konstruktive Miteinander“ wird so zu einer Daueraufgabe, die sowohl politische Entscheidungen als auch deren Umsetzung in Verwaltungspraxis betrifft.
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