WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die dritte Verhandlungsrunde für einen neuen Kollektivvertrag in Gastronomie und Hotellerie ist ohne Einigung zu Ende gegangen. Während die Gewerkschaft vida 3,6 Prozent fordert, liegen die Arbeitgeber bei 3,0 Prozent. Der Streit verschärft sich vor dem Hintergrund von Kaufkraftverlusten, Inflation und einer wirtschaftlich gedämpften Lage. Gleichzeitig stehen politische Weichenstellungen wie die Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel und ein mögliches Spar- sowie Steuerpaket im Raum.

Die Tariflandschaft in Österreich bekommt einen weiteren Dämpfer: In der dritten Verhandlungsrunde für den Kollektivvertrag (KV) in Gastronomie und Hotellerie zwischen der Gewerkschaft vida und der Wirtschaftskammer (WKÖ) ist keine Einigung gelungen. Damit bleibt der Druck hoch, denn für rund 230.000 Beschäftigte bedeutet der Stillstand ein fortgesetztes Warten auf planbare Lohn- und Arbeitsbedingungen. Auffällig ist dabei weniger die formale Beendigung der Runde, sondern die klare Differenz in der Forderungslogik: Die Arbeitgeberseite nennt 3,0 Prozent mehr Lohn, vida setzt auf mindestens 3,6 Prozent.
Hinter dem Prozentsatz steckt allerdings mehr als Verhandlungstaktik. Lohnsteigerungen in personalintensiven Branchen wirken direkt auf Einsatzplanung, Schichtmodelle und die Fähigkeit, Fachkräfte zu halten. Genau hier prallen die Perspektiven aufeinander: Die Arbeitgeber verweisen auf bereits erfolgte Verbesserungen in den Vorjahren und argumentieren mit einer realwirtschaftlichen Machbarkeit. Die Gewerkschaft sieht zugleich einen unmittelbaren Handlungsdruck, um die Abwanderung in andere Sektoren zu stoppen. Für Unternehmen wird der Spielraum dadurch enger, dass gleichzeitig Kostenblöcke wie Energie und Lieferketten weiterhin spürbar bleiben.
Technisch betrachtet lässt sich der Kernkonflikt als Ungleichgewicht in einem „Arbeitskräfte-Ökosystem“ beschreiben: Wo Löhne hinter der Teuerung zurückbleiben, müssen Betriebe häufiger auf Aushilfen ausweichen oder die Produktivität über längere Auslastung stabilisieren. Das wiederum erhöht den Koordinationsaufwand und verschiebt Risiken auf das Management. Umgekehrt können steigende Lohnkosten bei gleichbleibender Nachfrage zu margenrelevanten Effekten führen, insbesondere in Regionen, in denen Auslastungsschwankungen stärker durchschlagen. Die anstehende Frage ist daher nicht nur, ob 0,6 Prozentpunkte im KV rechnerisch „viel“ oder „wenig“ sind, sondern wie sich daraus dauerhaft belastbare Planungen für Personal gewinnen oder verlieren lassen.
Der Markt- und Branchenkontext verschärft die Situation: EU-seitig wurden die Wachstumsaussichten für Österreich 2026 korrigiert, auf 0,6 Prozent. Damit liegt das Land gleichauf mit Deutschland am Ende der Rangliste; der EU-Schnitt bewegt sich bei 1,1 Prozent. Für Gastronomie und Hotellerie bedeutet eine schwächere Konjunktur häufig weniger Konsumspielraum, kürzere Aufenthalte und stärkere Preissensibilität. Branchenkenner berichten, dass die Energiepreise und die anhaltenden geopolitischen Spannungen, insbesondere im Nahost-Konflikt, zusätzliche Unsicherheit erzeugen. In diesem Umfeld wird jeder Tarifbeschluss schneller zu einer strategischen Stellschraube, die entweder Wettbewerbsfähigkeit stützt oder kurzfristig destabilisiert.
Auch der politische Rahmen spielt hinein. Die reale Kaufkraft ist laut OECD in Österreich 2025 gesunken, das reale verfügbare Pro-Kopf-Haushaltseinkommen um 1,8 Prozent; im OECD-Schnitt gab es dagegen ein Plus von 0,8 Prozent. Das trifft die Nachfrage nach Dienstleistungen unmittelbar, weil ein großer Teil der Ausgaben im Tourismus nicht „konsumnotwendig“ ist, sondern zeitlich und preislich elastisch. Laut Prognosen bleibt zudem die Inflation ein Unsicherheitsfaktor: Für Österreich werden 3,0 Prozent genannt. Zusätzlich verweist Finanzminister Marterbauer auf das hohe Budgetdefizit von 4,1 Prozent des BIP und darauf, dass die EU-Kommission am 3. Juni bewertet, ob ein Defizitverfahren droht. Für die Branche erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass sich Spar- oder Reformmaßnahmen mit unmittelbaren Folgeeffekten auf Beschäftigung und Nachfrage verzahnen.
Ein wichtiger zusätzlicher Faktor ist der Gesetzes- und Wettbewerbsmodus: Der Nationalrat hat die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel gesenkt, von 10 auf 4,9 Prozent. Betroffen sind unter anderem Milch, Butter, Eier sowie Reis, Nudeln und Mehl. Die Regierung erwartet eine Entlastung von 80 Euro pro Haushalt und Jahr. Zugleich will die Bundeswettbewerbsbehörde prüfen, ob die Preisvorteile tatsächlich an die Konsumenten weitergegeben werden. Wie Branchenbeobachter betonen, ist das für Gastronomie relevant, weil Inputkosten – etwa für Lebensmittel – zwar sinken können, aber nur dann spürbar bei Endpreisen ankommen, wenn Händler und Vorlieferanten die Senkung übertragen.
Der nächste Konfliktstrom läuft bereits an: Parallel zur Mehrwertsteuersenkung wird eine Paketsteuer geplant, ab Oktober sollen Onlinehändler mit über 100 Millionen Euro Jahresumsatz 2 Euro pro Sendung zahlen. Stationärer Handel begrüßt das, der Wiener Handel warnt dagegen vor Wettbewerbsnachteilen. Damit entsteht ein indirekter Bezug zur Hotellerie und Gastronomie, weil sich Einkaufs- und Lieferströme im Umfeld der Absatzkanäle verändern können: Wer über digitale Logistik anders einkauft oder höhere Versandkosten einpreist, wirkt auf Beschaffungsbudgets und Preisgestaltung. Dazu kommt ein mögliches Sparpaket für 2027/2028, das Einsparungen von 5,1 Milliarden Euro vorsieht, inklusive Änderungen beim Arbeitslosengeld und bei AMS-Förderungen. Für die Branche ist besonders entscheidend, ob diese Maßnahmen die Verfügbarkeit von Arbeitskräften verbessern oder belasten.
Im Zentrum der Tarifverhandlungen steht am Ende ein strategisches Aushandeln: Wie viel Lohnzuwachs ist so erreichbar, dass Beschäftigte spürbar entlastet werden und Betriebe gleichzeitig ihre Leistung ohne strukturellen Personalnotstand erbringen können. Der Blick nach außen zeigt, dass Gastronomie und Hotellerie bei der Mitarbeiterbindung in direkter Konkurrenz zu anderen arbeitsintensiven Branchen stehen – etwa zum Handel oder zu tariflich ähnlich gelagerten Bereichen wie dem Baugewerbe, die ebenfalls um Fachkräfte und verlässliche Schichtbesetzungen werben. Experten berichten, dass solche Wechselbewegungen oft weniger durch einzelne Prozentwerte ausgelöst werden, sondern durch die wahrgenommene Planungssicherheit: Stabilere Verträge, planbare Arbeitszeiten und verlässliche Kosten-Nachläufe entscheiden, ob Beschäftigte bleiben.
Welche Wochen sind entscheidend? Die nächsten Termine bündeln mehrere Unsicherheiten. Die EU-Kommission bewertet am 3. Juni das österreichische Budgetdefizit – davon hängt ab, wie viel Handlungsspielraum für ein Sparpaket besteht. Anfang Juli wird die Umsetzung der Mehrwertsteuersenkung genau beobachtet, insbesondere ob der Handel die Senkung vollständig weitergibt. Bereits am 26. Mai endet die Begutachtungsfrist für die Paketsteuer. Wenn parallel kein Tarifkompromiss gelingt, steigt das Risiko, dass Arbeitskampfmaßnahmen als Druckmittel wieder stärker in den Fokus rücken. Für Unternehmen bedeutet das: Personalplanung, Preiskalkulation und Beschaffungsstrategien müssen in kurzer Zeit mehrere Szenarien abdecken.
Der Ausblick lässt sich daher als Kombination aus kurzfristiger Tarifdynamik und langfristiger Strukturfrage lesen. Das WIFO rechnet bis 2031 mit durchschnittlichem Wachstum von nur 1,1 Prozent und nennt sinkende Wettbewerbsfähigkeit, demografische Entwicklung und geopolitische Risiken wie US-Zollpolitik. Zudem habe sich das Exportwachstum im Vergleich zum Vorjahrzehnt mehr als halbiert. In dieser Gemengelage wird der KV nicht isoliert betrachtet werden: Er steht im Spannungsfeld aus Budgetpolitik, Nachfrageentwicklung und einem Arbeitsmarkt, in dem qualifizierte Kräfte knapp bleiben. Für die nächsten Verhandlungsrunden heißt das: Die Sozialpartner müssen eine Lösung finden, die sowohl Kaufkraft als auch betriebliche Tragfähigkeit adressiert, sonst werden sich die Lohnkosten und die Nachfragerisiken gegenseitig verstärken.
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