BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur nennen 56 Prozent die schlechte personelle Ausstattung als Hauptgrund für die schwachen Pisa-Ergebnisse. Knapp dahinter sehen 53 Prozent vor allem das Freizeit- und Medienverhalten der Kinder, etwa zu viel Zeit am Handy. Weitere genannte Faktoren sind Lehrpläne (45 Prozent) sowie Lücken in der frühkindlichen Bildung (41 Prozent). Besonders deutlich wird der Befund bei Basiskompetenzen: Rund ein Viertel der Jugendlichen fehlt in Naturwissenschaften, beim Lesen und in Mathematik sogar etwa ein Drittel.

Die Diskussion um die schwachen Ergebnisse der jüngsten Pisa-Erhebung bekommt aus der Politikberatung nun eine klare Stoßrichtung: In einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sehen 56 Prozent der Befragten den größten Hebel bei der personellen Ausstattung der Schulen. Der Befund ist insofern bemerkenswert, als er nicht bei abstrakten Bildungszielen ansetzt, sondern bei der täglichen Unterrichtsqualität und damit bei einer Voraussetzung, die Lehrkräfte, Vertretungsmanagement und individuelle Förderung unmittelbar beeinflusst. Wenn jeder zweite Befragte gerade den Personalmangel als Ursache markiert, wird daraus weniger eine Kultur- oder Medienfrage, sondern eine Ressourcen- und Umsetzungsfrage.
Eng damit verknüpft ist die zweite starke Antwortkategorie: 53 Prozent führen die Pisa-Probleme auf das Freizeitverhalten der Kinder zurück, konkret genannt wird etwa zu viel Zeit am Handy. Damit zeigt sich ein Spannungsfeld, das im Schulalltag sehr konkret wird: Lernzeiten, Konzentrationsfähigkeit und häusliche Unterstützung sind bei der Mediennutzung häufig mitbetroffen. Gleichzeitig darf man die Korrelation nicht mit Kausalität verwechseln. Die Umfrage ordnet zwar Prioritäten zu, aber sie beschreibt keine Messung der individuellen Lernergebnisse pro Nutzungsprofil. Für Bildungspolitik ist das dennoch relevant, weil Maßnahmen, die nur bei Lehrplänen oder nur bei Personal ansetzen, möglicherweise an anderen Stellschrauben vorbeigehen.
Mit 45 Prozent werden außerdem die Lehrpläne als Ursache genannt, während 41 Prozent die frühkindliche Bildung in den Mittelpunkt rücken. Die Kombination aus Lehrplan- und Frühförder-Sicht passt zu dem in Pisa immer wieder auftauchenden Muster: Basiskompetenzen entstehen nicht erst im Klassenzimmer der Sekundarstufe, sondern werden über Jahre aufgebaut. Gerade die frühen Jahre wirken dann in späteren Stadien nach, etwa wenn Sprach- und Mathematikgrundlagen fehlen oder wenn Lernstrategien nicht früh eingeübt wurden. Dass zugleich ein erheblicher Anteil der Befragten die Lehrpläne problematisiert, deutet darauf hin, dass auch die Abstimmung zwischen Anspruchsniveau, Stoffplanung und tatsächlicher Unterrichtszeit als Teil des Problems wahrgenommen wird.
Die Umfrage bezieht sich auf eine Pisa-Auflage, in der die 15-Jährigen in Deutschland so schlecht abgeschnitten haben wie nie zuvor. Auffällig ist dabei der konkrete Mangel an Basiskompetenzen: Etwa jedem vierten Jugendlichen fehlen Grundkenntnisse in den Naturwissenschaften. Beim Lesen und in Mathematik gilt das sogar für rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler. Diese Zahlen verschieben den Fokus von der Frage, ob Schülerinnen und Schüler „motiviert“ sind, hin zu der Frage, ob sie grundlegende Fähigkeiten in dem Ausmaß beherrschen, das späteres Lernen erst ermöglicht. Für Schulleitungen und Bildungsträger heißt das, dass Förderkonzepte nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ ausreichend dimensioniert sein müssen.
Auch die Verantwortungsfrage wird in der Umfrage sichtbar und liefert Hinweise darauf, welche politischen Hebel als glaubwürdig gelten. 35 Prozent sehen in den Landesregierungen die Hauptverantwortlichen, insbesondere mit Blick auf die Koordination von Veränderungen zwischen den Ländern über die Kultusministerkonferenz. Weitere 24 Prozent nennen die einzelnen Landesregierungen für Maßnahmen vor Ort. Daneben wünschen 25 Prozent, dass die Bundesregierung mehr Förderprogramme auflegt. Dieses Antwortmuster zeigt, wie stark das deutsche Bildungssystem als Mehr-Ebenen-Struktur wahrgenommen wird: Länder setzen um, koordinieren sich, und der Bund wird als zusätzlicher Verstärker für Programme betrachtet.
Dass in der Befragung zwischen dem 11. und 14. September 2026 insgesamt 2.161 Wahlberechtigte befragt wurden, verleiht den Aussagen eine solide statistische Basis, auch wenn Umfragen naturgemäß nicht dieselbe Messschärfe wie Tests liefern. Für Entscheider zählt vor allem die Rangfolge der wahrgenommenen Ursachen, weil sie politische Priorisierung erleichtert. Wenn Personalmangel (56 Prozent) und Freizeit- bzw. Medienverhalten (53 Prozent) knapp beieinander liegen, wird deutlich, dass gleichzeitig unterschiedliche Zeithorizonte betroffen sind: Personalfragen lassen sich nicht kurzfristig „herbeireformieren“, während Mediengewohnheiten oft schneller durch pädagogische Begleitung und Rahmenbedingungen adressiert werden könnten.
Für die Umsetzung bedeutet das: Maßnahmen zur KI-gestützten Diagnostik oder zur Lernförderung sind nur dann wirksam, wenn sie in einen realen Unterrichtsbetrieb mit ausreichender Kapazität eingebettet sind. Dort, wo Fachkräfte fehlen, bleiben digitale Tools häufig Zusatzaufgaben statt systematische Unterstützung. Umgekehrt können zusätzliche Förderprogramme und neue Lehrplan-Ansätze nur dann nachhaltig wirken, wenn ausreichend Zeit und Personal für Differenzierung vorhanden sind. Entscheidend wird damit weniger das „Ob“ einzelner Reformelemente, sondern das Zusammenspiel aus Personal, Unterrichtsgestaltung, Frühförderung und Lernumgebung – genau die Klammer, die die Umfrage aus Sicht der Öffentlichkeit am deutlichsten setzt.
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