LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei neue Studien in JAMA Network Open zeigen, dass über ein Viertel der Befragten mindestens einmal falsche oder übertriebene Symptome nannte, um Antibiotika zu bekommen. Besonders häufig ging es um Erkältungsbeschwerden, die typischerweise viral sind. In den meisten Fällen führten die Aussagen tatsächlich zu einem Rezept: 77 % der Erwachsenen und 87 % der Betreuungspersonen gaben an, dass es „funktioniert“ hat. Die Ergebnisse verschieben damit die Diskussion von der Verantwortung einzelner Verordner hin zu Kommunikation, Aufklärung und Vertrauen im Behandlungsalltag.

Wenn Patientinnen und Patienten Symptome übertreiben oder sogar erfinden, geht es im Alltag oft weniger um medizinisches Kalkül als um Handlungsdruck: Die Beschwerden sollen schnell ernst genommen werden, und die erhoffte Lösung heißt in vielen Fällen „Antibiotika“. Genau dieses Muster beleuchten zwei neue Studien, die in JAMA Network Open veröffentlicht wurden und in einem gemeinsamen Strang zeigen, wie häufig es vorkommt und welche Art von „Deception“ dabei typischerweise eine Rolle spielt. Besonders auffällig: Die falschen Angaben richteten sich sehr oft auf Krankheitsbilder, bei denen Antibiotika nach dem üblichen medizinischen Verständnis kaum helfen.
Die Forschenden um Alistair Thorpe von der University of Utah haben dafür Online-Umfragedaten von insgesamt über 1.000 Erwachsenen ausgewertet. In den Ergebnissen berichtet mehr als ein Viertel der Teilnehmenden, mindestens einmal gegenüber einer klinischen Fachperson gelogen zu haben, um selbst Antibiotika zu erhalten oder für ein Kind in der eigenen Betreuung ein Rezept zu bekommen. Die „Lügen“ bestanden dabei nicht nur aus übertriebenen Angaben, sondern teils aus komplett ausgedachten Symptomen – am häufigsten jedoch aus einer Mischung aus beidem. In der Studie taucht außerdem ein konkretes Beispielbild auf: Viele der häufigsten falschen Symptome ähnelten denen von Erkältungen wie Fieber, Husten und Halsschmerzen, obwohl Erkältungen in der Regel durch Viren verursacht werden und Antibiotika daher nicht die richtige Behandlung sind.
Noch schärfer wird die Aussage durch einen zweiten Blick auf die Wirkung solcher Aussagen: Die Daten deuten nicht nur auf Dishonesty bei Patientinnen und Patienten hin, sondern spiegeln auch ein nahezu pragmatisches Antwortmuster im klinischen Prozess. Laut Studie führten die falschen bzw. übertriebenen Angaben in den meisten Fällen tatsächlich zum gewünschten Ergebnis. Konkret gaben 77 % der erwachsenen Patienten und 87 % der Betreuungspersonen an, dass die Taktik „funktionierte“ und sie dadurch eine Antibiotikaverschreibung erhielten. Das ist für das Thema „Antibiotic Stewardship“ relevant, denn Stewardship setzt nicht ausschließlich am Rezept an, sondern an der gesamten Kette aus Anamnese, Risikoeinschätzung, Kommunikation und Diagnosebestätigung.
Die zweite Studie vertieft außerdem, wie die Befragten ihre Symptome ausformulierten und aus welchen Kontextmotiven das Lügenbild entsteht. Für den Hauptteil wurden 1.371 Antworten überprüft; als gültig blieben 959 vollständig ausgefüllte Datensätze. Von diesen berichteten 268 Teilnehmende (28 %) über misrepresenting symptoms. Davon entfielen 108 Fälle auf das reine Übertreiben, 19 auf das reine Erfinden und 141 auf beides. Bei der getrennten Analyse von 263 Betreuungspersonen, die ausdrücklich als Caregivers identifiziert waren, meldeten 63 Personen (27 %) entsprechende Falschangaben für die Kinder. Als typische Gründe tauchten u. a. das Gefühl auf, die Erkrankung sei besonders schwer, die Überzeugung, Antibiotika seien „die einzige Hilfe“, oder auch die Erwartung, schneller wieder Aufgaben wie Arbeit oder Schule übernehmen zu können. Ebenfalls genannt wurden Fragen nach Autonomie und wahrgenommener Kompetenz: Manche Befragte gingen davon aus, sie wüssten besser als die behandelnde Person, wie ihr Gesundheitszustand einzuschätzen sei.
Bemerkenswert ist dabei, wie die Kommentare zur klinischen Tragweite das Thema in Richtung Diagnoselogik und Entscheidungsrisiko drehen. Jeffrey Linder von der Northwestern University Feinberg School of Medicine hebt in seinem begleitenden Kommentar hervor, dass die genannten Kategorien keine verlässlichen Indikatoren für Antibiotika seien. Aus den angebotenen Kategorien sei im Grunde nur ein Bereich eindeutig geeignet, eine Antibiotikagabe zu begründen – nämlich Harnwegsbeschwerden. Linder ordnet zugleich ein, dass es zwar Situationen gibt, in denen respiratorische Infektionen auch bakteriell sein können (etwa bestimmte akute Sinusinfektionen, Streptokokken-Pharyngitis oder Pneumonie), die jedoch spezifische klinische Leitplanken und häufig auch bestätigende Tests benötigen. Für den Praxisalltag heißt das: Selbst wenn Symptome wie „Fieber plus Husten plus Halsschmerzen“ plausibel klingen, entscheidet nicht die Plausibilität allein, sondern die Wahrscheinlichkeit im klinischen Kontext und die diagnostische Absicherung.
Dass hier mehr als nur eine individuelle Fehleinschätzung betroffen ist, unterstreicht die zweite Ebene: Antibiotika-Fehlgebrauch kann die Entwicklung und Ausbreitung resistenter Erreger fördern. In der Berichterstattung wird dazu auf einen aktualisierten CDC-Report zu antimikrobiellen Resistenzbedrohungen verwiesen, wonach in den USA jährlich 9,7 Millionen Infektionen und 50.800 Todesfälle auf drug-resistant Bakterien und Pilze zurückgehen. Linder führt als zusätzlichen, weniger quantifizierbaren Punkt die mögliche „Erosion des Vertrauens“ zwischen Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzten an: Wenn Patientenseite und Behandlerseite jeweils Erwartungen haben, die am Ende nicht zusammenpassen, wird die Kommunikation selbst zum Risikofaktor. Unnötige Antibiotika bringen keinen Nutzen, sondern erhöhen das Risiko für Nebenwirkungen, allergische Reaktionen und können das Mikrobiom so stören, dass opportunistische Erreger wie Clostridioides difficile leichter Fuß fassen.
Für Krankenhäuser, Hausarztpraxen und jedes Team in der ambulanten Versorgung ergibt sich daraus eine klare Gestaltungsaufgabe. Thorpe und Kolleginnen und Kollegen fordern explizit Strategien, um Kommunikation über Antibiotika zu verbessern, Verständnis für eine angemessene Anwendung zu fördern und die Beziehung zwischen Patient und Behandler zu stärken. Praktisch bedeutet das: Die Diagnoseentscheidung braucht nicht nur Leitlinien, sondern auch Gesprächsführung, die Sorgen ernst nimmt, ohne die medizinische Logik zu übergehen. Wer in der Anamnese erkennt, dass es um „Symptomdruck“ geht, kann gezielter erklären, weshalb bei viral geprägten Verläufen andere Maßnahmen sinnvoller sind. Und wenn Vertrauen beschädigt ist oder Patientinnen und Patienten sich nicht gehört fühlen, wird aus jeder nächsten Erkältungswelle potenziell wieder dieselbe Schleife.
Damit verschiebt sich das Thema von „Wollen einzelne Menschen Antibiotika?“ hin zu „Wie entsteht eine Entscheidung, die trotz widersprüchlicher Indikationen zum Rezept führt?“ Genau diese Kette adressieren die Studien indirekt: Lügen entstehen aus Motiven wie wahrgenommener Schwere, Autonomiebedürfnis oder mangelnder Information. Gleichzeitig scheint die klinische Reaktion in der Mehrheit der Fälle zu schnell „am gewünschten Ziel“ zu landen. Für die Umsetzung in der Organisation heißt das, dass Stewardship nicht nur Formular- und Feedbacksysteme meint, sondern auch die Gesprächsarchitektur in Triage, Sprechstunde und Folgekontakt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich Leitlinien allein genügen – oder ob man den Vertrauensaufbau als genauso wichtigen Baustein behandelt.
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