LONDON (IT BOLTWISE) – Das Programm TRISH finanziert ein Projekt von Holobiome, das Next-Gen-Probiotika für Langzeitmissionen im All entwickeln soll. Im Fokus steht, wie sich die Zusammensetzung der Darmmikrobiota durch Mikrogravitations- und Strahleneffekte verändert. Ziel sind gezielte Stämme, die neuroaktive Verbindungen bilden und so Verhalten, Stressresilienz und kognitive Leistung unterstützen könnten. Die Erkenntnisse sollen außerdem als Mikrobiom-basierte Gegenmaßnahmen für Menschen in abgeschiedenen oder extremen Umgebungen auf der Erde nutzbar werden.

Langstreckenmissionen jenseits der niedrigen Erdumlaufbahn machen ein Thema unausweichlich: Raumfahrt ist nicht nur Technik, sondern auch Biologie. Sobald Astronauten über längere Zeit belastet werden, rücken Faktoren wie Mikrogravitation, Strahlung und missionsbedingter Stress in den Mittelpunkt medizinischer Forschung. Genau an dieser Schnittstelle setzt das Translational Research Institute for Space Health (TRISH) an und unterstützt Projekte, die erklären sollen, wie Raumbedingungen die Immunfunktion, die psychische Verfassung und die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen. Der Ansatz: nicht einzelne Organe isoliert betrachten, sondern das Zusammenspiel im Körper – insbesondere über das Darmmikrobiom.
Holobiome entwickelt dafür Therapien, die aus Darmmikroben gewonnen werden, und arbeitet an Next-Generation-Probiotika. Das Unternehmen stützt sich dabei auf eine große Kollektion von Mikroben, die im menschlichen Darm leben, und untersucht, welche Rolle einzelne Bakterienstämme für Gesundheit und Verdauung spielen. Im technischen Kern geht es um mehr als “gute” und “schlechte” Bakterien: Die Forschung betrachtet, wie Mikroben über Stoffwechselprodukte in komplexen Kommunikationswegen wirken. Bekannt ist in diesem Zusammenhang die sogenannte Gut-Hirn-Achse, also eine bidirektionale Signalverbindung zwischen Darm und Gehirn, bei der sowohl Immunmarker als auch neuronale und endokrine Signalwege eine Rolle spielen können.
Für TRISH ist diese Mikrobiom-Perspektive besonders relevant, weil die Umwelt im All die Balance dieser Mikrobengemeinschaft verschieben kann. Mikrogravitation, Strahlenbelastung und psychosozialer Druck können demnach das Gleichgewicht “nutznährender” Stämme stören. Wenn sich die Zusammensetzung verändert, können laut dem Forschungsansatz mehrere gesundheitsrelevante Bereiche betroffen sein: digestive Gesundheit, Stimmungslage, Stressresilienz und kognitive Leistung. Genau diese Mehrfachwirkung ist ein Grund, warum man im Weltraumkontext nicht nur auf klassische Prophylaxe setzt, sondern nach Gegenmaßnahmen sucht, die das System als Ganzes adressieren – vom Stoffwechsel bis zur Stressverarbeitung.
Die Finanzierung läuft dabei bereits seit 2020: TRISH hat Holobiome Mittel bewilligt, um die Entwicklung von Next-Generation-Probiotika voranzutreiben, die auf Risiken im Bereich Verhalten und psychische Gesundheit bei Langzeitmissionen zielen. Der Projektfokus geht konkret in Richtung mikrobieller Stämme, die neuroaktive Verbindungen produzieren können. Diese Verbindungen sollen mit den körpereigenen Signalisierungssystemen interagieren; daraus leitet sich die Erwartung ab, dass sich Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit in extremen Umgebungen stabilisieren lassen. Für die Umsetzbarkeit in der Praxis ist das entscheidende Detail: Solche Wirkungen sind nur dann plausibel, wenn die relevanten Stämme wiederholbar selektierbar, fermentierbar und in einer Form bereitstellbar sind, in der sie im Zielmilieu des Menschen tatsächlich ankommen.
Dass TRISH die Finanzierung als Möglichkeit sieht, auch unkonventionelle Forschungswege zu prüfen, betont Dr. Phil Strandwitz, Gründer und CEO von Holobiome, in dem Wortlaut: „TRISH’s support allowed exploration of innovative approaches that may not have been possible otherwise, “ sagte Dr. Phil Strandwitz, founder and CEO of Holobiome. „The collaboration helped advance understanding of how the gut microbiome can influence behavioral and physical health in spaceflight, while creating opportunities to translate those discoveries into solutions that can benefit people on Earth.“ Entscheidend ist dabei weniger der Marketing-Charakter solcher Statements als die inhaltliche Zielrichtung: die Brücke zwischen Grundlagenwissen über Mikrobenwirkungen und translationalen Anwendungen, die am Ende als Prophylaxe oder therapeutisches Konzept funktionieren sollen.
Für die Biotech- und Gesundheitsbranche ist zudem der Transfer-Aspekt interessant. Wenn sich Gegenmaßnahmen für Astronauten bewähren, könnten sich die gleichen Prinzipien auf Menschen übertragen lassen, die unter ähnlichen Randbedingungen leben oder arbeiten: isolierte und abgelegene Regionen, polare Forschungsteams, Offshore-Betriebe oder militärische Einheiten. Auch Menschen mit begrenztem Zugang zu medizinischer Versorgung profitieren potenziell von Strategien, die präventiv an zentralen biologischen Regelkreisen ansetzen. Aus Marktsicht schafft das eine zweite Zielgruppe neben der Raumfahrt: Probiotika und mikrobielle Therapien, die nicht nur “Verdauungswohlbefinden” adressieren, sondern auch psychische und kognitive Dimensionen.
Technisch betrachtet verschiebt ein Projekt wie dieses den Blick auf Probiotika von einer generischen Kategorie hin zu gezielten, funktionell definierten Stämmen. Statt lediglich Nahrungsergänzungen zu liefern, zielt die Entwicklung auf definierte mikrobiologische Eigenschaften, die sich mit neuroaktiven Stoffwechselprodukten verbinden lassen. Das ist allerdings auch eine anspruchsvolle Aufgabe: Die Wirksamkeit hängt von individuellen Ausgangszuständen, Interaktionen mit Ernährung und Immunstatus sowie von der Stabilität der Proben im Transport- und Lagerprozess ab. Genau deshalb ist die Kombination aus Raumfahrt-Forschungsrahmen und mikrobieller Präzisionsentwicklung für viele Teams so attraktiv – sie zwingt zu klaren Endpunkten, die sich später auch in irdischen Studien sauber abprüfen lassen.
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