TEHERAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Teheran plant, zahlreiche Metrostationen als Schutzräume in Kriegszeiten zu nutzen. Die Stadt arbeitet dafür an einem Konzept und will Hinweisschilder installieren. Damit soll die Bevölkerung bei schweren Angriffen schneller Schutz finden. Gleichzeitig bleibt unklar, wie viele Stationen für Teile der rund 15 Millionen Einwohner im Ernstfall rechtzeitig erreichbar sind.

In Teheran bekommt der Untergrund eine neue Rolle: Die Stadt prüft, Metrostationen gezielt als Schutzräume zu verwenden, während die Lage in der Region weiter angespannt bleibt. Laut Angaben des Vorsitzenden des Stadtrats, Mehdi Tschamran, soll derzeit ein entsprechendes Konzept erarbeitet werden. Dazu gehört auch die geplante Installation von Hinweisschildern, damit Menschen im Krisenfall schneller wissen, wohin sie sich orientieren müssen. Technisch betrachtet geht es dabei weniger um eine einzelne Maßnahme als um ein Bündel aus baulicher Ertüchtigung, organisatorischen Abläufen und der Frage, wie sich Menschenströme im Ernstfall lenken lassen.
Der Schritt knüpft an die Erfahrungen an, die politische Entscheidungsträger während früherer Phasen schwerer Bombardierungen in der Millionenmetropole beschrieben haben: Mehrfach wurden Menschen dazu aufgerufen, Metrostationen aufzusuchen. Allerdings betonen die vorliegenden Berichte, dass es im Iran kein flächendeckendes, durchgängiges Schutzraum-Konzept gebe, das Regionen gleichermaßen abdeckt. In Teheran stellt sich damit ein typisches Infrastrukturproblem: Eine Metropole besteht aus vielen, teils weit voneinander entfernten Quartieren, und die Erreichbarkeit eines Schutzorts hängt im Ernstfall unmittelbar von Distanzen, Verkehrswegen und der Geschwindigkeit ab, mit der sich Menschen bewegen können.
Für die Stadt bedeutet die Umstellung vor allem, dass Metrostationen nicht nur als Durchgangsorte funktionieren, sondern als kurzfristige Aufenthaltsräume. Tschamran verwies darauf, dass im Zuge der Vorbereitung auch die notwendigen Einrichtungen innerhalb der Stationen oder zumindest in unmittelbarer Nähe festgelegt werden. Damit sind im Kern Betrieb und Ausstattung gemeint: Welche Bereiche sollen gesichert werden, wie werden Zugänge organisiert und wie stellt man sicher, dass Menschen dort auch unter Stress handlungsfähig bleiben. Aus technischer Sicht geht es außerdem um die Frage, ob die Infrastruktur den Anforderungen an Luftaustausch, Räumlichkeiten, Beleuchtung und organisatorische Koordination genügt.
Teheran verfügt eigenen Angaben zufolge über rund 160 U-Bahn-Stationen. Einige davon liegen demnach in einer Tiefe von gut 40 Metern, was grundsätzlich den Vorteil bieten kann, dass solche Standorte stärker abschirmen als oberirdische Bereiche. Dennoch bleibt eine schlichte Gleichung: Je tiefer und vernetzter die Stationen sind, desto eher können sie Schutz bieten, aber desto mehr hängt die Nutzbarkeit davon ab, wie schnell Menschen die nächstgelegenen Stationen erreichen können. Für viele der rund 15 Millionen Einwohner dürften die Metrostationen laut den Berichten zu weit weg sein, um im Ernstfall rechtzeitig erreichbar zu werden. Genau an dieser Stelle scheitern viele Schutzkonzepte in Megastädten häufig nicht an der Idee, sondern an der Logistik.
Historisch betrachtet sind Metro- und Tunnelräume in verschiedenen Konfliktkonstellationen immer wieder als Ausweichorte genutzt worden. Der Unterschied zu klassischen Luftschutzmaßnahmen liegt darin, dass U-Bahn-Anlagen ursprünglich für den Fahrgastbetrieb konzipiert sind: Fahrpläne, Sicherheitstechnik, Beschilderung und Notfallprozesse sind auf den Alltag ausgerichtet. Für die Umwidmung braucht es daher zusätzliche Schichten im Betrieb. Entscheidend ist auch, wie die Stadt die Bevölkerung informiert, bevor der Ernstfall eintritt: Hinweisschilder sind hier ein sichtbares Element, aber sie ersetzen keine wiederholte, leicht verständliche Kommunikationsstrategie. Daneben entscheidet die Koordination zwischen Leitstellen, Betreiber und Stadtverwaltung darüber, wie schnell Stationen in einen Schutzmodus übergehen können.
Auch die gesellschaftliche Wirkung darf man nicht unterschätzen. Wenn eine Stadt Schutzräume über die Infrastruktur definiert, verändert das das Verhalten im Krisenfall: Menschen drängen gleichzeitig zu bekannten Orten, und ohne abgestimmte Flucht- und Sammelwege kann es dort zu Stau oder Überlastung kommen. Gleichzeitig kann die klare Benennung von Standorten Vertrauen schaffen, weil Unsicherheit im Ernstfall Zeit kostet. Genau deshalb ist die Kombination aus baulicher Vorbereitung, organisatorischer Planung und Kommunikation zentral. Das gilt insbesondere dann, wenn es – wie in den Berichten angedeutet – an einem durchgängigen Schutzraumkonzept für das gesamte Stadtgebiet fehlt.
Für die weitere Planung bleibt eine Reihe von Fragen offen, die in den vorliegenden Informationen nicht abschließend beantwortet werden. Welche Stationen sollen priorisiert werden, und nach welchen Kriterien? Wie wird die Stadt die Reichweite bewerten, wenn Teile der Bevölkerung länger unterwegs sind als andere? Und wie stellt man sicher, dass die erforderlichen Einrichtungen tatsächlich betriebsbereit sind, bevor die Lage zuspitzt? Für Stadt- und Infrastrukturverantwortliche steht damit weniger die politische Entscheidung im Vordergrund, sondern die Umsetzung im Detail – von der Beschilderung bis zur Ausstattung und zum reibungslosen Übergang vom Normalbetrieb in einen Schutzmodus. Bis dahin ist die wichtigste Erkenntnis: In großen Städten entscheidet der Abstand zwischen Wohnort und Schutzort über Nutzen oder Nutzlosigkeit – selbst wenn die Infrastruktur unter der Oberfläche vorhanden ist.
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