LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung von Gesundheits- und Kriminalitätsdaten zeigt eine auffällige Saisonalität: Sowohl Suizidtote als auch Mass shootings erreichen ihren Höhepunkt im Hochsommer und fallen im Winter auf das Minimum. Die Analyse der Jahre 2014 bis 2021 kommt für Suizid auf einen Peak um den 23. Juni und für Mass shootings auf einen Peak um den 3. Juli. Besonders der relative Anstieg bei Mass shootings zwischen Wintertief und Sommermaximum ist mit 613 Prozent deutlich. Die Forschenden betonen, dass die Synchronität keine Ursache-Wirkung beweist, aber auf gemeinsame psychologische und umweltbedingte Auslöser hindeuten könnte.

Studie zur Saisonalität: Mass shootings und Suizide steigen zur Sommerzeit parallel
Studie zur Saisonalität: Mass shootings und Suizide steigen zur Sommerzeit parallel (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um Ursachen von Mass shootings bekommt durch eine neue, datenbasierte Arbeit eine zusätzliche zeitliche Dimension. Anstatt allein nach individuellen Risikofaktoren zu suchen, betrachten Mark É. Czeisler und Charles A. Czeisler die Frage, ob sich solche Ereignisse in einem wiederkehrenden Jahresmuster zeigen – und vergleichen das mit dem, was man aus der Suizidforschung seit Langem kennt. Ausgangspunkt ist ein klinisch relevantes Paradox: Stimmung und Depression wirken im Winter oft am schwersten, doch Suizidsterblichkeit folgt einem gegenläufigen Rhythmus und ist typischerweise im Sommer höher. Genau diese Unstimmigkeit nehmen die Forschenden zum Anlass, die Saisonalität von Mass shootings auf eine ähnliche Logik zu prüfen.

Technisch beruht die Untersuchung auf einem kontrollierten Vergleich von Zeitreihen. Die Daten decken den Zeitraum vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Oktober 2021 ab. Für Mass shootings nutzte das Team Datensätze aus dem Gun Violence Archive, das Informationen aus Berichten von Strafverfolgungsbehörden, Regierungsquellen und Medien aggregiert. Für Suizidtote stützten sie sich auf die Sterblichkeitsdaten der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Insgesamt gingen 3.305 Mass shootings und 360.827 Suizidsterbefälle in die Auswertung ein. Um nicht nur zufällige Schwankungen zu sehen, standardisierten die Forschenden die Monatslängen und trennten mit statistischen Modellen saisonale Effekte von langfristigen Trends, sodass der „Rhythmus“ über den Kalender sichtbar wird.

Das Ergebnis ist bemerkenswert synchron. Sowohl Suizidsterblichkeit als auch Mass shootings erreichen dem Modell zufolge jeweils ihren Höhepunkt zur Mitte des Sommers und fallen im Zeitraum um die Mitte des Winters auf die niedrigsten Werte. Als grobe Orientierung nennen die Autoren einen jährlichen Peak der Suizidtote um den 23. Juni und für Mass shootings einen nur wenige Tage später liegenden Peak um den 3. Juli. Über die Monate Juni, Juli und August liegt die durchschnittliche Zahl beider Ereignistypen erhöht, während Dezember, Januar und Februar die niedrigsten Werte zeigen. Die relativen Unterschiede fallen bei Mass shootings besonders stark aus: Verglichen wurde das Sommermaximum mit dem Winterminimum, wobei das Team einen geschätzten relativen Anstieg von 613 Prozent für Mass shootings ermittelt. Absolut entspricht das einer Veränderung von etwa 4,4 Mass shootings pro standardisiertem Monat im Wintertief auf 31,3 im Sommerpeak. Bei Suiziden ist der relative Effekt kleiner, aber ebenfalls messbar: 12 Prozent mehr, von rund 3.439 Toten pro Monat im Winter auf 3.845 im Sommer.

Auch der Blick auf einzelne Jahre liefert zusätzliche Einordnung, ohne den Befund zu entkräften. Die Autoren berichten, dass das saisonale Muster zwischen 2014 und 2019 weitgehend stabil blieb. Für 2020 wird hingegen eine Verschärfung des Sommeranstiegs bei Mass shootings beschrieben, während der Suizid-Peak im Vergleich zur üblichen Ausprägung kleiner ausfiel. Als mögliche Erklärung nennen die Forschenden die sozialen Disruptionen und akute Stressoren in der frühen COVID-19-Pandemie, die typische Muster selbst- und fremdgerichteter Gewalt beeinflusst haben könnten. Damit wird zugleich klar, warum Zeitreihenanalysen so wertvoll sind: Sie zeigen nicht nur „dass“ ein Muster existiert, sondern geben Hinweise darauf, wann es stärker oder schwächer sichtbar ist.

Wichtig ist jedoch die wissenschaftliche Zurückhaltung. Die Forschenden argumentieren, dass die Synchronisierung mit der Hypothese konsistent sein könnte, wonach viele Mass shootings eine extern gerichtete Manifestation von Suizidalität darstellen. Mark É. Czeisler stellt dabei ausdrücklich klar, dass die Studie keine Kausalität nachweist: Aus der Tatsache, dass beide Ereignistypen im Jahresverlauf gemeinsam auf- und absteigen, folgt nicht, dass Suizide Mass shootings verursachen oder umgekehrt. Für die Einordnung der Mechanismen schlagen die Autoren stattdessen einen „Trigger“-Rahmen vor: Sommertypische soziale Anforderungen, höhere Temperaturen und biologische Effekte könnten bei vulnerablen Personen das Risiko für extreme Handlungen erhöhen. Um das präziser zu machen, wären laut den Autoren weitere Analysen über demografische Gruppen und Umweltrahmen hinweg sinnvoll – etwa Vergleiche zwischen Nord- und Südhalbkugel, wo Jahreszeiten im Kalender spiegelverkehrt verlaufen.

Für die Praxis im Public-Health- und Sicherheitsumfeld steckt in der Arbeit vor allem Planungsrelevanz. Wenn Gesundheitssysteme, Krisendienste und Trauma-Zentren im Juni bis August mit höheren Belastungsspitzen rechnen müssen, kann das Ressourcenplanung und Einsatzplanung unterstützen. Ebenso lassen sich Präventionsprogramme zeitlich besser takten: Nicht erst im akuten Peak, sondern in der Vorphase, also gegen Ende des Frühjahrs, könnten Angebote zur Suizidprävention, sichere Aufbewahrung von Schusswaffen und niedrigschwellige Krisenhilfen verstärkt werden. Gleichzeitig bleiben methodische Grenzen: Da es in den USA keine offizielle nationale Mass-shootings-Datenbank gibt, hängt die Zählung an einer Definition, wie sie das verwendete Archiv abbildet, und damit kann die exakte Inzidenz je nach Definition leicht variieren. Für Suiziddaten in 2021 weist das Team zudem auf eine vorläufige Erfassung hin, die durch Meldeverzögerungen zu einer Unterzählung führen könnte. Vor diesem Hintergrund liefert die Studie vor allem eines: einen wiederkehrenden Kalenderhinweis, der Risikoabwägungen und Präventionsprioritäten strukturieren kann, ohne vorschnelle Ursache-Wirkung-Erklärungen zu behaupten. Veröffentlicht wurde die Arbeit als „Seasonality of Mass Shooting Events and Deaths by Suicide in the United States, 2014 to 2021“ im Journal of Biological Rhythms.


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