WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die neue Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) zeigt, wie stark die wirtschaftlichen Folgen der russischen Angriffe die Ukraine weiter einbremsen. Für 2026 rechnet das Institut nur noch mit einem Wachstum von 0,6 Prozent, deutlich schwächer als zuvor. Auch für 2027 wurde die Erwartung auf 2,1 Prozent gesenkt, knüpft sie aber an anhaltende finanzielle und militärische Unterstützung. Parallel verschärfen zerstörte Energieanlagen, ein Einbruch der Getreideexporte um 70 Prozent und die Teuerung mit hohen Zinsen die Lage weiter.

Die wirtschaftliche Lage der Ukraine wirkt in den aktuellen Zahlen weniger wie eine Momentaufnahme des Kriegsalltags, sondern eher wie ein strukturelles Stress-Testszenario. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) beschreibt die Entwicklung als zunehmend „mit dem Rücken zur Wand“ und bezieht sich dabei auf die anhaltenden russischen Luftangriffe. Die Kernaussage der neuen Prognose ist eindeutig: Der Handlungsspielraum schrumpft, weil Infrastruktur, Versorgungsketten und Investitionsfähigkeit gleichzeitig unter Druck geraten. Für Unternehmen und Entscheider wird damit vor allem sichtbar, wie stark makroökonomische Erwartungen direkt von Schäden an Energieanlagen und Transportwegen abhängen.
Im Detail senkte das wiiw die Erwartung für das ukrainische Wirtschaftswachstum 2026 auf 0,6 Prozent. Das bedeutet eine Abwärtskorrektur um 0,4 Prozentpunkte gegenüber der vorherigen Prognose aus dem Juli. Auch die Perspektive für 2027 wurde nach unten revidiert: Die Wachstumsrate liegt nun bei 2,1 Prozent, wiederum um 0,4 Prozentpunkte niedriger als zuvor. Auffällig ist dabei die Konditionierung der Prognose: Sie gilt „falls“ die Ukraine genug finanzielle und militärische Unterstützung aus dem Ausland erhält. Genau in dieser Verknüpfung aus Realwirtschaft und Budgetspielraum liegt die wirtschaftspolitische Zündschnur für die kommenden Quartale.
Die Gründe sind im wiiw-Report eng mit den beobachtbaren Effekten der Angriffe verknüpft. Russische Luftangriffe hätten nach Angaben des Instituts ukrainische Energieanlagen und Infrastruktur sowie Verladeeinrichtungen am Schwarzen Meer zerstört. Für die Wirtschaftsentwicklung ist das mehr als eine infrastrukturelle Schadensliste: Energieausfälle wirken in der Regel wie ein Bremsklotz auf Produktion, Logistik und Kühlketten, während beschädigte Verladebereiche den Abfluss von Waren verzögern. Das Institut macht den Zusammenhang auch bei der Exportseite fest: Getreideexporte seien im August um 70 Prozent im Vergleich zum Juli eingebrochen. Parallel leide die Stahlindustrie massiv unter den Angriffen. Wenn also zwei besonders „kapitalintensive“ Sektoren wie Energie und Stahl gleichzeitig gestresst werden, steigt nicht nur die aktuelle Produktionslücke, sondern auch das Risiko für verspätete Lieferfähigkeit und höhere operative Kosten.
Zusätzlich verschärfen makroökonomische Faktoren das Bild. Das wiiw verweist auf starke Teuerung und hohe Zinsen, die die Wirtschaft zusätzlich bremsen. Damit prallen gleich mehrere Mechanismen aufeinander: Unternehmen müssen nicht nur mit unsicheren Absatzpfaden rechnen, sondern auch mit Finanzierungskosten, die Investitionen schwerer machen. In so einer Konstellation verschiebt sich auch der wirtschaftliche Schwerpunkt weg von Expansion hin zu Stabilisierung – etwa durch kurzfristige Liquiditätssicherung, vorsichtiges Working-Capital-Management und die Erhöhung von Lager- und Absicherungsstrategien. Die Prognose deutet damit an, dass „Wachstum“ ohne eine Verbesserung der realwirtschaftlichen Grundbedingungen und ohne ausreichend stabile Finanzierung kaum in Schwung kommt. Olga Pindyuk, eine Ukraine-Expertin des Instituts, formulierte den nächsten Prüfstein entsprechend: „Der fünfte Kriegswinter dürfte die Ukraine vor eine harte Bewährungsprobe stellen“.
Während die Ukraine also vor allem mit den Zerstörungen und den daraus folgenden wirtschaftlichen Folgeschäden kämpft, betrachtet das wiiw auch die russische Seite. Russland kämpfe laut Institut ebenfalls mit den Folgen seines Angriffskriegs, zugleich schätzt der Russland-Experte Vasily Astrov die Finanzierungsfähigkeit deutlich optimistischer ein: „Auch im nächsten Jahr wird Präsident Putin keinerlei Probleme haben, den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren.“ Der zentrale Punkt dahinter ist aus Sicht des Instituts, dass der Staat sich weiterhin Geld bei inländischen Banken leihen könne. Damit entsteht ein wirtschaftspolitisches Ungleichgewicht: Die Ukraine hängt stärker von externen Zuflüssen ab, während Russland finanziell offenbar mehr Spielraum im eigenen Bankensystem sucht. Für die Marktbeobachtung ist das insofern relevant, als solche Finanzierungswege häufig über Zins-, Wechselkurs- und Investitionserwartungen in die Realwirtschaft hineinwirken.
Die Prognose ordnet außerdem weitere kriegsbedingte Effekte ein, die beide Volkswirtschaften direkt treffen. Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien hätten zu einer Treibstoffkrise geführt, die wiederum die Inflation anheizt. Moskau habe ein Exportverbot für Treibstoffe verhängt; dadurch profitiere das Land weniger stark von den derzeit hohen Weltmarktpreisen, so die Wiener Ökonomen. Gleichzeitig müsse die russische Industrie zusätzlich mit westlichen Sanktionen zurechtkommen. Auf Makroebene äußert sich das in Zahlen: Das wiiw erwartet für Russland 2026 ein Wachstum von 0,6 Prozent und für 2027 von 1,3 Prozent. Die Entwicklung wirkt damit weniger wie ein Ausreißer nach oben, sondern eher wie ein anhaltendes „seitwärts“, das von Kriegsfolgen, politischen Rahmenbedingungen und wirtschaftlicher Reibung geprägt ist.
Für Entscheider in der Region ergibt sich aus dieser Gemengelage ein klares Muster: Wirtschaftliche Erwartungen werden kurzfristig besonders stark durch Energie- und Logistikinfrastruktur bestimmt, während mittelfristige Erholung an Finanzierungsstabilität und Unterstützung gekoppelt bleibt. Wer Produktionsstandorte betreibt, wird daher zunehmend die Resilienz über klassische Kostenrechnungen hinaus bewerten müssen – etwa durch Redundanzen in der Energieversorgung, Alternativen in der Warenabfuhr und Investitionsentscheidungen, die auch bei eingeschränkten Exportwegen tragfähig bleiben. Gleichzeitig zeigt die russische Komponente der Prognose, dass selbst bei finanzieller Toleranz die Industrie- und Preisdynamik nicht „kostenlos“ bleibt. Unterm Strich macht die wiiw-Analyse deutlich, wie stark sich in diesem Konflikt Wirtschaftspolitik, Infrastruktur und Handelsströme wechselseitig überlagern, bis sich die Schadensketten entweder schließen oder weiter verstärken.
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